15. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2015 | 8. Adar 5775

Tanach ist Trumpf

Die meisten jüdischen Kinder in Israel bekommen biblische Namen, doch sind auch modernhebräische Alternativen beliebt

Israelische Juden kommen aus aller Herren Ländern. Sie sprechen Dutzende verschiedener Sprachen. Sie reisen fleißig ins Ausland und sind mit der weiten, großen Welt vertraut. Bei der Namensgebung ihrer Kinder halten sie sich in den allermeisten Fällen aber ans Hebräische, wobei bib­lische Namen überwiegen. Das geht aus einer vom israelischen Zentralamt für Statistik veröffentlichten Übersicht der Namen hervor, die jüdische Neugeborene in Israel erhalten.
Bei Jungen lag 2013 – auf dieses Jahr beziehen sich die jüngsten verfügbaren Angaben – der Name Noam vorn. Noam bedeutet so viel wie Angenehm-Sein, Milde, Lieblichkeit. Über die Tora sagt das biblische Buch Mischlei (Sprüche): Dracheia Darchei Noam (Ihre Wege sind Wege der Lieblichkeit). Auf weiteren Rängen der Namensliste folgten Uri, Itai, Josef, David, Daniel, Ariel, Jehonathan, Eitan und Mosche – bis auf Ariel Namen biblischer Gestalten, während Ariel eine der Bezeichnungen für den Jerusalemer Tempel ist. Insofern herrscht der Tanach unter den Top Ten bei Jungen ausnahmslos vor.
Falls sich jemand wundert, warum der seinerzeit als archetypisch jüdisch geltende Name „Mosche“ – Moses – erst Rang zehn belegt, so muss man bedenken, dass nicht alle Namen im gleichen Maße bei allen Bevölkerungsgruppen beliebt sind. „Mosche“ ist vor allem unter Religiösen verbreitet, während säkulare Juden den Namen zumeist altmodisch finden. Dieses Schicksal teilt sich Mosche mit Abraham und Israel, die erst auf Rang 14 beziehungsweise 19 auftauchen. Dagegen sind die Namen biblischer Gestalten wie Josef, David und Daniel gleichmäßiger verteilt, was ihre Gesamtwertung erhöht, auch wenn sie im Alltag oft als Jossi, Dudu beziehungsweise Dani firmieren.
Es gibt wiederum biblische Namen, die bei Religiösen keine Popularität vorzuweisen vermögen. Dazu gehört beispielsweise Omri, ein historisch betrachtet wichtiger König des Nordreichs Israel, der aber im Tanach kritisch gesehen wird. In der Gesamtbevölkerung bekleidet Omri dennoch Rang 17.
Manchmal strengen sich Eltern bewusst an, um ihren Sprösslingen Namen mit traditionellem Bezug zu geben, ohne dass im Kindergarten gleich mehrere Träger desselben Namens sitzen. Dazu gehört beispielsweise Nehorai – der aramäische Name eines talmudischen Weisen (Rang 22). Ein modernhebräischer Name ohne biblischen Bezug ist Ofek (Hebräisch für „Horizont“, Platz 75).
Unter Mädchen weisen die populärsten Namen stärkere modernhebräische, aber auch nichthebräische Einflüsse als bei Jungen auf. Der 2013 populärste Mädchenname, Noa, stammt, ebenso wie die drittplatzierte Tamar aus dem Tanach, doch sind Rang zwei und vier mit den modernen Namen Schira und Talia belegt. Mit Maja und Adele waren gleich zwei nichthebräische Namen unter den zehn populärsten zu finden, doch schafften es auch Sara und Avigail, beide im Tanach zu finden, unter die weiblichen Top Ten. Auf niedrigeren Rängen sind in weitaus stärkerem Maß als bei Jungen hebräische, aber nichtbiblische Namen zu finden.
Eine Besonderheit sind dem Hebräischen entnommene Namen, die zugleich international klingen. Ein Beispiel ist der Jungenname Gai. Auf Hebräisch bedeutet das Wort „Tal, Senke“, erinnert aber an die englische Aussprache von Guy, und so schreiben sich die meisten Träger dieses Namens auch in lateinischer Schrift. Ro’i wiederum (mein Hirte) wird gern als Roy transliteriert, obwohl die Aussprache hier nicht identisch ausfällt. Weibliche Beispiele sind Ela (Pistazienbaum) und Neta-Li – in etwa: „meine Pflanze“ –, in der Aussprache mit Natalie nahezu identisch. Noch sind die meisten solcher Parallelnamen selten, doch stellen sie einen interessanten Versuch dar, eine sprachliche und kulturelle Brücke zwischen zwei Welten zu schlagen.
Eine sich rasch verbreitende Sitte – manche sagen auch Unsitte – ist die Verwendung desselben Namens für Jungen und Mädchen. So etwa belegte der Name Amit (Hebräisch für „Freund, Kollege“) im Jahr 2013 Rang 21 unter den Jungen und immerhin Platz 57 unter den Mädchen. Weitere Beispiele sind Schachar (Morgenröte), Jarden (Jordanfluss), Or (Licht), Lior (in etwa: mein Licht) und Hadar (Pracht, Glanz).
Ob geschlechtsneutrale Namen für ihre Trägerinnen und Träger ungünstig sind, sei dahingestellt. Verwirrend können sie allemal sein. So etwa mag manch eine Mutter, deren Teenager-Tochter mit Ofir (ein in der Bibel erwähntes Land) ausgehen will, misstrauisch fragen: „Sie oder er?“ Und natürlich gibt es Vornamen, die auch als Familiennamen gebräuchlich sind. Wer weiß: Vielleicht lautet das Namensschild eines Ehepaares an seiner Wohnungstür demnächst: „Hier leben glücklich Tal und Tal Tal“ (Tal bedeutet Tau).

wst