15. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2015 | 8. Adar 5775

Kein Allheilmittel, aber unerlässlich

Interview mit Rabbiner Henry G. Brandt über den interreligiösen Dialog zwischen Juden und Christen

Am 8. März wird in Ludwigshafen die diesjährige Woche der Brüderlichkeit eröffnet. Dieses seit 1952 stattfindende Forum ist eine zentrale Bühne für den christlich-jüdischen Dialog. Es wird vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ausgerichtet und steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach die „Zukunft“ mit dem jüdischen Vorsitzenden des Koordinierungsrats, Rabbiner Henry G. Brandt.

Zukunft: Herr Rabbiner Brandt, wie erfolgreich ist der interreligiöse Dialog in Deutschland?
Rabbiner Brandt: Wir müssen uns klarmachen, dass echter Dialog – und ein Dialog ist ja mehr als ein bloßes Gespräch – gegenseitiges Wissen übereinander voraussetzt. Somit ist der Kreis von Dialogpartnern von vornherein begrenzt. Allerdings finden die Einsichten aus dem Dialog mit Juden schon Verbreitung innerhalb der Kirchen. Daher wurde durch den Dialog das Verständnis des Judentums durch christliche Theologen erheblich gefördert. Das ist ein wichtiger Erfolg, durch den antijüdisches Gedankengut bei den Kirchen erheblich reduziert werden konnte. Ein Beispiel: Bei der Beschneidungsdebatte des Jahres 2012 stellten sich die Kirchen ziemlich schnell auf unsere Seite. Das war sicherlich auch dem bereits seit Jahrzehnten geführten Dialog geschuldet.
Auf der anderen Seite muss ich feststellen, dass diese Dialogergebnisse keineswegs in allen Kirchenkreisen und Gemeinden oder in der Geistlichen-Ausbildung umfassend umgesetzt werden. Das bedeutet aber nicht, dass wir diesen Dialog einstellen sollten. Der Kampf gegen antijüdische Ressentiments ist eine Daueraufgabe. Dafür ist der interreligiöse Dialog eines der erfolgreichsten Mittel. Er muss fortgesetzt werden.

Nun aber wird die deutsche Gesellschaft immer säkularer. Wie viele Menschen in Deutschland interessiert es noch, was die Kirchen zu sagen haben?
Die Kirchen sind noch immer ein sehr wichtiger Faktor in der deutschen Gesellschaft. Das zu unterschätzen, wäre falsch.

Dennoch gibt es auch breite Kreise, für die die Kirchen nicht so relevant sind.
Der interreligiöse Dialog ist nicht der einzige Weg zum Wirken für ein besseres Verständnis der Juden und des Judentums in der deutschen Gesellschaft. Es gibt die Parteien, die politische Bildung, das Schulwesen – um nur einige Beispiele zu nennen. Letztendlich tragen auch jüdische Einzelne, die in zahllosen deutschen Einrichtungen, Organisationen und Foren tätig sind, zu diesem Verständnis bei. Daher kann und sollte der interreligiöse Dialog ergänzt werden. Ersetzbar ist er aber nicht.
Es gibt noch einen weiteren, wichtigen Aspekt: Ein großer Teil der Zusammenarbeit zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der Mehrheitsgesellschaft bezieht sich – völlig zu Recht – auf die Schoa und die da­raus zu ziehenden Lehren. Der interreligiöse Dialog aber packt auch die historischen Wurzeln des jahrhunderte-, ja jahrtausendealten christlichen Antisemitismus an. Und dieser war ein Wegbereiter der Schoa.

Sind Juden für die deutsche Gesellschaft wirklich so interessant?
Das Verhältnis zum Judentum und zur jüdischen Gemeinschaft ist für Deutschland immens wichtig, und sehr viele Menschen hierzulande empfinden das auch so. Allerdings gibt es natürlich auch andere Fragen, die für die deutsche Gesellschaft wichtig und dringlich sind, etwa die Integrations- und Islamdebatte. Insofern sollten auch wir als Juden den jüdisch-christlichen Dialog bewusst pflegen und weiterentwickeln.