18.07.2005

Einweihung der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Zellentrakt“ im Rathaus Herford, dem früheren Polizeigefängnis im Kellergeschoß des Hauses

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel

Es gilt das gesprochene Wort!


Runde Gedenktage, wie wir sie in diesem Jahr anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager begangen haben, bergen die Gefahr in sich, als Schlussstrich empfunden zu werden. Mit großem Aufwand werden Veranstaltungen organisiert, inhaltsreiche, Anteil nehmende Reden gehalten und - damit verbunden - oftmals Gedenkorte der unterschiedlichsten Art eingeweiht. Parallel versorgen die Medien die interessierte Öffentlichkeit mit Informationssendungen, einschlägigen Artikeln und hochkarätig besetzten Gesprächsrunden. So anerkennens- und lobenswert dieses Engagement ist, so unbefriedigend ist oftmals die Wirkung: Weite Teile der deutschen Bevölkerung fühlen sich inzwischen geradezu überfüttert mit Daten und Fakten über die während des Zweiten Weltkriegs von Deutschen begangenen Verbrechen und glauben, ausreichend viel über die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu wissen. Eine besorgniserregende Tendenz. Denn von dieser Haltung ist es nur ein kleiner Schritt zu der beileibe nicht nur hinter vorgehaltener Hand geäußerten Meinung, mit dem Gedenken müsse 60 Jahre nach Kriegsende doch endlich einmal Schluss sein, zumal die Deutschen schließlich auch Opfer gewesen seien. Wer hier mit differenzierten Argumenten widerspricht, gilt schnell als unversöhnlicher Moralapostel, vergangenheitsbesessener Gutmensch oder Verfechter einer übertriebenen politischen Korrektheit.

Dabei verdanken unsere Gesellschaft und insbesondere die hier lebenden Angehörigen von Minderheiten gerade denjenigen Menschen viel, die sich dem Gedenken an die Gräuel der Kriegskatastrophe verpflichtet fühlen. Menschen aller Altersstufen und unterschiedlicher sozialer Herkunft, die sich unermüdlich in vielfältigen Initiativen für eine tolerante, weltoffene Gesellschaft engagieren; Menschen, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen und zur Aufklärung bislang ungenügend oder gar nicht geahndeter Kriegsverbrechen beitragen oder auch Menschen - wie hier in Herford - die sich viele Jahre hindurch für die Einrichtung einer Gedenkstätte einsetzen.

Dieses Engagement mag für jeden Einzelnen der Mitstreiterinnen und Mitstreiter eine Selbstverständlichkeit sein. Mir liegt jedoch sehr daran, Ihnen allen, wie auch den großzügigen Sponsoren und Unterstützern, Dank zu sagen. Lobenswert und vorbildlich sind insbesondere die seitens des Kuratoriums „Erinnern, Forschen und Gedenken“ unternommenen Bemühungen, die Jugend und die interessierte Öffentlichkeit in die Ausgestaltung der Gedenkstätte mit einzubeziehen, um hier einen Ort lebendiger Auseinandersetzung entstehen zu lassen. Eine großartige Idee, die sicherstellt, dass Schülergruppen sich angesprochen fühlen und den Besuch der Gedenkstätte nicht als nervige Pflicht empfinden. Schließlich herrscht unter Lehrern wie Gedenkstättenpädagogen längst Einigkeit darüber, dass reines Faktenwissen über Nationalsozialismus und Holocaust nicht ausreicht, ja geradezu ungeeignet ist, die jungen Besucherinnen und Besucher zu sensibilisieren oder gar gegen rechtsextremes Gedankengut zu immunisieren.

Umso wichtiger sind Gedenkstätten wie der Zellentrakt im ehemaligen Herforder Polizeigefängnis, wo den Jugendlichen eine Vorstellung davon vermittelt wird, was die Inhaftierten einst empfunden und durchlitten haben. Den jungen Frauen und Männer wird vor Augen geführt, dass diese Zellen nicht nur ein Ort der Angst waren, sondern auch ein Ort der Demütigung, der Grausamkeit, der Verzweiflung und des Schmerzes. Vor allem aber ein Ort der Willkür und Rechtlosigkeit. Geradezu exemplarisch lässt sich in dieser bedrückenden Umgebung der spätestens 1933 mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten einsetzende Umbruch vermitteln, durch den Deutschland auf brutale Weise von einem Rechtsstaat zu einem gleichgeschalteten Unrechtsstaat wurde. Was sich damals vollzog, hat der selbst der Verfolgung ausgesetzte Autor Erich Kästner in einfachen Worten beschrieben: „Gut und Böse, unwandelbare Maßstäbe des menschlichen Herzens, wurden durch Gesetz und Verordnung ausgetauscht. Der Milchhändler, der einem unterernährten „artfremden“ Kind eine Flasche Milch zusteckte, wurde eingesperrt, und die Frau, die ihn anzeigte, bekam das Verdienstkreuz. Wer unschuldige Menschen umbrachte, wurde befördert. Wer seine menschliche oder christliche Meinung sagte, wurde geköpft oder gehängt.“ Diese Umkehrung und Pervertierung des menschlichen Wertegefüges charakterisiert die Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die staatlich angeordnete Menschenverachtung gipfelte in der systematischen Ermordung von Millionen unschuldiger Frauen, Männer und Kinder. Darunter auch einige, die im Herforder Polizeigefängnis noch auf eine gerechte Behandlung und Freilassung gehofft hatten. Hier in Herford wird beides greifbar: Das Leid der Opfer und die Schuld der Täter.

Gewöhnt an die Vorzüge eines funktionierenden Rechtsstaates, an Gewaltenteilung, Demokratie und unveräußerliche Freiheitsrechte, sind es authentische Orte wie der Zellentrakt, die uns mahnen, unser komfortables Leben nicht als Selbstverständlichkeit zu empfinden.

Die Tatsache, dass sich die Gedenkstätte im Rathaus, also an einem von der breiten Öffentlichkeit besuchten Ort befindet, erschwert es allen Unbelehrbaren und ewig Gestrigen, sich der Auseinandersetzung zu entziehen. Dass die Beamten im Herforder Rathaus vor 60 Jahren vorgaben, im Dienste und zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger zu arbeiten, in Wirklichkeit aber Handlanger eines grausamen Polizei- und Überwachungsstaates waren, wird hoffentlich nicht nur die jugendlichen Besucherinnen und Besucher des Rathauses nachdenklich stimmen. Und vielleicht regt sich sogar bei einigen der alteingesessenen Herforderinnen und Herfordern die Erinnerung an Personen, die hier im Rathaus arbeiteten oder womöglich an jene, die hier inhaftiert waren. Der Stadt und ihrer Einwohnerschaft wäre es zu wünschen, dass sich, angeregt durch diese Einweihung der Gedenkstätte, Zeitzeugen von damals melden und über dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte berichten.

Es sind insbesondere die Überlebenden des Holocaust, die in diesem runden Jahr des Gedenkens in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gestellt werden müssen. Ein Anliegen, das mir noch wichtiger erscheint, nachdem ich in den vergangenen Wochen an mehreren Gedenkveranstaltungen anlässlich der Befreiung der Konzentrationslager vor 60 Jahren teilgenommen habe. Die Konfrontation mit den Bildern von einst, die Erinnerung an das Schicksal eigener Familienangehöriger, Verwandter und Freunde, ergänzt durch Erzählungen von Überlebenden – all das hinterließ in diesen so anrührenden Stunden des Gedenkens ein Gefühl unverminderter Trauer, zugleich aber auch tief empfundene Dankbarkeit und Hochachtung den Zeitzeugen und Überlebenden gegenüber. Sie alle hatten viel Kraft aufgebracht und oft weite Reisen auf sich genommen, um an den aufwühlenden Veranstaltungen teilzunehmen. Ihre Lebenszeit und damit die Möglichkeit, Zeugnis abzulegen, neigt sich dem Ende entgegen.

Die vornehmste Aufgabe der Jüngeren muss es deshalb sein, das Erbe der letzten Zeitzeugen zu bewahren und weiterzureichen, um so dem Verblassen der Erinnerung entgegen zu wirken.

Dies umso mehr angesichts der offensichtlich nicht ausreichenden, da wirkungslosen Versuche, Phänomene wie Rassismus, Antisemitismus und rechte Gewalt zu bekämpfen. Die Zahl rechter Gewaltverbrechen ist nicht etwa rückläufig, wie wir gerne glauben würden, sondern in einigen Bundesländern sogar angestiegen. Der Umstand, dass zudem rund 20% der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung antisemitische Vorurteile mit sich herumträgt - und auch äußert, offenbart den unverminderten politischen und gesellschaftlichen Handlungsbedarf. Zu den Lichtblicken zählt zweifellos, dass es den rechtsextremen Parteien aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gelingen wird, bei der vorgezogenen Bundestagswahl ein gemeinsames Wahlbündnis aufzustellen. Abzuwarten bleibt dennoch, inwieweit sich die übrigen demokratischen Parteien daran halten, im Wahlkampf auf rechte Parolen zu verzichten.

Letzteres kann nicht oft genug gerade mit Blick auf die Jugend eingefordert werden. Sämtliche Strategien gegen den Rechtextremismus haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sich möglichst alle gesellschaftlichen und politischen Kräfte ihrer Verantwortung und ihrer Vorbildfunktion bewusst sind. Die Bemühungen bürgerlicher Initiativen und Einzelpersonen werden aber auch in Zukunft nur eine sehr eingeschränkte Wirkung entfalten, wenn insbesondere in unserem Bildungssystem nicht weitere Anstrengungen unternommen werden, um Gewaltfreiheit, Toleranz und Mitmenschlichkeit zu Schwerpunkten der schulischen Erziehung zu machen. Fest steht: Rechtextremismus ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein Problem in der Mitte unserer Gesellschaft, das im Rahmen der Erziehung und kindlichen Sozialisation nicht früh genug angegangen werden kann.

In verschiedenen Artikeln anlässlich der Vorstellung der hiesigen Gedenkstätten-Räume im vergangenen Jahr wurde immer wieder befriedigt und positiv hervorgehoben, dass es von nun an in Herford selbst einen authentischen Ort des Gedenkens geben wird. Das Argument der Kuratoriumsmitglieder, die Einrichtung der Gedenkstätte auch deshalb energisch vorangetrieben zu haben, um sich vor Ort, in der eigenen Heimatstadt mit dem Geschehenen befassen zu können, hat mich nachhaltig beeindruckt. Es verdeutlicht die Entschlossenheit der zum Kuratorium zählenden und mit ihm verbundenen Menschen, einen Beitrag zu einem toleranten, vorurteilsfreien Umgang miteinander leisten zu wollen. Oder anders ausgedrückt: Die Verantwortlichen und Förderer der Herforder Gedenkstätte machen all jenen, die einen Schlussstrich fordern, einen Strich durch ihre erinnerungsfeindliche Rechnung. In diesem Sinne nochmals herzlichen Dank für das von jetzt an auch von Herford ausgehende Signal gegen das Vergessen!