15. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2015 | 7. Nissan 5775

Traditionell offen

Die Jüdische Gemeinde Offenbach führt ein reichhaltiges religiöses und soziales Leben

Von Barbara Goldberg

Ein großer Teil der jüdischen Gemeinden in Deutschland fällt in die Kategorie „mittelgroß“ – was aber niemals als ein Ausdruck von Mittelmaß missverstanden werden darf. Vielmehr zeichnen sich die „Mittelgroßen“ durch ein erstaunlich reichhaltiges religiöses, kulturelles und soziales Leben aus. Für die Jüdische Gemeinde Offenbach trifft das ganz sicher zu. Und zwar schon seit langem, denn bereits im Jahr 1956 wurde die Offenbacher Synagoge als das erste nach der Schoa in der Bundesrepublik errichtete jüdische Gotteshaus eingeweiht.
Die Planungen für den Bau hatten schon 1950 begonnen – und dies ungeachtet der Tatsache, dass das Gebäude der alten Synagoge trotz der Zerstörung im Inneren die „Reichskristallnacht“ überstanden hatte. Die Vorkriegssynagoge, befand die Ende der 1940er Jahre entstandene Gemeinde, sei für die wenigen Juden, die sich in Offenbach zum Gottesdienst versammelten, zu imposant und zu groß.
Auch in religiöser Hinsicht ging die nach der Schoa gegründete Gemeinde andere Wege. „Die Vorkriegsgemeinde“, erläutert Alfred Jacoby, der amtierende Gemeindevorsitzende, „war liberal, während die wenigen Überlebenden, die sich nach der Schoa hier niederließen, dem traditionellen Judentum angehörten.“ Zu ihnen zählte auch Jacobys Vater, der 1946 aus Polen nach Offenbach gekommen war. Wie heute sein Sohn, so war auch er viele Jahre lang im Vorstand der Gemeinde tätig.
Dabei lebt die Familie schon seit langer Zeit im nahen Frankfurt. Aber Jacoby, Architekturprofessor und Leiter des „Dessau Institute of Architecture“, hält Offenbach bis heute die Treue: „Hier bin ich geboren, hier habe ich gelebt, bis ich elf Jahre alt war. Das hier bleibt meine Gemeinde“, versichert er.
Knapp 900 Mitglieder zählt diese jüdische Gemeinde aktuell, rund die Hälfte davon sei auf Transferleistungen angewiesen, erzählt Mark Dainow, Jacobys Stellvertreter und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Weil viele Mitglieder über keine ausreichenden Mittel verfügten, sei es umso wichtiger, dass die Gemeinde ihnen Möglichkeiten zum Lernen, zur Geselligkeit und für andere Aktivitäten anbiete, betont Dainow. Er selbst gründete übrigens schon vor langem eine Schachgruppe; daraus erwuchs die Idee, diese gegen Spieler aus anderen Gemeinden innerhalb des hessischen Landesverbands antreten zu lassen. Seit 16 Jahren finden nun also im Offenbacher Gemeindezentrum drei- bis viermal im Jahr Turniere statt; meist enden sie mit einem Heimsieg, wovon zwei Vitrinen voller glänzender Pokale im Flur des Zentrums eindrucksvoll Zeugnis ablegen. Außerdem gibt es einen Chor, eine Tanzgruppe und einen Seniorenklub.
Zwei junge Israelis, vom Landesverband für die Jugendarbeit in den hessischen Gemeinden angeworben, sollen auch die Gruppe der jungen Erwachsenen ansprechen. Wichtiger Treffpunkt für alle ist die helle, geräumige Bibliothek im ersten Stock: Bücher, Zeitschriften und DVDs stehen hier wohlsortiert in langen Regalreihen. Auf den meisten Buchrücken und Titeln prangen kyrillische Buchstaben.
Offenheit und Toleranz bestimmen die Atmosphäre und das Miteinander unter den Offenbacher Juden. Gemeinderabbiner Menachem Gurewitz hat keine Einwände gegen solche Vielfalt. Obgleich er selbst streng religiös lebt, trägt er das Konzept der Einheitsgemeinde, in der sich unterschiedliche Strömungen und Ausprägungen sammeln können, voll und ganz mit. „Es interessiert unseren Rabbiner nicht, wie wir am Schabbat in die Synagoge kommen. Hauptsache ist, dass wir kommen“, ist Gemeindevorsitzender Jacoby überzeugt.
Gegenüber der nichtjüdischen Umwelt ist die Gemeinde aufgeschlossen. Das dokumentiert sich auf vielfältige Weise, vor allem aber im Kindergarten, der zwar eine städtische Einrichtung ist, aber in der Trägerschaft der jüdischen Gemeinde steht. Die Kinder, die ihn besuchen, sind zu gleichen Teilen Juden, Christen und Moslems. „Bei uns setzen kleine muslimische Jungs für Kabbalat Schabbat die Kippa auf und sprechen die Brachot mit“, erzählt Dainow. Vor allem die Eltern dieser Kinder wüssten das koschere Essen zu schätzen: Die Befürchtung, dem Nachwuchs könnte Schweinefleisch serviert werden, müssen sie hier nicht haben. Kein Wunder also, dass die Warteliste für einen Platz im Kindergarten lang ist.
„Wir verstehen uns als Teil dieser Stadtgesellschaft“, betont Jacoby. Und das kommt an: Als der Rabbiner im Sommer 2013 in einem Kaufhaus von randalierenden Jugendlichen attackiert wurde, versammelte sich nur wenige Stunden später eine große Menschenmenge vor dem Gebäude, um diesen Angriff zu verurteilen und um ihre Solidarität mit den jüdischen Bürgern kundzutun.