15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Heimatkunde

Die Geschichte der Juden in Westfalen ist Thema der bisher größten Ausstellung des Jüdischen Museums in Dorsten

Von Zlatan Alihodzic

Eine Ausstellung zu der immerhin eintausend Jahre langen Geschichte der Juden in Westfalen ist kein einfaches Unterfangen. Im Lauf der Jahrhunderte nahm die Situation der jüdischen Bevölkerung zahlreiche Wendungen und war oft genug unerfreulich. Ein tiefer Bruch ereignete sich Mitte des 14. Jahrhunderts, als Juden für den Ausbruch der Pest verantwortlich gemacht und vertrieben oder ermordet wurden. Ihre Rückkehr war langsam, sie wurden auch in den nachfolgenden Jahrhunderten unterdrückt. Die Emanzipation in der Neuzeit verlief zögernd. Im „Dritten Reich“ erging es den Juden in Westfalen nicht anders als in ganz Deutschland.
Und doch schlugen Juden in Westfalen Wurzeln, pflegten ihr religiöses Leben, nahmen an der wirtschaftlichen Entwicklung teil und waren in zahlreichen Städten und Ortschaften zu Hause – auch wenn ihre Zahl nicht gerade überwältigend war: Im Juni 1933 ergab die – bereits unter den Nazis durchgeführte – Zählung knapp 19.000 „Glaubensjuden“.
Die Geschichte der westfälischen Juden will das Jüdische Museum Westfalen (Dorsten) mit seiner Ende 2014 eröffneten und bis Mitte Mai zu besichtigenden Ausstellung „Heimatkunde“ anschaulich machen. Die Schau zeigt ausgewählte Phasen und Erfahrungen des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden in Westfalen.
Im Einklang mit der Komplexität des Themas ist die Ausstellung, für die Exponate aus der ganzen Welt beschafft wurden, ein ausgesprochenes Großprojekt. Schon im Foyer sind die ersten Ausstellungsstücke zu sehen – in Holzboxen mit Sichtfenstern untergebracht, mal in quadratischen, mal in verwinkelten mit schrägen Kanten. Zusammengesetzt ergeben die Boxen Themeninseln, die ein wenig so aussehen, als hätte jemand Bauklötze zusammengeklebt.
Die Planung der Ausstellung begann bereits vor drei Jahren. „Als wir damals anfingen, wussten wir gar nicht, worauf das hinausläuft“, räumt Museumskurator Thimas Ridder ein. „Eine Frage war, ob wir überhaupt genug Exponate finden würden.“ Einen großen Beitrag zum Gelingen habe Iris Nölle-Hornkamp als wissenschaftliche Leiterin des Projekts geleistet. „Sie hat vieles an vielen Orten aufgespürt“, sagt Ridder. Die Leihgaben stammen aus Museen, Bibliotheken, Archiven und von Privatpersonen. Allein schon die Verbringung von Exponaten aus Nicht-EU-Ländern, so Ridder, war mit großem Verwaltungsaufwand verbunden: „Da hat man eine ganze Akte voller Zollvorgaben. ‚Heimatkunde‘ ist ein Projekt, das wir in dieser Größenordnung noch nicht hatten.“
Die Arbeit an dem Forschungsprojekt hat die Kulturstiftung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe finanziert, für die Ausstellung selbst konnten Stiftungen und Unternehmen als Förderer gewonnen werden. Das war allerdings schwerer als gedacht, die Ausstellung wurde ein halbes Jahr später eröffnet als zunächst geplant.
Zahlreiche Ausstellungsstücke aus privaten Nachlässen und viele persönliche Dokumente geben Einblick ins Leben der jüdischen Bevölkerung. Da sind Schutzbriefe aus dem späten 18. Jahrhundert, der im „Fürstenthum Lippe“ ausgestellte Reisepass eines Juden, ein Nachbarschaftsbuch von 1754 aus Schwerte. „Diese Bücher wurden gewissenhaft gepflegt, wenn Menschen zu- oder weggezogen sind. Darin findet man viele Namen von jüdischen Familien, die ganz selbstverständlich dazugehörten“, erläutert Thomas Ridder. Daneben ist das Kundenbuch eines Schuhmachers ausgestellt, der zahlreiche jüdische Kunden hatte. „Er hat wohl mit der Zeit eine jüdische Kurzschrift gelernt und auch hebräische Buchstaben geschrieben.“ Noch ein Stück weiter hängt ein Kruzifix im Jüdischen Museum: Das schenkte die Familie Cohn ihrem Nachbarn Bernhard Schwartz zur Primiz, also zur ersten Heiligen Messe, die er als Priester feierte – und zwar am 6. August 1933. „Wir waren selbst erstaunt, was an Exponaten so zusammengekommen ist“, sagt Ridder.
Auch den Brauch, mit Gewehren auf hölzerne Vögel zu schießen, haben Juden gepflegt, erzählt der Museumskurator und spielt auf die Tradition der Schützenvereine an. „Die waren wegen des sozialen Aspekts wichtig, deshalb waren auch jüdische Bürger an Mitgliedschaften interessiert.“ Das belegt zum Beispiel die Gedenkplakette für Abraham Aaron, der 1808 in Attendorn zum Schützenkönig gekrönt wurde. In Schermbeck wurde Paula Adelsheimer 1929 Schützenkönigin – an der Seite eines nichtjüdischen Schützenkönigs.
Einen wichtigen Teil nehmen in der Ausstellung die Themen Exil und Emigration, Heimweh sowie die Zerrissenheit zwischen mehreren Heimaten und die daraus folgenden Probleme mit der Identität ein. Zahlreiche Juden konnten sich nach der Schoa kein jüdisches Leben mehr in Deutschland vorstellen. Joseph Plaut, gebürtiger Detmolder, entschied sich anders, wie die Besucher in der Ausstellung erfahren. Am Ersten Weltkrieg hatte er als deutscher Soldat teilgenommen, vor den Nationalsozialisten musste der Sänger und Autor fliehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Westfalen zurück und konnte dort auch wieder erfolgreich auftreten. Viele solch persönlicher Geschichten wurden für die Ausstellung „Heimatkunde“ gesammelt. Damit sie nicht vergessen werden, hat sich der Kraftakt des Jüdischen Museums Westfalen gelohnt.