15. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2015 | 7. Nissan 5775

Gut, aber noch ausbaufähig

Der Jugendkongress 2015 beschäftigte sich mit dem deutsch-israelischen Verhältnis 50 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen

„Der Kongress tanzt“, meinte im Jahr 1814 der österreichische Diplomat Charles Joseph Fürst von Ligne während des Wiener Kongresses, bei dem Europa politisch neu geordnet wurde. Getanzt wurde auch bei dem im Februar vom Zentralrat der Juden in Deutschland und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) veranstalteten Jugendkongress 2015 – und zwar bei einer grandiosen Abschlussparty. Allerdings war dem ausgelassenen Ausklang der Veranstaltung ein ebenso ernstes wie aufschlussreiches Informations- und Diskussionsprogramm vorangegangen. Thema war das sich nähernde 50-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel am 12. Mai 1965.
Beim Kongress ging es um die Geschichte ebenso wie um die Gegenwart – und die Zukunft. In seiner Eröffnungsrede betonte Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster: „Israel darf uns nie gleichgültig lassen. Israel ist unsere Lebensversicherung.“ Daher sei es auch eine Aufgabe für die junge Generation, sich Wissen über Israel anzueignen, nach Israel zu reisen, um dann das Wissen über Israel weiterzugeben und mit Empathie über Israel zu sprechen. „Für uns, die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, ist es nicht egal, wie es um den Staat Israel steht und wie er in der Welt gesehen wird“, erklärte Dr. Schuster.
In einem gewissen Sinne haben sich die Verhältnisse seit 1965 verkehrt. War vor einem halben Jahrhundert der Botschafteraustausch nämlich vor allem in Israel noch recht umstritten, haben heute rund 68 Prozent der Israelis eine gute Meinung von der Bundesrepublik. Das hat eine jüngst durchgeführte Studie der Bertelsmann Stiftung ans Tageslicht gebracht. In Deutschland hätten dagegen nur 36 Prozent der Menschen eine gute Meinung von Israel, 48 Prozent eine sogar eher schlechte, heißt es in der Erhebung. Darauf ging auch der Zentralratspräsident ein: „Die Umfragewerte auf der deutschen Seite können uns nicht zufriedenstellen“, kommentierte er den Befund der Meinungsforscher.
Abraham Lehrer war beim Jugendkongress in doppelter Funktion dabei. Als Präsident der ZWST ebenso wie als Vizepräsident des Zentralrats konnte er mehr als 400 junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren beim Jugendkongress begrüßen. Das waren so viele wie nie zuvor. Und natürlich sorgten die Veranstalter für koschere Verpflegung: Für die Übernahme der Kaschrut-Aufsicht bedankte sich Gastgeber Lehrer bei der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).
Der israelische Botschafter in Deutschland, Jakov Hadas-Handelsman, stellte in seinem Grußwort die einzigartigen Beziehungen heraus, die sich zwischen Deutschland und Israel herausgebildet haben. 70 Jahre zuvor – unmittelbar nach der Schoa – seien sie gänzlich unvorstellbar gewesen. Die Vergangenheit bleibe selbstverständlich eine Säule in den deutsch-israelischen Beziehungen, betonte der Diplomat, doch bilde die Gegenwart einen weiteren Stützpfeiler, der ständig weiterentwickelt werde.
Die enge Verflechtung Deutschlands mit Israel skizzierte die Präsidentin der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung, Hildegard Müller. Die frühere Staatsministerin im Bundeskanzleramt wies darauf hin, dass es in Deutschland 6500 Unternehmen gebe, die zu Israel enge und langfristige Beziehungen unterhielten. Israel sei vor allem im Hightech-Bereich ein interessanter Partner.
Dem jugendlichen Publikum wurde in Berlin ein umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Die Gefährdungslage von innen durch politische Extremisten und islamistische Fanatiker erläuterte Dr. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesverfassungsschutzes. Ein Podium mit Botschafter Hadas-Handelsmann sowie deutschen und israelischen Politikern zum Thema der deutsch-israelischen Beziehungen verständigte sich über Parteigrenzen hinweg auf die bleibende Verantwortung Deutschlands für die Existenz Israels. Workshops debattierten am Samstagnachmittag über die Umbrüche in der arabischen Welt und deren Folgen für Israel, die Probleme der Berichterstattung in den Medien, das Verhältnis zwischen Israel und Europa sowie die innerisraelische Debatte zum Nahostkonflikt.
Auf besonderes Interesse stießen die wechselseitigen Beziehungen zwischen der Bundeswehr und den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF). Im Gespräch schilderten ranghohe Offiziere von beiden Armeen, wie sich die Militärkontakte seit 1965 entwickelt haben. Manche Kooperationen fänden unterhalb des Radars statt, beschrieb Brigadegeneral David Shoval, der ehemalige israelische Militärattaché in Bonn, die Situation. Und General a. D. Harald Kujat, ehemaliger General­in­spekteur der Bundeswehr, betonte, dass das Verständnis für Israel beim Militär weit größer sei als das in der deutschen Zivilbevölkerung. In der deutschen Gesellschaft herrsche eine realitätsfremde Vorstellung von den Gefährdungen, denen Israel ausgesetzt sei, stimmte Dr. Gideon Römer-Hillbrecht zu, Oberst im Generalstab der Bundeswehr und stellvertretender Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten.
Die Schlussrunde am Sonntagvormittag stellte sich der Frage nach der Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland – gerade vor dem Hintergrund der antisemitischen Ausbrüche der letzten Monate. Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats, forderte, die jungen Menschen in den Gemeinden ernst zu nehmen und sie an die Gemeinden zu binden: „Wir haben eine aktive intellektuelle jüdische Jugend. Wir leben zwar nicht auf einer Insel der Glückseligen, aber jeder kann sich daran beteiligen, diese Welt ein bisschen besser zu machen.“ Alexander Sperling, Geschäftsführer der Synagogen-Gemeinde Köln, hielt ein Plädoyer für die Diaspora: In einer globalisierten Welt komme es darauf an, dass überall starke jüdische Gemeinden bestünden. Man müsse sich um die Juden hierzulande kümmern, meinte ein Teilnehmer. Die Gefahr sei, dass viele zwar nicht Deutschland, wohl aber die Gemeinden verließen.

hpk