15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Szenen eines Überlebens

Das Buch „Untergetaucht“ ist die außergewöhnliche Geschichte einer jungen Jüdin, die die Nazizeit in Berlin überstand

Erinnerungsbücher von Holocaust-Überlebenden sind für das Verständnis der Schoa von besonderer Bedeutung. Sie erlauben es den Nachgeborenen, wenigstens einen flüchtigen Blick in die Schrecken jener Zeit zu werfen. Das kürzlich erschienene Buch „Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945“ schildert die Geschichte von Marie Jalowicz Simon, die die Zeit der „Endlösung“ in Berlin, quasi vor der Nase der Mörder, zu überleben vermochte.
Die 1922 in Berlin geborene Marie Jalowicz gehörte zu den sogenannten U-Booten, Juden, die den Häschern des „Dritten Reiches“ in der Illegalität oder im Versteck entkommen konnten. In und um Berlin wurde ihre Zahl auf rund 1700 geschätzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Marie Jalowicz Simon in Berlin – Ost-Berlin – und wurde Professorin für Antike Literatur- und Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität. Sie starb im Jahr 1998. Die kurz vor ihrem Tode auf Band gesprochenen Erinnerungen wurden von der Autorin Irene Strathenwert und von Marie Jalowicz Simons Sohn, dem Historiker und Direktor des Berliner Centrum Judaicum Dr. Hermann Simon, bearbeitet.
Es ist nicht nur Jalowicz Simons fast schon unglaubliche Geschichte, mit der der Leser konfrontiert wird, es ist auch der jeglicher Sentimentalität bare, stellenweise trockene Erzählstil. Zum Tod ihrer Mutter Betti im Jahr 1938 heißt es: „Wir ersparten unseren nichtjüdischen Bekannten den Konflikt, ob sie zu einer jüdischen Beerdigung erscheinen sollten, indem wir die Trauerkarten an sie absichtlich zu spät abschickten.“ So kurz und doch so treffend lässt sich die Atmosphäre fünf Jahre nach der Machtergreifung durch die Nazis schildern.
Und doch war das für deutsche Juden nur der Einstieg in den Untergang. Für Marie ging es Schlag auf Schlag. 1940 wurde sie zur Zwangsarbeit bei Siemens in Berlin eingezogen. Im Jahr darauf starb ihr Vater Hermann, sie blieb allein. Immer mehr Freunde und Verwandte wurden deportiert. Um Marie wurde es immer einsamer. Da fasste die 19-Jährige den Entschluss, nicht einfach abzuwarten, bis auch sie den Deportationsbefehl bekommt. Sie tauchte unter und nahm sich fest vor zu überleben.
Spätestens ab dieser Stelle liest sich ihr Bericht fast wie das Drehbuch für einen Thriller, nur eben dass die Handlung wahr ist. Ihren Beschluss, dem Tod zu trotzen, setzte Marie in die Tat um und wurde beim Kriegsende von der Roten Armee, die Berlin besetzte, befreit. Einfach war das aber nicht. Ihr Überleben war auch, aber nicht nur dem Faktor Glück zu verdanken. Zum Glück kam eine Kombination von Kraft, Mut und Geistesgegenwart. Als etwa der Briefträger ihr eine per Einschreiben gesandte Aufforderung des Arbeitsamts überbringen will, sich erneut zur Zwangsarbeit einzufinden, erklärt Marie kurz entschlossen, Fräulein Jalowicz sei bereits in den Osten umgesiedelt worden – sprich deportiert. Der Bluff klappt: Die Information leitet der Postbeamte an den Absender weiter. Marie wird von der Liste der zur Zwangsarbeit einzuberufenden Juden gestrichen.
Sie lebt mit falscher Identität und gefälschten Papieren. Jederzeit kann sie enttarnt oder denunziert werden. Sie muss sich vor Spitzeln der Gestapo in Acht nehmen, so gut es eben geht. Hunger, Kälte und Angst begleiten sie. Eine ungewollte Schwangerschaft wird mit Hilfe eines Abtreibungsmittels unterbrochen – in einem Berliner Garten. Der Fötus wird unter einem Pflaumenbaum begraben. Die Schonungslosigkeit, mit der Marie Jalowicz Simon die Ereignisse ein halbes Jahrhundert später schildert, macht einen wesentlichen Teil des menschlichen wie des historischen Wertes ihrer Erinnerungen aus.
Die Beziehung mit einem bulgarischen Fremdarbeiter scheint eine Chance zur Flucht zu bieten. Der im September 1942 unternommene Versuch, sich mit dem Lebensgefährten nach Bulgarien abzusetzen, scheitert jedoch. Wieder hat Marie Glück im Unglück: Statt sie den Nazis auszuliefern, stellt ihr ein wohlwollender deutscher Beamter in Sofia einen echten deutschen Pass aus, allerdings nur für die Rückreise nach Berlin. Diese verläuft dramatisch: Um einer drohenden Enttarnung zu entkommen, muss Marie durch ein Toilettenfenster flüchten. Das schafft sie ausgerechnet mit Hilfe deutscher Wachsoldaten, denen sie erfolgreich vorgaukelt, sie müsse einen – frei erdachten – Dieb verfolgen, der sich gerade mit ihrem Koffer aus dem Staub mache.
Der Versuch, mit Hilfe einer kommunistischen Widerstandsgruppe Unterschlupf in Magdeburg zu finden, muss nach sechs Wochen abgebrochen werden. Die junge Frau findet sich wieder in Berlin. Ab 1943 folgt eine Zeit relativer Normalität: Marie zieht mit einem niederländischen Fremdarbeiter zusammen und kommt zur Untermiete bei einer alten Nazianhängerin und Mutter eines SA-Angehörigen unter. Auch hier helfen ihr Mut und Intelligenz, die Zeit bis zur Befreiung zu überbrücken. Sie hat zudem wieder das Glück, auf Menschen zu treffen, die ihr helfen, obwohl sie ihre wahre Identität kennen oder erahnen. Teils sind es aktive Widerständler, teils einfache Menschen, die sich in der unmenschlichen Zeit ihre Menschlichkeit bewahrt haben. Unersetzlich ist aber auch die gegenseitige Hilfe, die jüdische Verfolgte einander gewähren.
Das Buch ist jedoch mehr als die Schilderung eines Einzelschicksals. Darüber hinaus gewährt es, pars pro toto, einen Einblick in das Schicksal von Juden, die die NS-Verfolgung in der Illegalität überlebten. Auch das macht das Buch zu einem wichtigen Beitrag zum historischen Verständnis der Schoa.

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin,
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2014, IBSN 978-3-10-03

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