15. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2015 | 7. Nissan 5775

Lernen und Erleben

Pessach ist eine Einladung zum Judentum rund um das Jahr

Von Josef Schuster

„Du sollst es deinem Sohn erzählen“ – nämlich die Geschichte des Auszugs aus Ägypten –, fordert von uns die Tora. Das werden wir in wenigen Tagen beim Seder tun. Das Gebot, jüdische Tradition und Geschichte der jeweils nächsten Generation beizubringen, ist nicht nur auf Pessach und den Exodus beschränkt, doch ist Pessach ein guter Anlass, uns bewusst zu machen, wie wichtig diese Verpflichtung ist.
Rabban Gamaliel von Jawne (Gamaliel II., spätes 1. und frühes 2. Jahrhundert nach der Zeitenwende) wiederum lehrte: „In jeder Generation muss der Mensch sich selbst betrachten, als sei er (persönlich) aus Ägypten fortgezogen.“ Dieser Satz lässt sich auf vielfache Weise interpretieren. Für mich bedeutet er aber nicht zuletzt, dass jüdische Identität nicht nur durch das Lernen, sondern auch durch persönliches Erleben geschaffen und aufrechterhalten wird. Indem wir uns mit unserer Vergangenheit identifizieren, ebnen wir den Weg in die Zukunft. Insofern ist Pessach eine Einladung, das Judentum das ganze Jahr lang zu lernen und zu erleben.
Dabei stoßen wir auf einen unermesslichen Schatz. Das Judentum hat, vom Gottesglauben ausgehend, einen reichen Fundus an intellektuellen und moralischen Erkenntnissen geschaffen. Diese zu erschließen, ist eine Herausforderung und ein Vergnügen zugleich. Das zeigt allein schon die Lektüre des Talmuds – jener Glanzleistung jüdischer Weisheit, die uns seit vielen Jahrhunderten eine geistige Heimat bietet. Es gibt Berufenere als mich, den Talmud zu erklären, doch kann ich aus eigener Erfahrung versichern, dass es ein einzigartiges Erlebnis ist, den Diskussionen talmudischer Gelehrter zu folgen. Die jüdische Tradition, noch so komplexe Probleme geistig zu durchdringen und auch vor unbequemen Fragen nicht zurückzuschrecken, diese Tradition ist auf dem Nährboden des Talmuds gewachsen. Sie hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Anhand vieler anderer Beispiele ließe sich ebenfalls zeigen, wie sehr das Judentum eine umfassende, reichhaltige und faszinierende Zivilisation ist.
Auch menschlich bietet uns unsere Religion eine Heimat, gerade weil sie uns realistisch betrachtet. Bereits im Tanach lesen wir von Menschen aus Fleisch und Blut. Ein Gerechter zu sein, bedeutete niemals, frei von Fehlern und von Sünde zu sein. Ein Gerechter wusste jedoch seine Mängel einzugestehen und sie zu Wendepunkten in seinem Leben zu machen. Das Judentum erkennt unsere Stärken wie unsere Schwächen an. Der Mensch wurde zum Ebenbild Gottes erschaffen und das verpflichtet, doch darf er auch seine eigene Verletzlichkeit anerkennen, um Beistand bitten. „Aus der Tiefe rief ich zu Dir“, heißt es beispielsweise im Buch der Psalmen. Und wer von uns hat solche Augenblicke nicht schon selbst erlebt? Unsere Religion erkennt diese Dichotomie und verlangt von uns viel, nicht aber das Übermenschliche. Das macht sie zu einem guten Ratgeber in ganz alltäglichen Lebenssituationen – heute nicht weniger als vor 2000 Jahren. Mit dieser Seite des Judentums dürfen wir uns nicht ohne Stolz identifizieren.
Natürlich braucht gelebtes Judentum einen Rahmen. Auf ihren im Lauf der Geschichte zahlreichen Wanderungen pflegten Juden, sobald sie an einem neuen Wohnort angelangt waren, zuerst Gemeindeeinrichtungen zu bauen, allen voran eine Synagoge, ein Lehrhaus, eine Mikwe. Bis heute hat sich an dem Grundsatz, ein gemeinsames Fundament zu schaffen, nichts Wesentliches geändert. Das beherzigt auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Heute bieten unsere Gemeinden und andere jüdische Einrichtungen nicht nur eine Fülle von Gottesdiensten und Studienmöglichkeiten, sondern auch gemeinsames Erleben an. Gerade zu Pessach sehen wir, wie viele Gemeinden Seder-Abende veranstalten, damit möglichst alle an einem Seder teilnehmen können. Die Gemeinsamkeit geht aber, und zwar rund ums Jahr, viel weiter, und es sind nicht nur religiöse Bräuche, die wir gemeinsam erleben können. Es sind auch scheinbar „nur“ weltliche Rahmen wie Sportklubs, Kulturabende oder Seniorentreffs. Nur scheinbar weltlich, weil Zusammenhalt und gegenseitige Fürsorge ebenfalls zu den Grundpfeilern des Judentums gehören. Das bietet uns unsere Gemeinschaft in Hülle und Fülle. Ich fordere alle auf, daran teilzunehmen.
Gerade zu Pessach wäre eine Betrachtung jüdischen Lebens in Deutschland ohne einen Bezug zur Zuwanderung unvollständig. Die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion haben nicht nur den institutionellen Rahmen der Gemeinden gestärkt, sondern auch die „Alteingesessenen“ bereichert. Für mich – nicht nur alteingesessen, sondern Spross einer Familie, deren Wurzeln rund ein halbes Jahrtausend in ein- und dieselbe Region Deutschlands, Franken, reichen – war es bewegend zu sehen, wie die Neuankömmlinge bestehende und neue Gemeinden mit jüdischem Leben füllten. Nach sieben Jahrzehnten Kommunismus mögen viele einen Nachholbedarf an jüdischem Wissen gehabt haben – das galt und gilt natürlich auch für viele „Alteingesessene“ – doch hatten sie sich trotz widrigster Umstände eine innere Bindung zur Tradition der Väter bewahrt. Das war eine inspirierende Erfahrung. Den Übergang von der Unfreiheit im „Land der Räte“ zu der in der Demokratie gesicherten Religionsfreiheit haben die Zuwanderer – man mag sie gar nicht mehr als Zuwanderer auffassen – vorbildlich genutzt, um ihr Judentum und das Judentum hierzulande zu stärken. Sie handelten damit ganz im Sinne der Botschaft von Pessach: „Mi-Awdut le-Cherut“, von der Knechtschaft zur Freiheit.
Wir sind auf gutem Weg. Unser Ziel lautet nun, die kommenden Generationen ins Judentum einzubinden. Dafür setzen wir uns – das gilt auch für den Zentralrat der Juden in Deutschland – entschlossen und erfolgreich ein.
Ich wünsche allen Gemeindemitgliedern und allen Juden in der Welt ein fröhliches und sinnerfülltes Fest.

Pessach kascher we-sameach

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland