15. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2015 | 7. Nissan 5775

Far a besserer Welt

Der Jüdische Arbeiterbund gehört zu den Verlierern der Geschichte, doch bleibt der Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit aktuell

Von Rebekka Denz

„Far a besserer Welt“ – für eine bessere Welt: So lässt sich noch immer der Traum des „Bund“ beschreiben, der Partei, die den Juden Osteuropas einstmals eine Alternative zum Zionismus und zur Religion ebenso wie zur Akkulturation bieten wollte. Heute sind die Bundisten nicht mehr zahlreich. In kleinen Gruppen kommen sie in New York, in Tel Aviv oder in Melbourne zusammen. Sie sind alt geworden, viele sind verstorben, nur wenige Jüngere haben sich ihren Reihen angeschlossen.
Aber Geschichte(n) soll man von vorne erzählen: Einen Tag nach Jom Kippur, Anfang Oktober 1897, trafen sich 13 jüdische Männer und gründeten heimlich die Partei „Allgemeiner Jiddischer Arbeter-Bund“. Ort des Geschehens war ein Häuschen am Rande von Wilna. Ihr Ziel war es, das Schicksal der bitterarmen jüdischen Arbeiterschaft im zaristischen Russland zu verbessern. Mit der Zeit sollte der Allgemeine Jüdische Arbeiter-Bund zur größten jüdischen Organisation im östlichen Europa anwachsen.
Die bundische Bewegung fußte auf drei Säulen, die ineinandergriffen: Sozialismus, „Jiddischkeyt“ und „Do’ikeyt“. Mit „Jiddischkeyt“ war nicht die Religion, sondern eine säkulare kulturelle Identität gemeint. „Do’ikeyt“ – in etwa „Hier-Sein“ (von „Do“, Jiddisch für „hier“) – drückte das Zugehörigkeitsgefühl zu dem Land aus, in dem die Juden lebten. Das Heimatgefühl war aber nicht mit Gleichmacherei identisch. Jede Volksgruppe im multiethnischen Osteuropa sollte sich, so der Bund, im Rahmen einer national-kulturellen Autonomie entfalten können, auch die Juden. Die zionistische Idee wurde vom Bund abgelehnt.
Von 1897 bis zur Revolution von 1917 war der „Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland“ eine illegale revolutionäre Bewegung. Zu seiner Blütezeit gelangte er ab 1918 in dem als unabhängiger Staat wiederhergestellten Polen. Bundisten bauten das jiddische Schulwesen mit aus. Es gab eine bundische Jugendorganisation und eine Organisation für Frauen.
Während des Holocausts wurde der Bund – wie jüdisches Leben in Osteuropa schlechthin – weitestgehend vernichtet. Seine Mitglieder waren im Widerstand gegen die deutsche Besatzung tätig, darunter Marek Edelmann, einer der Kommandeure des Aufstands im Warschauer Ghetto. Im Polnischen Nationalrat, dem Exilparlament der polnischen Republik, wurde der Bund von Szmul Zygielbojm vertreten. Im Mai 1943, nach der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands, beging Zygielbojm aus Protest gegen die Untätigkeit der Alliierten angesichts des Genozids an Juden Selbstmord. Zwei führende Persönlichkeiten der polnischen Bund-Partei, Wiktor Alter und Henryk Ehrlich, wurden in der Sowjetunion ermordet. In der Sowjetunion selbst war der Bund vom kommunistischen Regime schon lange davor zerstört worden.
Nach dem Krieg versuchte der Bund, sich in Polen neu aufzustellen. Im Jahr 1947 zählte er dort 1500 Mitglieder, doch waren weder seine jüdische Orientierung noch seine Ideologie mit dem zunehmend herrschenden Kommunismus vereinbar. 1949 wurde die Partei in Polen aufgelöst.
Bemühungen, die Bund-Tradition fortzusetzen, verlagerten sich nach Übersee. 1947 kam mit dem „Weltkoordinationskomitee von bundischen und angegliederten jüdischen sozialistischen Organisationen“ auch die Zentrale der Bund-Bewegung an den Hudson.
Allerdings konnte die Partei nicht einmal annähernd an ihre frühere Größe anknüpfen. In der Neuen Welt fehlte es an der Masse der für ihre Ideologie zu begeisternden Menschen. In Übersee konzentrierten sich aus Europa emigrierte Bundisten darauf, die Geschichte des Bundes in Jiddisch aufzuschreiben und jiddische Kultur zu pflegen.
Bundische Exilanten und ihre Nachfahren leben heute über die ganze Welt zerstreut und haben ihre Ideen in viele Länder mitgenommen. In Australien gibt es einen Ableger der Bund-Kinderorganisation SKIF, der jährliche Sommerlager durchführt. In New York trifft man sich bei Veranstaltungen des „Arbeter-Ring“. In Israel erscheint die jiddische Online-Zeitung „Lebns-Fragn“. Weiterhin ist der Bund seit 2008 in Form des wissenschaftlichen Netzwerks „bundism.net“ online vertreten. Die Aktivität dieser Web-Initiative gipfelte 2012 in einer internationalen Tagung in Warschau, auf der neue Perspektiven der Bund-Forschung diskutiert wurden.
Der Bund gehört zu den Verlierern der Geschichte. Seine geografische Heimat, die Welt des osteuropäischen Judentums, ist untergegangen. Damit entbehrt die Idee der „Do’ikeyt“ einer Basis. Die Idee des Sozialismus ist nicht mehr en vogue, und Jiddisch ist bei der jüngeren Generation der Juden fast vollständig von den Landessprachen, inklusive Hebräisch, verdrängt worden. Der Traum von der Gleichheit in Vielfalt und das Streben von einer gerechten und solidarischen Welt – dieser Traum bleibt dagegen immer aktuell.