15. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2015 | 7. Nissan 5775

Hat Religion ein Geschlecht?

Bei der Tagung „Frau und jüdisch“ wurde über die Rolle der Frau im Judentum diskutiert

Von Alice Lanzke

Die Rolle der Frau im religiösen Leben ist ein Thema, über das im Judentum nicht nur debattiert, sondern oft auch emotional gestritten wird. Das hielt die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland nicht davon ab, just dieses Thema auf das Programm ihrer jüngsten Tagung zu setzen.
Unter dem Motto „Frau und jüdisch. Zur Rolle und Bedeutung der Frau im Judentum“ diskutierten fast 150 Frauen und eine Handvoll Männer in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main drei Tage lang über unterschiedliche weibliche Lebensentwürfe im Judentum. Für Professor Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, ist die Rolle der Frau gar das „zentrale Unterscheidungskriterium zwischen den verschiedenen Strömungen“. Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung, führte aus: „Das ist eine immerwährende Frage für unsere mittlerweile sehr plurale jüdische Gemeinschaft.“
Im Vordergrund der Tagung standen Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten und Jahren ereignet haben. Solche Veränderungen gab es sowohl in der jüdischen Welt im Allgemeinen als auch in Deutschland im Besonderen. Als die Schweizerin Bea Wyler 1995 erste Rabbinerin in Deutschland nach der Schoa wurde, war die Aufregung groß. So zeigten sich keineswegs alle über diese Neuerung erfreut: Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, kündigte an, er werde einen von Wyler geleiteten Gottesdienst nicht besuchen. Heute bietet sich ein deutlich anderes Bild. In der Bundesrepublik gibt es mehrere Rabbinerinnen, die in den Gemeinden tätig sind und ihre Vorstellungen von der Rolle von Frauen im Judentum zu realisieren versuchen.
Allerdings ist die Meinungspalette alles andere als einheitlich. Die Vielfalt der Auffassungen wurde auch bei der Tagung in Frankfurt deutlich. Die Teilnehmerinnen brachten ihre eigenen Erfahrungen und Reflektionen über ihre Stellung in den Gemeinden mit – abhängig davon, ob sie aus kleineren oder größeren Gemeinden kamen und der orthodoxen, konservativen oder liberalen Strömung zugehörten. Die Unterschiede zeigen sich besonders deutlich in der Synagoge: Hier herrscht im orthodoxen Ritus Geschlechtertrennung, zudem können Frauen nicht als Rabbinerinnen ordiniert werden. Im konservativen oder liberalen Ritus üben Frauen und Männer gleichberechtigte Funktionen aus.
Daraus zu schließen, dass die Frau in der Orthodoxie benachteiligt wird, greift allerdings zu kurz. Das wurde bei der Tagung immer wieder betont. „Frauen haben in der Orthodoxie andere Rollen, die sehr zentral sind“, unterstrich auch Historikerin Rachel Heuberger. „Sie sind wichtig für die Gemeinde, für das Haus und die Familie, für deren Entwicklung und die zwischenmenschlichen Beziehungen.“ Diese Wichtigkeit drücke sich auch darin aus, dass Frauen von der Erfüllung der meisten zeitgebundenen Gebote befreit seien – auf diese Weise sollten sie ihre Aufmerksamkeit voll und ganz den Anforderungen in der Familie widmen können. Heuberger verdeutlichte, dass in der Orthodoxie das Gebet des Mannes in der Öffentlichkeit stattfinde, während die Frau für das private Gebet stehe. Diese Trennung bedeute aber keine Hierarchie der Geschlechter. Zudem gebe es auch im orthodoxen Judentum mittlerweile neue Trends. So entstünden rund um den Globus eigene Schulen, in denen Frauen die Tora studieren könnten. In der Vergangenheit waren solche Studienrahmen für Frauen nicht üblich. Für Charlotte Fonrobert von der Universität Stanford schaffen jene Schulen ganz neue Formen weiblicher Öffentlichkeit, in denen auch orthodoxe Frauen neue Formen kollektiven weiblichen Selbstverständnisses entdecken könnten.
Allerdings machte die Tagung deutlich, dass vielen Jüdinnen auch heute der Hintergrund fehlt, um sich intensiv mit dem Lernen auseinanderzusetzen. Vor allem Vertreterinnen der älteren Generation verwiesen darauf, sie hätten keine Möglichkeit zum Vertiefen ihrer Religionskenntnisse und keine weiblichen Vorbilder gehabt. Ihnen entgegnete Rabbinerin Elisa Klapheck vom Egalitären Minjan in Frankfurt, es sei nie zu spät, mit dem Lernen zu beginnen. Rabbinerin Gesa Ederberg aus Berlin fügte hinzu, dass gerade neue Technologien wie E-Learning oder entsprechende Apps Lernen auch zu Hause möglich machten.
Die Diskussion um die Stellung der Frau, so Sozialwissenschaftlerin Fonrobert, müsse auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext gesehen werden: „Entwicklungen wie etwa die Frauenbewegung erhöhen den Druck auf die Gemeinden und Gruppierungen, in denen andere Traditionen eine große Rolle spielen.“
Natürlich bleibt es jeder Frau selbst überlassen, wie sie ihre Position im Judentum sieht. „Wir sind im 21. Jahrhundert in der glücklichen Situation, dass wir uns entscheiden können, wo wir uns innerhalb des jüdischen Spektrums verorten“, sagte auch Rabbinerin Ederberg. Es wollen eben nicht alle Frauen aus der Tora vorlesen, so wie nicht alle Frauen im Gottesdienst getrennt von den Männern sitzen möchten. Die Wahl des persönlichen Standpunkts hat vor allem mit der eigenen religiösen Verortung zu tun.
Für Rabbinerin Elisa Klapheck gibt es zwischen Gleichberechtigung und Religionsausübung keinen Widerspruch – im Gegenteil: „Meine Eltern haben mich dazu erzogen, gleichberechtigt zu sein. Warum soll ich das in der Religion nicht dürfen?“ Klaphecks Weg führte nach Frankfurt, wo der Egalitäre Minjan sich im Rahmen der Einheitsgemeinde die Räume mit der orthodoxen Gemeinde teilt. Das Frankfurter Modell sei erst durch Ignatz Bubis möglich gemacht worden, betonte die Rabbinerin: „Er war derjenige, der die Leute des Egalitären Minjan damals bat, sich nicht außerhalb der Gemeinde zu organisieren, sondern sich in ihr zu entwickeln.“ Eben jener Ignatz Bubis, der selbst keinen Gottesdienst der Rabbinerin Wyler besuchen wollte, dem aber die Einheit der Gemeinde wichtig war. Das gab den Ausschlag. „Ohne Bubis“, konstatierte Elisa Klapheck, „hätte ich keine Chance gehabt.“