15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Faszination des Widerspruchs

Die komplexe Persönlichkeit Walther Rathenaus kam bei einer Veranstaltung des Jüdischen Salons am Grindel unter die Lupe

Von Moritz Piehler

Mit Walther Rathenau verbinden die wohl meisten heutigen Zeitgenossen seinen Tod. Am 24. Juni 1922 wurde der damalige Reichsaußenminister von deutsch-nationalistischen Extremisten ermordet. Die Attentäter nahmen dem Chef der deutschen Diplomatie nicht nur seine Politik, sondern vor allem auch sein Judentum übel. Bereits im Vorfeld des Anschlags war Rathenau als Jude bedroht worden. In einem Schmählied hatte es geheißen: „Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau.“ Der Mord erschütterte damals die deutsche Politik. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sogar der Spruch die Runde, Rathenau sei das erste Opfer des Dritten Reiches gewesen – elf Jahre vor der Machtergreifung durch die Nazis. Bis heute sind nach Rathenau Schulen, Plätze und Straßen benannt.
Indessen ist Rathenaus Person keineswegs nur wegen der tragisch-symbolischen Weise faszinierend, auf die sein Leben endete. In Rathenaus Leben und Persönlichkeit spiegelten sich zahlreiche Facetten und Widersprüche der Weimarer Republik und des Umbruchs, die das frühe 20. Jahrhundert mit sich brachte. Als Sohn des Industriellen und Gründers des Elektrokonzerns AEG, Emil Rathenau, und als späterer Unternehmenslenker gehörte Rathenau zur sozioökonomischen Elite Deutschlands, spürte aber auch, als Jude ein Bürger zweiter Klasse zu sein, wie er es selbst beschrieb. Trotz oder auch gerade wegen dieses Zwiespalts erwarb er sich während des Ersten Weltkrieges große Verdienste um die deutsche Kriegsführung, indem er die Rohstoffwirtschaft straff neu ordnete. In Kriegsfragen war er ein Hardliner.
Als Nachkriegspolitiker war er aber pragmatisch, wenngleich auf konsequente Vertretung deutscher Interessen bedacht. 1921 wurde er als Wiederaufbauminister in die Reichsregierung berufen; im Januar 1922 übernahm er das Auswärtige Amt. In beiden Ämtern war er um einvernehmliche Regelungen der Reparationsfrage bemüht – was der nationalistischen Rechten ein Dorn im Auge war. In seinen Schriften machte sich Rathenau kritische Gedanken über die Entwicklung der modernen Wirtschaft und Gesellschaft.
Die historische Einschätzung Rathenaus ist durchaus widersprüchlich. Die Vielfalt der Interpretationen kam jüngst bei einem vom Hamburger Kulturverein Jüdischer Salon am Grindel veranstalteten Rathenau-Abend zum Ausdruck. Martin Sabrow, Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und ein führender Rathenau-Experte, ging auf verschiedene Rathenau-Bilder ein, die sich Zeitgenossen und Nachwelt von dem Politiker gemacht haben. Besonders spannend seien die Unterschiede in der Würdigung, die Rathenau in Ost- und Westdeutschland zuteil wurden. Für die DDR, so Sabrow, war Rathenau als Attentatsopfer der Nationalsozialisten eindeutig mit dem Etikett „heroischer Märtyrer“ versehen. Ein weiterer Pluspunkt war, dass er als Reichsaußenminister zum Aufbau deutsch-sowjetischer Beziehungen beigetragen hatte: Seine Unterschrift stand unter dem Vertrag von Rapallo, in dem die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und der Russischen Föderation vereinbart wurde.
Rathenau arbeitete auch kräftig selbst an seinem Image und gefiel sich in der Rolle des Großunternehmers mit schriftstellerischem Talent. Deswegen jedoch sollte Rathenaus schriftstellerisches Werk keineswegs unterschätzt werden, wie Clemens Reichhold vom Walther Rathenau Kolleg in Potsdam bei der Veranstaltung erklärte. Zwar habe sich Rathenau in seinen theoretischen Texten gerne bei den klugen Ideen seiner Zeitgenossen bedient. So etwa schimmere in seinem Modell des „Mutmenschen“, den er dem „Furchtmenschen“ gegenüberstellte, Nietzsches Weltbild durch, während seine Kritik an der Mechanisierung des Menschen und der neuen Massengesellschaft deutliche Anleihen bei Max Weber zeige. Indessen habe Rathenau das Talent gehabt, Gedanken zu verbinden und massentauglich darzustellen. Als einen Theoretiker und Praktiker zugleich beschrieb ihn denn auch die Literaturwissenschaftlerin Jasmin Sohnemann in ihrer Einleitung zu der Hamburger Veranstaltung.
Rathenaus jüdische Identität kam bei dem Rathenau-Abend ebenfalls zur Sprache. Steffi Bahro, auch sie am Walther Rathenau Kolleg tätig, ging auf seine 1897 veröffentlichte Schrift „Höre, Israel“ ein. In dieser hatte Rathenau den in Deutschland lebenden Ostjuden vorgeworfen, „weniger als nichts“ für ihre Eingliederung in die Gesellschaft zu tun, und auch sonst alles andere als schmeichelhaft von ihnen gesprochen. Vor allem diese Schrift brachte Rathenau den Vorwurf ein, ein selbsthassender Jude zu sein. In Hamburg war indessen eine andere Deutung zu hören: Bahro deutete „Höre, Israel!“ als einen Versuch Rathenaus, sich für eine Integration der Juden einzusetzen. Dabei habe Rathenau sich „von seiner komplexen Demontage der Judenfrage“ offenbar mehr versprochen als von einer „abwehrenden Agitation im Sinne der Judenverteidigung“.
Bahros Lesart werden nicht alle teilen, doch ist sie zumindest ein spannender, neuer Blickwinkel auf diese wohl umstrittenste Veröffentlichung Rathenaus. Tatsache ist aber auch, dass Rathenau 20 Jahre später in seiner „Streitschrift vom Glauben“ einen von christlicher Seite geforderten Übertritt der Juden zum Christentum ablehnte. In der 1917 erschienenen Abhandlung erläuterte er nicht zuletzt grundlegende strukturelle Unterschiede zwischen den christlichen Kirchen – sie bezeichnete er als „Mechanisierungsformen“ des Glaubens – und dem Judentum, das, wie Rathenau betonte, ohne Kirchen und ohne Priester auskomme. Für einen Übertritt der Juden sah er keinen Anlass. Statt für eine „Verschmelzung“ der Religionen – sprich einen Glaubensabfall der Juden zugunsten des Christentums – plädierte er für eine Versöhnung: ein noch immer gültiges Postulat, das heute viel mehr Gehör findet, als es vor einem Jahrhundert der Fall war.