15. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2015 | 8. Adar 5775

Nach dem Orkan

Berliner Konferenz thematisierte das Leben der Holocaust-Überlebenden ebenso wie die Haltung der deutschen Gesellschaft zu den NS-Verbrechen in der unmittelbaren Nachkriegszeit

Von Olaf Glöckner

Als im Mai 1945 die letzten Schüsse gefallen waren, schien nichts mehr wie vorher. Hitler und seine Komplizen waren besiegt, doch ein ganzer Kontinent lag in Schutt und Asche. Millionen europäischer Häftlinge aus Nazi-Lagern, darunter mehrere Hunderttausend vor allem osteuropäische Juden, aber auch jüdische Migranten waren im Land der Täter gestrandet. Die Alliierten brachten sie in Lagern für „Displaced Persons“ (Vertriebene, Entwurzelte), den DP-Camps, unter. Wenn von der Stunde Null die Rede ist – für die Entwurzelten galt dieser Begriff nicht weniger als für die deutsche Gesellschaft, eher sogar mehr.
Mit dieser jüdischen Stunde Null befasste sich die 5. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung „Danach – der Holocaust als Erfahrungsgeschichte 1945–1949“, die Ende Januar Hunderte von Interessierten nach Berlin zog. Gestaltet wurde sie von der Bundeszentrale für Politische Bildung, der Europa-Universität Flensburg und der Humboldt-Universität zu Berlin.
Zu den Merkwürdigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit gehörte es, dass Deutschland dank der Präsenz alliierter Truppen zu einem der sichersten Orte für osteuropäische Juden wurde. Besonders in den von den Amerikanern betreuten DP-Camps bauten die Überlebenden nicht nur eine funktionierende Selbstverwaltung und politische Organisationen auf. Sie gründeten auch Sportklubs, Kulturvereine und Musikgruppen, organisierten Schulen, gaben eigene Zeitungen heraus, oft in Jiddisch. Kunst, Gemeinschaft und Solidarität wurden essenziell.
Die New Yorker Historikern Atina Grossman beschrieb hierzu anschaulich, wie sich das Leben in den DP-Camps „frustrierend und vital zugleich“ anfühlen konnte. Allen Schwierigkeiten entgegen entwickelten junge Menschen neue Lebenspläne, heirateten und sorgten für einen damals beispiellosen „Babyboom“.
Ein Großteil der Camp-Bewohner waren polnische Juden, die den Krieg durch Flucht ins Innere der Sowjetunion hatten überleben können, nach der Rückkehr in ihre Heimat aber sofort neue Anfeindungen erfuhren. Der Historiker Jan T. Gross (Princeton), selbst Nachfahre von Holocaust-Überlebenden, berichtete, wie nach Polen zurückkehrende Juden in vielen Ortschaften „einfach nicht willkommen“ waren – ein Understatement. Binnen kürzester Zeit entlud sich alt-neuer Hass. Mehrere Hunderte Juden starben laut Gross in den ersten Nachkriegsjahren durch gewaltsame Übergriffe seitens der polnischen Bevölkerung. Allein beim Pogrom in der Stadt Kielce am 4. Juli 1946 wurden mehr als 40 Frauen, Kinder und Männer hingemetzelt, die Sicherheitskräfte schritten nicht ein. So kehrte die Mehrheit der etwa 300.000 polnischen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, Polen endgültig den Rücken.
Unspektakulär klingende westdeutsche Ortschaften wie Feldafing, Föhrenwald und Deggendorf wurden nun zu Durchgangsstationen der DPs, bevor die meisten von ihnen einen Neubeginn in Israel, Amerika oder auch Australien wagten. Der Münchner Historiker Michael Brenner sprach von „paradoxen Zwischenexistenzen“, die man im deutschen Umfeld führte, wobei sich gleichwohl neuer Lebensmut und neues Selbstbewusstsein bei den Überlebenden entwickelte. Skurrile Momente ergaben sich etwa dann, wenn Jugendliche in Vorbereitung auf das künftige Kibbuz-Leben in Israel ausgerechnet auf dem Bauernhof des 1946 hingerichteten Nazipropagandisten Julius Streicher trainierten oder frisch gegründete zionistische Vereine im Münchner Bürgerbräukeller tagten. „Das waren“, erklärte Professor Brenner, „symbolische, zeitlich begrenzte Inbesitznahmen von Plätzen, die früher ganz stark von der nationalsozialistischen Elite frequentiert worden waren.“
Und die nichtjüdischen Deutschen selbst? Noch geschockt von der militärischen Katastrophe und den selbst erlittenen menschlichen und materiellen Verlusten bei Kriegsende, entwickelten sie ihren eigenen Opfermythos und eigene Verhaltensmuster, die Jahrzehnte überdauern sollten. Die von SS und Wehrmacht in zahlreichen europäischen Ländern begangenen Verbrechen wurden häufig geleugnet und verschwiegen, wobei am Leid und Trauma anderer Völker kollektiv vorbeigeschaut wurde. Auch gezielte Versuche der Alliierten, ein Umdenken in deutschen Köpfen anzuregen, fruchteten da wenig. Die Gießener Historikerin Ulrike Weckel berichtete, wie Amerikaner und Briten eine Reihe von Dokumentarfilmen über Konzentrationslager mit schockierenden Opfer-Aufnahmen zielgerichtet in die deutschen Kinos brachten. Zwar habe sich dort durchaus Publikum eingefunden, doch bei mancherorts im Anschluss durchgeführten Umfragen erklärten etwa 70 Prozent der Besucher, sich für die gesehenen Verbrechen nicht verantwortlich zu fühlen. Die Bochumer Historikern Hanne Leßau, die zur Praxis der Entnazifizierung in den westlichen Besatzungszonen forscht, verwies auf ähnlich desillusionierende Ergebnisse: Der von den Alliierten eingesetzte Fragebogen für erwachsene Deutsche half offenbar nur wenig, Nazi-Täter wirklich zu identifizieren, und er löste kaum Prozesse einer kritischen Selbstreflexion aus.
Trotz der bedrückenden Themen ergab sich auf der Konferenz ein sehr reger Austausch zwischen Historikern, Ausstellungsmachern und Ehrenamtlichen, die kreative Gedenkprojekte für verschiedene Altersgruppen entwickeln. Neben dem Anne Frank Zentrum Berlin und dem israelischen „Massuah International Institute for Holocaust Studies“ (Kibbutz Tel Jitzchak) stellte sich dort auch die ungarische Germanistin Eszter Gombocz vor, die in zwölfjähriger Recherchearbeit weltweit 33 ehemalige Schüler einer jüdischen Grundschule in Budapest ausfindig gemacht hatte und dann ein spätes Klassentreffen dieser Zeitzeugen organisiert hatte. Workshops zum Umgang mit Zeitzeugenberichten und zum Einsatz digitaler Medien im Geschichtsunterricht verliehen der Tagung noch eine zusätzliche praktische Komponente.
Mitschnitte der Konferenz-Vorträge auf: http://www.bpb.de/veranstaltungen/dokumentation/konferenz-holocaustforschung/