15. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2015 | 8. Adar 5775

Blüte und Tragödie

Das neue Warschauer Museum für die Geschichte der polnischen Juden blickt auf ein Jahrtausend zurück

Von Heinz-Peter Katlewski

Wer seine 30 Zloty, etwas mehr als sieben Euro, an der Kasse entrichtet hat, kann anschließend zur Dauerausstellung des neuen Museums der Geschichte der polnischen Juden – „POLIN“ – schreiten. Genauer: hinabsteigen. Eine Treppe führt ins Untergeschoss des monumentalen kastenförmigen Gebäudes, das inmitten des einstigen jüdischen Viertels von Warschau steht.
Mit dem Abstieg begibt sich der Besucher symbolisch in die Zeit vor 1000 Jahren, als die ersten Juden auf ihrem Weg ostwärts Polen erreichten. Hier, unten, steht man in einem Kiefernwald. Im grünen Licht der Morgendämmerung werden auf bis zur Decke reichenden Projektionswänden Zitate aus den Gründungslegenden des polnischen Judentums in Hebräisch, Polnisch und English wiedergegeben. Von einem Zettel ist die Rede, der vom Himmel fiel und dem leidenden Volk Israel nahelegte: „Geht nach Polania.“ Im Kawczyn-Wald bei Lublin hätten jene, die vor den „Franken“ (den Kreuzfahrern) geflohen seien, an jedem Baum ein eingeritztes Talmud-Traktat vorgefunden: ein Hinweis darauf, Juden hätten hier bereits in alten Zeiten Tora gelernt, so die Legende. Die Schriftgelehrten damals glaubten, so eine weitere Überlieferung, den Landesnamen „Polin“ (Polen) aus den hebräischen Wörtern „Po“ (= hier) und „Lalun“
(= übernachten) ableiten zu können. Hier, schlussfolgerten sie, sollten sie verweilen, bis der Messias sie ins Land Israel zurückführen würde. „POLIN“ heißt denn auch das im Oktober 2014 eröffnete Museum. Die hebräischen und lateinischen Buchstaben, die dieses Wort bilden, bedecken in unendlichen Wiederholungen schwarz auf weiß die Glasfassade.
Die Idee der Museumsgründung entstand im April 1993, als Dr. Grazyna Pawlak, damals Direktorin des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, an der Eröffnung des US Holocaust Memorial Museums in Washington teilnahm. Nach ihrer Rückkehr schlug sie den Mitgliedern des Institutsvereins vor, ein Museum des Lebens zu schaffen, das die Öffentlichkeit nicht allein mit der Schoa und damit der Katastrophe der Juden in Polen, sondern mit ihrer ganzen Geschichte vertraut machen. Zu den ersten Unterstützern gehörten Israels Präsident Chaim Herzog, der amerikanische Unternehmer (und heutige Präsident des Jüdischen Weltkongresses) Ronald S. Lauder, der in Warschau geborene, frühere Sicherheitsberater der USA Zbigniew Brzezinski und die damalige First Lady der USA, Hillary Clinton.
1997 stellte die Stadt Warschau 150 Meter entfernt vom Warschauer Ghetto-Denkmal ein Gelände für das Museum zur Verfügung. 2003 sicherte die polnische Regierung zu, sich an den Baukosten zu beteiligen. 2005 wurde ein internationaler Architektur-Wettbewerb für das Gebäude am „Skwer Willy’ego Brandta“ (Willy-Brandt-Platz) ausgeschrieben. Die 82,5 Millionen Euro für den Bau kamen aus aller Welt, vor allem aber von Spendern aus Polen und von nordamerikanisch-jüdischen Stiftungen. Fünf Millionen steuerte die Bundesrepublik Deutschland bei, 3,2 Millionen kamen vom Königreich Norwegen.
Am 28. Oktober 2014 konnte das Museum schließlich in Gegenwart der Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski (Polen) und Reuven Rivlin (Israel) offiziell eröffnet werden. Schmuckstück der vierten von acht Galerien – sie repräsentiert die jüdische Stadt in Polen – ist eine prächtig ausgemalte und mit Auszügen aus der Tora beschriftete Holz-Synagoge. Sie stand ursprünglich im ostpolnischen Gwozdziec, einer Stadt, die heute unter dem Namen Hwisdez zur Ukraine gehört. Die Synagoge ist eine Rekonstruktion. 1941 hatten die deutschen Truppen das Original niedergebrannt. Die Nachbildung erinnert heute an die Blütezeit des jüdischen Schtetls im 17. Und 18. Jahrhundert.
Umgeben von gesichtslosen Wohnbauten der Nachkriegsjahre setzt das Museum mit seiner lichten Glasfassade und der riesigen Fensterfront an der dem Stadtzentrum zugewandten Seite ein markantes, helles Zeichen. Markant ist auch die Spalte, die sich auf der Eingangsseite wie eine Schlucht durch das Gebäude zieht. Sie, so versteht es das finnische Architekturstudio Mahlamäki, symbolisiere den traumatischen Einschnitt in die tausendjährige jüdische Geschichte Polens, der ihr durch die Schoa widerfahren sei. Aber der Einschnitt sei eben nicht ihr Ende – auch das solle das Gebäude symbolisieren.
Die letzte Galerie der Dauerausstellung widmet sich den Jahren nach 1944. Die meisten der überlebenden Juden wanderten nach Kriegsende aus. Ein Teil aber hoffte, mit und unter der kommunistischen Herrschaft den Antisemitismus zu überwinden. Manche wurden Amtsträger von Partei und Regierung. Allerdings kam es in den fünfziger Jahren zu einer weiteren Emigrationswelle. Nach dem Sechstagekrieg entfachte das Regime eine antisemitische Kampagne, in deren Folge weitere 15.000 bis 20.000 Juden das Land verließen. Nur ein verschwindend kleiner Rest der einstmals über drei Millionen Personen zählenden jüdischen Bevölkerung blieb in Polen, oftmals meilenweit von jüdischer Identität entfernt.
Erst seit 1989 und dem Fall des Kommunismus zeigen Juden und Menschen mit jüdischen Wurzeln in Polen wieder Interesse für ihre Geschichte und Kultur, Jüdisches ist in manchen Kreisen geradezu „hip“ geworden. Das jährlich stattfindende Jüdische Kulturfestival ist ein Beispiel dafür. In den größeren Städten des Landes haben sich kleine jüdische Gemeinden und Kulturvereine gebildet. Im Museum wird das mit einigen Videos zum jüdischen Leben illustriert. An einer Audio-Station ist außerdem zu hören, wie junge Juden auf einige Fragen reagieren: Wusstest du immer schon, dass du Jude bist? Hast du schon Antisemitismus erlebt? Wie hältst du es mit Israel? Gibt es eine Zukunft für Juden in Polen?
Alle Exponate und ihre Erläuterungen sind in Hebräisch, Polnisch und Englisch gehalten. In diesen Sprachen können sich Besucher die Ausstellung auch mit Audio-Guides erschließen, weitere Sprachen sind in Vorbereitung. Den umfangreichen Ausstellungskatalog gibt es in Polnisch und Englisch.
www.polin.pl