15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Haus der Ewigkeit

In Deutschland gibt es über 2000 jüdische Friedhöfe – die allermeisten werden nicht mehr genutzt

Von Ute Glaser

Wer jüdische Grabsteine betrachtet, spürt einen Hauch der Ewigkeit. Das liegt an jahrhundertealten Inschriften, aber auch daran, dass eine Grabstätte im Judentum für ewig dem Verstorbenen gehört. So heißt „Friedhof“ denn auch auf Hebräisch „Beit Almin“: Haus der Ewigkeit.
In Deutschland gibt es über 2000 jüdische Friedhöfe – mit durchaus unterschiedlichem Charakter. Es gibt verwunschene Friedhöfe schwäbischer Landgemeinden mit reicher Symbolik und Ornamentik genauso wie eher nüchterne Friedhöfe in Norddeutschland, es gibt fast vergessene Parzellen mit wenigen Grabsteinen genauso wie großstädtische Friedhöfe mit monumentalen Familiengräbern. Manche Grabsteine sind poliert und beeindruckend, andere schief und nahezu verwittert.
Nur auf gut 110 dieser Friedhöfe wird derzeit bestattet. Alle anderen sind geschlossen, weil unter dem Hitler-Regime die dazugehörigen jüdischen Gemeinden ausgelöscht wurden. Deren Rechtsnachfolger wurden in der neuen Bundesrepublik in aller Regel die jüdischen Landesverbände, wenngleich es Ausnahmen gibt: Beispielsweise gehört ein jüdischer Friedhof in Dormagen der Kommune, einer in Alsdorf einer privaten jüdischen Erbengemeinschaft.
Egal wer Hausherr ist: Das historische, oft denkmalgeschützte Erbe muss verwaltet und gepflegt werden. Das war schon immer eine verantwortungsvolle und nicht immer leichte Aufgabe. Gerade deshalb setzte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland bereits gleich nach seiner Gründung im Jahr 1950 für die Instandsetzung und die Regelung einer dauerhaften Pflege der jüdischen Friedhöfe ein.
Daniel Lemberg ist einer, der sich mit den Herausforderungen der Friedhofsbetreuung auskennt. Der 48-jährige ist Friedhofsverwalter in Köln, und die dortige Situation ist typisch für ganz Deutschland: Von den 35 jüdischen Friedhöfen, die Lemberg für die Sy­nagogen-Gemeinde Köln – sie hat den Status eines Landesverbands – betreut, sind 34 geschlossen, davon 5 im Stadtgebiet Köln, die übrigen 29 im ländlichen Umkreis. Nur der Jüdische Friedhof Köln-Bocklemünd wird weiterhin aktiv genutzt. Was Daniel Lemberg am meisten sorgt? „Das Schwierigste ist, Geld aufzutreiben.“
Ohnehin seien die Zuständigkeiten verzwickt, erklärt der Friedhofverwalter. Dort, wo es keine jüdische Gemeinde mehr gebe, übernehme bei geschlossenen Friedhöfen, die sich im Eigentum eines jüdischen Landesverbands befinden, die Zivilkommune die laufende Pflege, während der Landesverband für den baulichen Erhalt verantwortlich sei. Wo, wie in Köln, eine jüdische Gemeinde existiere, sei diese für Pflege und Bauten zuständig. Es gebe allerdings etliche Sonderfälle – beispielsweise arbeitet ein städtischer Friedhofsgärtner auf dem denkmalgeschützten Jüdischen Friedhof Köln-Deutz.
Landeszuschüsse gebe es für die Unterhaltung, beispielsweise das Fällen von Bäumen, erklärt Daniel Lemberg. Doch Zuschüsse für den Denkmalschutz seien leider passé, dort seien nur noch günstige Darlehen und Steuerabschreibungen möglich. Trotz des guten Willens der meisten Kommunen werden so die meisten Schritte zum Problem: Während man etwa in Aachen händeringend 200 aus Sicherheitsgründen umgelegte Grabsteine wieder aufstellen möchte, wird in Bergheim ein Sponsor für die Instandsetzung der maroden Friedhofsmauer gesucht. „Der Landschaftsverband Rheinland ist uns immer eine große Stütze“, lobt Lemberg.
Manchmal hilft auch die Natur bei der Pflege: In Köln-Bocklemünd halten Bussarde und zwei Fuchsfamilien die Kaninchen, die gern die Grabbepflanzung fressen, „gut in Schach“, so Daniel Lemberg. Alle Anfragen von Jägern, die die Kaninchen mit der Waffe reduzieren wollten, hat er daher locker abgelehnt: „Ich möchte keine Schießerei hier auf dem Friedhof.“
Eine wichtige Aufgabe ist auch die Dokumentation der jüdischen Friedhöfe. Nur selten sind Karteikarten von Beerdigten wie in Berlin-Weißensee erhalten, die meisten Unterlagen wurden von den Nazis oder durch Feuer bei Bombardements vernichtet. Historiker und Forscher entziffern, fotografieren, notieren und verknüpfen. Zahllose Ergebnisse hat das Steinheim-Institut ins Netz gestellt (http://steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat). Auch Daniel Lemberg schätzt das Dokumentieren, fasziniert blättert er im Bocklemünder Friedhofsbuch von 1918, dessen handschriftliche Daten er derzeit in eine Datenbank überträgt. „Die anderen fünf Kölner Friedhöfe habe ich schon im Computer.“
Dieter Peters aus Aachen, der seit 20 Jahren die 150 geschlossenen jüdischen Friedhöfe des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein betreut, erfasst und erforscht seit Ende der 80er-Jahre jüdische Friedhöfe und Grabinschriften, und zwar in ganz Deutschland. „Mein Privatarchiv umfasst zur Zeit circa 86.000 Namen und Lebensdaten von Verstorbenen auf mehr als 800 Friedhöfen“, erzählt er, „dazu circa 10.000 Fotos.“ Hinzu kommen zahlreiche Publikationen. Manche Kuriosität hat er entdeckt: zum Beispiel die hebräischen Inschriften „Kopf“ (Rosch) und „Beine“ (Ragla’im), die in der alten Friedhofsmauer von Grevenbroich die Liegerichtung der Toten angeben. Auch eingeritzte Hakenkreuze und andere Schändungen musste Peters, der sich eine Vernetzung der Friedhofsbeauftragten wünscht, schon fotografieren, „das ging dann weiter an den Staatsschutz.“ Zum Glück seien Friedhofsschändungen seltener geworden.
In Frankfurt, wo von zwölf Friedhöfen nur einer aktuell genutzt wird, verrät der zuständige Friedhofsverwalter Majer Szanckower, dass er sogar mehr als nur ein Verwalter ist: Im Rahmen seines breiten Arbeitsspektrums biete er auch Lebenshilfe. Menschen schütten ihm ihr Herz aus, und ihm ist es wichtig, für den Kummer der Lebenden ein offenes Ohr zu haben. Zudem suchen immer wieder Angehörige aus aller Welt beim Friedhofsverwalter in Frankfurt, Köln oder andernorts Hilfe, wenn sie nach speziellen Gräbern und Informationen forschen. Überdies interessieren sich viele, auch Nichtjuden, für Führungen über jüdische Friedhöfe, zumal diese Stätten verstärkt in Wanderrouten eingebunden und durch Hinweistafeln und QR-Codes erklärt werden.