15. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2015 | 8. Adar 5775

Die Welt verändern

750 Fans kamen zur Jewrovision nach Köln – 350 Darsteller standen auf der Bühne

Von Ute Glaser

„Wir müssen etwas Neues wagen/ Die Angst vergraben/ Bevor die schönen Dinge in Vergessenheit geraten“ dröhnt der Rap durch die Halle. Tänzer wirbeln auf der Bühne, Energie fließt ins Publikum, das fasziniert der Stimme lauscht, die nun beschwört: „Also steh auf! Mach was!/ Keine Sorge, du schaffst das!“ Bunte Knicklichter flirren durchs Dunkel, Fahnen werden geschwenkt, Sprechchöre ertönen – das Kölner Event-Center XPost hat sich längst in einen Hexenkessel verwandelt, als die rund 20 Kinder und Jugendlichen des Jugendzentrums Or Chadasch Mannheim feat. JUJUBA im Scheinwerferlicht ihr Bestes geben. Es ist Schabbat-Ausgang, Samstag, 21. Februar. Und es ist Jewrovision. 350 Akteure von 10 bis 19 Jahren aus ganz Deutschland haben sich monatelang vorbereitet – und am Ende des Abends wird Mannheim der Sieger sein. Titelverteidiger Köln kommt auf Platz zwei, Hannover auf Rang drei.
Schon früh am Abend strömen Teilnehmer und Fans in das denkmalgeschützte ehemalige Paketzentrum, wo die 14. Jewrovision unter dem Thema „Make A Difference“ stattfindet. Die einen sind Darsteller. Die anderen gehören zu den 750 Fans, die ihr jeweiliges Jugendzentrum unterstützen und an dem dreitägigen Mini-Machane teilgenommen haben, in das die Jewrovision eingebettet ist. Wieder andere sind längst erwachsen und wollen Freunde treffen oder Verwandte unterstützen, wie Samuel Steinitz aus Frankfurt, der seine Tochter auf der Bühne anfeuern will. Er findet das toll. Er sei im Berliner Jugendzentrum groß geworden: „Da gab es so etwas noch nicht.“ Natürlich lassen es sich auch zahlreiche Mitglieder des Präsidiums und des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland nicht nehmen, bei der Jewrovision dabei zu sein.
2002 fand die erste Jewrovision statt und längst ist sie Theatersälen entwachsen, weshalb sie seit 2013 nicht mehr von den Gemeinden, sondern vom Zentralrat ausgerichtet wird. Dieser stemmt nun Deutschlands größte jüdische Veranstaltung und Europas größten Gesangs- und Tanzwettbewerb für jüdische Jugendliche. Zwei Kilometer Absperrband wurden in Köln entrollt, 250 Hinweisschilder aufgestellt, 20.000 Flyer verteilt und 112 Scheinwerfer montiert.
„Die Jewrovision gehört zu meinen Lieblingsveranstaltungen“, gesteht Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster. „Denn sie ist die fröhlichste Zusammenkunft, die der Zentralrat organisiert.“ Gerade „trotz der neuen Bedrohungslage, trotz aller Sorgen oder Verunsicherungen“ sei sie immens wichtig. Zumal es nicht um ein „oberflächliches Nachträllern von bekannten Liedern“ gehe, sondern darum, „den Zusammenhalt der Jugendlichen und ihre jüdische Identität“ zu stärken. „Mit Spannung und großer Vorfreude“, verfolge er daher den Wettbewerb, dessen Thema auffordere zu zeigen, „wie du mit deinem Handeln die Welt verändern kannst“. Dr. Schuster berichtet dem Publikum, er stehe noch ganz unter dem Eindruck des Vortags: Am Freitagabend hatten die Wettbewerbsakteure und Fans aus den Jugendzentren gemeinsam Schabbat gefeiert. „Mehr als 1000 Jugendliche bei einem Schabbat-Gottesdienst – das ist Gänsehaut pur!“, erklärt der Zentralratspräsident.
Gänsehaut pur stellt sich auch ein, als die Jugendzentren in schnellem Takt ihre Beiträge – ein zweiminütiges Video und eine vierminütige Bühnenshow – präsentieren, moderiert vom Berliner Rapper Ben Salomo. Kölns Bürgermeister Ralf Heinen erntet Schmunzeln, als er versehentlich und doch passend vom „Zentralrat der Jugend“ spricht. Polizeipräsident Wolfgang Albers, auch Verleger Hubert Burda ist gekommen. Manche Darbietung berührt, anderes reißt mit, alles begeistert und regt zum Nachdenken an. Texte – mal deutsche, mal englische –, Kostüme, Bühnenbild: Die Jugendlichen haben in Eigenregie Erstaunliches auf die Beine gestellt. Sie tanzen und singen, zeigen Akrobatisches, Spezialeffekte und vor allem riesiges Engagement.
Köln fasziniert mit der Präsentation aller Jugendzentrum-Logos und dem Ruf „Es liegt an uns, the difference, it’s coming now!“, Hannovers Team singt schmissig „Setz die Kippa auf!“ Veränderung, Tatendrang und Hoffnung sprechen – ganz im Sinne des Mottos dieses Wettbewerbs – auch aus den Liedern aller anderen Teams.
Angesichts der hochkarätigen Vielfalt möchte kaum jemand in der Haut der Jury stecken. Zu dieser gehören außer Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats, und Nachumi Rosenblatt, Jugendreferent der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, einige im Showbiz prominente Gesichter: Artistin Rebecca Siemoneit-Barum, Schauspielerin Susan Sideropoulos, die Sängerinnen Linda Teodosiu und Maya Saban, TV-Moderatorin Andrea Kiewel und „Mister Eurovision“ Ralph Siegel, der seine Stimme am liebsten gar nicht abgeben möchte, weil er die Entscheidung so schwierig findet. „Donnerwetter!“, macht auch Linda Teodosiu aus ihrer Überraschung über die Qualität der Beiträge kein Hehl, „es gibt in Deutschland wirklich nichts Vergleichbares.“ Mit einigen Songs überbrückt sie genauso wie die Band Jewdyssee die Zeit bis zur Bekanntgabe der Gewinner.
Dabei gibt es 2015 eine Neuheit: Das beste Video erhält einen separaten Preis. Und dieser geht – an Ekew Freiburg & Mischpacha Emmendingen feat. JUJUBA! Die piepsige Kinderstimme und die märchenhafte Darstellung des göttlichen Funkens, der als gleißende Kugel in guten Taten weitergegeben wird, rührten die Jury. Auch beim Live-Act haben nicht große Zentren die Nase vorn, sondern Mannheim siegt mit 104 Punkten vor Köln, das den begehrten Triple-Sieg verpasst. Das punktgleiche Hannover (83 Punkte) kommt auf Platz 3, weil die stärker zählende „Gemeinschaftsstimme“ aller Jugendzentren Köln gilt.
Der Doppelsieg in Video und Live-Act für Jugendzentrum-Kooperationen zeigt, dass das Konzept der kleineren Jugendzentren aufgegangen ist, sich für die Jewrovision zusammenzuschließen. Einzeln hatten sie sich gegen die großen, besser bestückten Jugendzentren kaum noch Siegchancen ausgerechnet. So aber räumen sie die Titel ab. Was Mannheims Team zum Abschluss nochmals schmettert, trifft beim After-Show-Feiern den Kern: „The party ain’t over!“