15. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2015 | 8. Adar 5775

Geschichte und Gegenwart

Das Jüdische Gymnasium in Berlin ist seit 1778 integraler Teil des jüdischen Lebens

Von Alice Lanzke

Schon auf den ersten Blick wird klar, dass das Jüdische Gymnasium in Berlin-Mitte keine Schule wie jede andere ist: Ein über zwei Meter hoher Stahlzaun umsäumt den neoklassizistischen Bau, vor dem Zaun stehen Polizisten, eine Kamera hat den Eingangsbereich im Visier. Es sind aber nicht nur die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die die Lehranstalt zu etwas Besonderem machen, es ist auch ihre mehr als 230-jährige Geschichte. Von jeher war die Schule eng mit der Geschichte des Berliner Judentums verknüpft.
Diese Entwicklung steht im Mittelpunkt des neuen Bandes „Schalom und Alefbet. Die Geschichte des Jüdischen Gymnasiums in Berlin“, der kürzlich im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen ist. Auf 240 Seiten zeichnet der Autor und Journalist Dirk Külow die Erfolge, die die Schule erreichen konnte, ebenso nach wie die Tiefpunkte, die sie erleben musste.
Ausgangspunkt der Erzählung ist die 1778 erfolgte Gründung als der ersten jüdischen Freischule in Deutschland – und zwar auf Anregung des berühmten Philosophen und Schriftstellers Moses Mendelssohn (1729–1786). Zu jener Zeit konnten nur wohlhabende Familien ihren Kindern eine umfassende Bildung finanzieren; Mendelssohn aber wollte erreichen, dass auch Kinder aus sozial schwächeren Familien unterrichtet wurden.
Allen Widrigkeiten zum Trotz wuchs die Gemeindeschule, damals nur für Jungen zugänglich, beständig. Ausführlich beschreibt Külow die prägenden Gestalten jener Zeit, die finanziellen Schwierigkeiten, denen sich die Schule gegenübersah, und die Grabenkämpfe, die auch innerhalb der jüdischen Gemeinde um die Schule ausgefochten wurden – all diese Geschichten eingebettet in Beschreibungen des jüdischen Alltags in der Stadt.
1860 siedelte die Schule in die Große Hamburger Straße über. Dort bezog sie im Jahr 1906 den vom Architekten Johann Hoeniger entworfenen Neubau, in dem sie sich heute wieder befindet. In der folgenden Phase des Wachstums wurde aus der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde eine öffentliche Mittelschule mit neun Klassen; man schrieb das Jahr 1923. Acht Jahre später entstand durch Zusammenlegung mit der Mädchen-Mittelschule eine gemischte Lehranstalt. Die Schülerzahlen erreichten einen Höchststand. 1934 wurden über 1000 Schülerinnen und Schüler gezählt. Allerdings machte sich die immer drastischere Judenverfolgung zunehmend bemerkbar. Bei der Buchvorstellung erinnerte sich Zeitzeugin Inge Weinem, die die Schule von 1939 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1942 besuchte: „Es war ein ganz besonderer Ort, der viel Wärme ausstrahlte.“ Die Lehrer hätten sich rührend um die verängstigten Schüler gekümmert und ihnen auf diese Weise etwas Sicherheit verschafft. „Was sie geleistet haben, lässt sich nicht in Worte fassen“, meinte Weinem. Nicht ohne Grund erklärte Autor Külow bei der Präsentation seines Buches: „Ich wollte mit dem Band den Lehrern, die bis 1942 an der Schule verblieben sind, ein kleines Denkmal schaffen.“
Die Räumung der Schule erfolgte auf Befehl des Reichssicherheitshauptamts. Dann diente das Gebäude bis Kriegsende als Deportationslager für Berliner Juden.
Zu DDR-Zeiten war eine Berufsschule in dem Bau untergebracht. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde er wieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin übergeben. 1992 zog die Jüdische Grundschule ein, 1993 begann für damals 27 Schüler der Unterricht an der Jüdischen Oberschule.
Mittlerweile ist die Schule, die seit 2012 unter dem Namen „Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn“ firmiert, eine staatlich anerkannte Privatschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Mehr als 420 Schülerinnen und Schüler werden hier nach den Berliner Rahmenplänen unterrichtet – etwa zwei Drittel von ihnen sind jüdisch. Unabhängig von der Konfession muss jeder Schüler bis zum Abi­tur Hebräisch und Jüdische Religionskunde belegen. Gleichzeitig ist die Schule sehr international geprägt: „Über ein Drittel der Schülerschaft ist nicht deutscher Herkunftssprache, wie es knapp im Amtsdeutsch heißt“, schreibt Külow dazu. Die Internationalität, der qualitative Anspruch der Lehre und die familiäre Atmosphäre hätten den hervorragenden Ruf der Schule begründet.
Unerwähnt bleibt in dem Band, dass das Jüdische Gymnasium in den vergangenen Jahren mit erheblichen finanziellen Problemen zu kämpfen hatte. Auch wenn die jüngste Geschichte der Schule im Buch „Schalom und Alefbet“ keinen Raum gefunden hat, schafft es Külow doch, durch Fotos aus dem Unterrichtsalltag und auch durch den Abdruck einer Stundentafel Einblicke in das Schulleben von heute zu geben. Trotz seiner wechselvollen Geschichte will das Gymnasium nämlich nicht als Denkmal, sondern als ein lebendiger Ausdruck jüdischen Lebens der Gegenwart und als ein Ort von Toleranz, Akzeptanz und Integration verstanden werden.

Dirk Külow: „Schalom & Alefbet. Die Geschichte des Jüdischen Gymnasiums in Berlin“,
Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, 240 Seiten, ISBN 978-3-95565-030-8, 24,90 Euro