16.03.2015

Schuster besorgt über Antisemitismus

Interview des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster, Mittelbayerische Zeitung, 16.3.2015

Herr Dr. Schuster, würden Sie mit einer Kippa auf dem Kopf bedenkenlos durch Tröglitz im Burgenlandkreis spazieren gehen?

Ich war noch nie in dem Ort. Aber nach allem, was ich aus den Medien erfahre, würde ich niemandem raten, dort mit Kippa zu erscheinen.

Wie bedenklich ist es, wenn Ausländerhass Territorien für sich reklamiert und Demokraten, wie der frühere Bürgermeister Markus Nierth, nicht vor einem fremdenfeindlichen Mob geschützt werden?

Ich halte das für ausgesprochen bedenklich, erschreckend und alarmierend. Es gab eine ähnliche Situation in Jamel in Mecklenburg, wo sich Menschen aktiv gegen Rechtsextreme engagierten und dabei ziemlich allein gelassen wurden. Ich denke, alle Demokraten müssen diesen Hilferuf des bisherigen Bürgermeisters von Tröglitz ernst nehmen. Wir müssen jeder Form von Fremdenhass entgegentreten. Und Menschen, die genau dies tun, dürfen wir nicht alleine lassen.

An wen genau geht Ihr Appell?

Ich denke, dass A und O ist die Erziehung an den Schulen zu Toleranz und Mitmenschlichkeit. Da scheint mir noch vieles im Argen zu liegen. Bei allem Respekt davor, dass Mathematik, Fremdsprachen, Deutsch gelehrt werden müssen, eminent wichtig ist das Verständnis für eine tolerante Gesellschaft.

Sie haben vorgeschlagen, alle Schüler ab der 9. Klasse sollten einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Mit Verlaub, solche obligatorischen Besuche in den Gedenkstätten Buchenwald, Sachsenhausen oder Ravensbrück gab es in der DDR bereits. Kann dies wirklich gegen Rassismus, Rechtsextremismus wappnen?

Ich bin überzeugt davon. Und nur weil es das in der DDR bereits gab, ist es ja nicht schlecht. Ganz wichtig ist mir dabei, dass nicht nur ein Ausflug gemacht wird, sondern dass sich die Schüler davor und danach mit dieser schrecklichen deutschen Geschichte befassen und dies als Teil der eigenen Geschichte begreifen. Die DDR schob das Erbe des Nationalsozialismus ja gerne auf die Bundesrepublik ab.

Manche denken vielleicht eher an den Besuch bei McDonald’s als an die Gedenkstätte.

Nichts gegen McDonald’s. Man muss bei einem solchen Besuch ja auch nicht den ganzen Tag mit einem traurigen Gesicht rumlaufen. Doch darüber, was in deutschem Namen an Schrecklichem geschehen ist, sollte jeder Jugendliche in Deutschland ein möglichst genaues Bild vermittelt bekommen.

Ist es ein Unterschied, ob so etwas lediglich Pflichtprogramm ist oder ob die Kinder und Jugendlichen auch emotional erreicht werden? Ich denke an die Tagebücher von Anne Frank oder an die Filme „Schindlers Liste“ oder „Jakob der Lügner“.

Ich denke, es gibt viele gute Lehrer, die es verstehen, genau diese emotionale Seite anzusprechen, Geschichte nacherlebbar zu machen. Leider gibt es auch Lehrer, die dieses Thema nur als ein Pflichtprogramm abspulen. Hier ist die Lehrerausbildung gefragt.

Wutbürger demonstrieren gegen die drohende Islamisierung des Abendlandes in Dresden, Würzburg und anderswo. Machen Politiker einen Fehler, die mit Pegida-Leuten reden?

Menschen, die bei Pegida mitgehen, müssen wissen, hinter wem sie herlaufen. Dass man die Sorgen und Nöte, auch vor einem neuen Asylbewerberheim in der Nachbarschaft, ernst nimmt und mit den Menschen redet, halte ich für sinnvoll. Allerdings würde ich nie mit Organisatoren reden, die sich gleichzeitig rechtsextremistisch betätigen.

Im vergangenen Sommer gab es erstmals wieder antisemitische Demonstrationen in Deutschland. Ängstigt Sie dabei die unheilige Allianz von Rechts- und Linksextremisten mit radikalen Muslimen?

Im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg haben wir eine Form des offenen Antisemitismus erlebt, die ich in Deutschland nicht mehr für möglich gehalten hätte. Die neue Allianz zwischen Links- und Rechtsextremisten gemeinsam mit radikalen Muslimen macht mir keine Angst, aber muss von den Sicherheitsbehörden aufmerksam beobachtet werden.

Der Verfassungsschutz hatte diese Allianz nicht auf dem Schirm?

Wenn das so gewesen sein sollte, dann würde mich das sehr irritieren. Schon ein Blick über die Grenzen, etwa nach Frankreich, zeigte doch, dass radikale Muslime, Rechts- und auch Linksextreme das gemeinsame Feindbild Israel verbindet. Der Staat, der Verfassungsschutz, alle Demokraten sollten in dieser Hinsicht wachsamer sein. Dass einige auf dem rechten Auge schwer sehgeschädigt waren, haben die schrecklichen Ereignisse um den NSU gezeigt.

Herr Schuster, wie sehr ärgert es Sie, dass Sie und jüdische Gemeinden für israelische Regierungspolitik gewissermaßen in Haftung genommen werden?

Wir sind keine israelischen Konsularbehörden. Es ist selbstverständlich legitim, die Politik Israels zu kritisieren. Genauso wie in Deutschland Regierungspolitik kritisiert werden darf. Auch vertrete ich nicht Herrn Netanjahu oder andere israelische Politiker in Deutschland. Allerdings, nicht verhandelbar ist das Existenzrecht des Staates Israel. Israel ist die Lebensversicherung für die Juden auf der Welt.

Kann jemand, der die Weigerung Netanjahus für eine Zwei-Staatenlösung kritisiert, ein Freund Israels sein?

Wer diese Meinung hat, kann sehr wohl ein Freund Israels sein. Meiner persönlichen Meinung nach ist eine Zweistaatenlösung der richtige Weg für Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Allerdings tue ich mich in 4000 Kilometer Entfernung mit einer solchen Aussage leichter.

Nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen hat Ministerpräsident Netanjahu die Juden zur Auswanderung aufgerufen. Warum haben Sie ihm widersprochen?

Weil ich die aktive Aufforderung, insbesondere nach dem Attentat von Kopenhagen, aus deutsch-jüdischer Sicht nicht nachvollziehen kann. Unser Lebensmittelpunkt liegt bewusst hier. Wir knüpfen an die langen Traditionen jüdischen Lebens in Deutschland an. Ich habe von niemandem gehört, dass er nach Israel auswandern will, weil er sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlt.

Doch in Deutschland werden Rabbiner zusammengeschlagen, sollte man sich als Jude in bestimmten Gebieten nicht aufhalten, müssen Synagogen von der Polizei geschützt werden.

Ich träume davon, dass all das nicht mehr nötig sein wird. Dass wir in Toleranz und gegenseitigem Respekt zusammen leben können. Dennoch fühle ich mich als deutscher Jude in meiner Heimat wohl.

Anfang der 90er Jahren kamen zehntausende Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Ist deren Integration in die Gesellschaft und die Gemeinden gelungen?

Rund 80 Prozent der Mitglieder der Gemeinden kommen aus den früheren GUS-Staaten. Es ist noch zu früh zu sagen, ob diese Menschen in den vergangenen Jahren hier Wurzeln schlagen konnten. Dass die Integration gut gelungen ist, zeigt einmal, dass es unter Juden kaum Jugendarbeitslosigkeit gibt. Und zweitens steigt zum Beispiel das Aufkommen der Bekenntnissteuer in Bundesländern, in denen sie erhoben wird.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Christentum zum Judentum heute?

Professor Hanspeter Heinz, der in diesem Jahr die Buber-Rosenzweig-Medaille bekam, hat es wunderbar ausgedrückt: Christentum ohne Judentum - das wäre wie eine Schnittblume ohne Wurzeln. (Interview: Reinhard Zweigler, MZ)