15. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2015 | 7. Nissan 5775

Große Familie

Der Gemeinde-Seder hat in Deutschland Tradition

Von Heinz-Peter Katlewski

Der Seder. Ein Fest der Familie. Die Generationen versammeln sich um den gedeckten Tisch. Oft kommen Angehörige zusammen, die sich sonst kaum sehen. Der Seder-Abend ist eine schöne Tradition und gerade auch wegen seiner großen Rolle für die Familie einer der Höhepunkte des jüdischen Jahres.
Gerade in der Bundesrepublik hat aber auch eine andere Tradition ihren festen Platz: Der Gemeinde-Seder. In jüdischen Gemeinden Deutschlands kommen Menschen zusammen, um gemeinsam an den Auszug aus Ägypten zu erinnern. Heute bietet ein großer Teil der Gemeinden den Gemeinde-Seder an. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag dazu, dass rund 80 bis 90 Prozent aller Gemeindemitglieder in Deutschland, wie Rabbiner Dr. Gabor Lengyel von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover erklärt, das Fest auf die eine oder andere Art begehen.
Indessen reichen die Anfänge des Gemeinde-Seders tief ins jüdische Leben nach der Schoa zurück. Die Sy­nagogen-Gemeinde Köln lud schon im April 1946, ein Jahr nach ihrer Wiedergründung, zu Pessach zu einem ersten Gemeinde-Seder ein. Die Feier der kleinen Gemeinde von Schoa-Überlebenden und Rückkehrern fand im ehemaligen Israelitischen Asyl statt. Seither gehörten Gemeinde-Seder zur Normalität in Köln, meint Israel Meller, Sekretär des Kölner Rabbinats. Auch deshalb, weil es in der Nachkriegsgemeinde als Folge der Schoa kaum vollständige Familien gab – die Gemeinde musste die Familie ersetzen.
Mit der Zuwanderung aus der Ex-UdSSR wurde die Institution des Gemeinde-Seders noch wichtiger. Viele der nach 1989 neu hinzugekommenen Gemeindemitglieder hatten keine oder kaum Erfahrung mit seiner Liturgie. Die Feier im Kreis der Gemeinde war die natürlichste Form, daran teilzunehmen und die Gemeinschaft zu erleben. In einer bedeutenden Messe- und Geschäftsstadt wie Köln richtet sich dieses Angebot heute aber auch an die jüdischen Gäste der Stadt. Auch in diesem Jahr sind die Seder-Abende deshalb sehr gefragt. Die Besucher der Stadt und die mehr als 4000 Juden in der Kartei der orthodox geführten Synagogen-Gemeinde können zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden: Zwei Abende werden im Festsaal des Gemeindehauses Roonstraße (1. und 2. Pessachtag) stattfinden, und je ein Abend im Wohlfahrtszentrum Ottostraße sowie in den beiden Begegnungszentren in Chorweiler und Porz. Auch die kleine liberale Gemeinde in der Stammheimer Straße lädt Mitglieder und Gäste zu ihrem Seder ein.
In Frankfurt am Main wird es ebenfalls am ersten wie am zweiten Pessachabend jeweils einen Seder der Gemeinde geben. Rabbiner Julian Chaim Soussan rechnet mit weit über 400 Gästen, die an Zehner- und Zwölfertischen sitzen werden. Jede Tischrunde feiert den Seder zwar für sich, isst die Kräuter, versteckt den Afikoman, trinkt die vier Becher Wein, isst die Mazze und das Festmahl – aber durch die Haggada leitet der Rabbiner. Kantor, Gemeindechor und einige Festteilnehmer lesen und singen auf Deutsch und Hebräisch die Haggada, aber manchmal etwas leiser, damit der Rabbiner die Geschichte erläutern kann. Manchmal tragen Gäste noch Melodien und Bräuche aus anderen jüdischen Traditionen bei.
Der erste Abend werde in Frankfurt eher klassisch verlaufen, der zweite dagegen sei als Familien-Seder geplant. Für die Kinder hat Rabbiner Soussan ein paar besondere Elemente im Programm: Für die vier Fragen der Haggada wird er sie alle auf die Bühne bitten. Und bei der Schilderung der Plagen, hat er ein paar Aktionen im Repertoire, die die Aufmerksamkeit der Kinder sichern sollen: Wasser wird sich blutrot färben, es wird Pingpongbälle hageln und die Kinder dürfen wie Frösche quakend durch den Saal hüpfen. „Wir sind eine große Familie!“, betont Rabbiner Soussan. Jeder solle die Feier auch in diesem Sinne genießen.
„Wir sind eine Familie!“, meint auch Stella Shcherbatova, Leiterin des Begegnungszentrums der Kölner Synagogen-Gemeinde im Stadtteil Porz. „Zu unserem Seder kommen etwa 100 Menschen, ältere wie jüngere, Kinder und Enkelkinder.“ Vielleicht kämen etwas mehr Ältere, weil von ihnen viele allein oder nur zu zweit lebten. Die Haggada werde zwar auf Hebräisch gelesen, aber alle am Seder-Tisch hätten eine Übersetzung vor sich liegen.
Rabbiner Lengyel wird in diesem Jahr den ersten Abend mal wieder im Familien- und Freundeskreis begehen. In Lengyels hannoverscher Gemeinde wird der Kantor amtieren. Den Unterschied beschreibt der Rabbiner so: In der Familie setze die Feier bei beginnender Dunkelheit ein und höre erst spät in der Nacht auf. Bei einem Gemeinde-Seder mit 120 bis 130 Menschen müsse man dagegen innerhalb von anderthalb bis zwei Stunden das Wesentliche hinter sich gebracht haben. Manche Gäste verabschiedeten sich sogar schon nach einer Stunde. Dabei kostet der Abend durchaus einiges an Geld, denn es muss viel vorbereitet und eingekauft werden.
Die zweite Seder-Nacht wird Rabbiner Lengyel im Kreis seiner zweiten Gemeinde, der Jüdischen Gemeinde Göttingen, verbringen. Diese Gemeinde ist deutlich kleiner und der Rahmen mit etwa 50 Gästen überschaubarer. Gabor Lengyel ist bemüht, viele bei der Lesung der Haggada einzubinden. Einige bittet er, sich besonders vorzubereiten. Je nach Zusammensetzung der Runde sind deshalb verschiedene Sprachen zu hören, vor allem Deutsch, Russisch, Hebräisch und Englisch. Die Aufgabe des Rabbiners sieht er eher darin, zwischendurch die symbolischen Handlungen mit ein paar Worten zu erklären und Brücken zu schlagen zwischen den antiken Bildern und ihrer Deutung für das Leben heute. Dass viele vor allem der schönen Atmosphäre wegen an diesem Fest teilnehmen, ist ihm bewusst. Aber er hofft, dass viele auch Wissen erwerben und den nächsten Seder selbst ausrichten können: „Das ist der einzige Feiertag“, meint der Rabbiner, „an dem ich sage: Ihr müsst nicht wiederkommen, wenn ihr gelernt habt, wie es geht, und es im nächsten Jahr zu Hause im Kreise von Familie und Freunden selber macht.“