15. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2015 | 8. Adar 5775

Wie kommt der Wald in die Wüste?

In Stuttgart fand der Kongress „Natürlich für Israel“ statt

Von Brigitte Jähnigen

Gerade klein ist das Tagungszentrum Kursaal Bad Cannstatt in Stuttgart nicht. Dennoch wurde es am 8. Februar in dem altehrwürdigen Gebäudekomplex etwas eng. Der Grund: Mehr als 1100 Teilnehmer kamen zu dem Kongress „Natürlich für Israel“ in die baden-württembergische Landeshauptstadt. Die vom Jüdischen Nationalfonds, JNF-KKL, durchgeführte Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland, der israelischen Botschaft in Berlin und des israelischen Generalkonsulats in München. Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) und die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) waren Kooperationspartner der Veranstaltung. Anlass des Kongresses war der sich nähernde 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Trotz der strengen Sicherheitsvorkehrungen war die Atmosphäre ausgelassen: Man war unter Freunden.
Inzwischen ist das kein sehr häufiges Gefühl. „Es ist nicht mehr selbstverständlich, für Israel zu sein“, umschrieb Barbara Traub, Vorsitzende des IRGW und Präsidiumsmitglied des Zentralrats, die allgemeine Situation nach den terroristischen Anschlägen in Paris und den Anti-Israel-Parolen in Deutschland. Und dennoch: „Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen kann man mit der Baumblüte vergleichen, am dürren Ast haben sich viele Blüten entwickelt“, erklärte Barbara Traub bildhaft.
Efi Stenzler, Weltpräsident des KKL, würdigte die Hilfe der KKL-Freunde in der Bundesrepublik. Er sei sehr glücklich darüber, dass die über 10.000 Unterstützer unter anderem Umweltprojekte in der Wüste und Galiläa möglich machten. Benjamin Bloch, Präsident des JNF-KKL Deutschland, entwarf ein Bild für die Zukunft: „Ich wünsche mir mehr Austausch von Deutschen und Israelis aus der Wirtschaft und Wissenschaft, so wie er beim Business Circle des JNF-KKL und dem ,Young Professionals‘-Programm im ökologischen Bereich schon jetzt stattfindet.“
1901 auf dem fünften Zionistenkongress in Basel gegründet, ist der KKL heute zum grünen Wegbereiter Israels geworden. Parks, Grünanlagen, Anpflanzungen in der Arava-Senke und im Negev: Die Aufforstungsarbeiten des JNF-KKL kennen weltweit keine Parallele. Wie aber kommt der Wald in die Wüste? In einem anschaulichen Vortrag, illustriert durch Fotos, erzählte der schwäbische Forstingenieur Johannes Guagnin von seiner Arbeit für den KKL in Israel. Angepflanzt würden je nach Standort Oliven, Aleppo-Kiefern, Johannesbrotbäume, Akazien, Eukalypten.
Die Wüste begrünen und neues Land für Ansiedlung schaffen, ist auch für die Beduinen in Israel wichtig, die vor allem im Landessüden leben und im Negev 30 Prozent der Bevölkerung stellen. Professor Alean Alkreawi, Präsident des Achva Colleg, berichtete in Stuttgart über gemeinsame Aktivitäten des KKL und der beduinischen Gemeinschaft. „Das traditionelle Wissen der Beduinen über die Wüste Negev ist erforderlich für die moderne landwirtschaftliche Entwicklung“, betonte er.
In einem sehr emotionalen Vortrag zog Reservegeneral Doron Almog nicht nur ein Fazit zur Sicherheit Israels, sondern sprach auch das von ihm initiierte Wohltätigkeitsprojekt „Aleh Negev“ mit der Dorfanlage Nachalat Eran an. In ihr leben Menschen mit erheblichen Behinderungen. Almogs Sohn Eran war der erste Bewohner. „Dieser Sohn war in meinem Leben der beste Lehrer“, bekannte Almog. Heftiger Beifall zeigte, dass er von der Zuhörerschaft verstanden wurde. Der Erlös des Kongresses wird für einen Kräuter- und Duftgarten in Nachalat Eran verwendet.
„Ich bedaure, dass der tiefe humanistische Kern in der israelischen Gesellschaft in der Wahrnehmung der Deutschen bisher weitgehend übersehen wurde“, kommentierte Professor Michael Wolffsohn den Vortrag von Doron Almog. Denn die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeige, so der Historiker und Publizist: Man verstehe sich nicht. Als Ursache der Israel-Distanz hat Wolffsohn eine Weltsicht ausgemacht, die sich grundsätzlich unterscheidet. „Dem Nie-wieder der Israelis steht das Nie-wieder der Deutschen gegenüber“, so der Historiker. Israelis wollten nie wieder Opfer, Deutsche nie wieder Täter sein. „Aus den jeweiligen Folgen dieser Überzeugungen ergeben sich die Missverständnisse.“
Allerdings war der Kongress viel mehr als eine reine Vortragsveranstaltung. An über 40 Ständen konnten sich die Kongress-Teilnehmer über Israel und deutsch-israelische Projekte informieren, israelische Spezialitäten probieren, Hebräisch lernen, sich in israelischen Tänzen versuchen oder bei israelischem Wein ins Gespräch kommen. Und dann lockte der Entertainer Moshe Becker mit seinem Unterhaltungsprogramm die Besucher endgültig aus der Reserve.