15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Die Zukunft gestalten

Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland bot jungen Menschen eine Konferenz zum Engagement in der jüdischen Gemeinschaft an

Über die Zukunft lässt sich, wie man weiß, trefflich diskutieren. Was uns die kommenden Jahre bringen werden, weiß niemand wirklich, doch interessiert es praktisch jeden. Allerdings gilt auch hier das berühmte Goethe-Zitat: „Grau, mein Freund, ist alle Theorie.“ Wer die Zukunft nämlich beeinflussen will, darf über sie nicht nur debattieren, sondern muss sie gestalten. Da macht auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland keine Ausnahme. Nach den beeindruckenden Erfolgen beim Aufbau des jüdischen Lebens seit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion steht die Weiterentwicklung der jüdischen Gemeinden und Einrichtungen ganz oben auf der Prioritäten-Skala.
Ganz in diesem Sinne veranstaltete die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) jüngst eine viertägige Konferenz zum Thema „Unsere Zukunft gestalten“. Die im Berliner Gemeindezentrum Fasanenstraße abgehaltene Veranstaltung richtete sich an junge Erwachsene – eine Generation, deren eindrucksvolle Fähigkeiten ZWST-Direktor Benjamin Bloch gleich zu Beginn der Tagung aus- und nachdrücklich lobte. Den heutigen Studenten und jungen Berufstätigen obliege schon bald die Verantwortung für die Zukunft der Gemeinden, betonten der stellvertretende Direktor der ZWST, Aaron Schuster, und die Konferenzleiterin und Chefin der Berliner ZWST-Büros, Dr. Sabine Reisin.
So war es nur folgerichtig, dass die Konferenz größtenteils dem ganz konkreten Umfeld gewidmet war, in dem jüdische Aktivisten – sei es gewählte und ehrenamtliche Amtsinhaber, sei es Mitarbeiter jüdischer Gemeinden und Organisationen – heute in Deutschland tätig sind. Ein Kernthema der Tagung war soziales Engagement als praktische Nächstenliebe (hebräisch: Zedaka).
Dr. Gerhard Timm, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Freien Wohlfahrtspflege erläuterte die Idee des Subsidiaritätsprinzips, das der nichtkommerziellen Jugend- und Sozialhilfe in Deutschland zugrunde liege. Charakteristisch sei, dass die Aufgaben des Staates meist nicht von ihm selbst, sondern in seinem Auftrag und mit seiner Unterstützung von gemeinnützigen Verbänden, Vereinen und Unternehmen auf lokaler Ebene getragen und durchgeführt würden. Auf diese Weise könnten auch Organisationen der Religionsgemeinschaften wie eben die ZWST daran mitwirken.
Der Arzt und Psychotherapeut Dr. Schimon Staszewski fasste die jüdische Soziallehre zusammen. Wohltätigkeit gegenüber Armen und Menschen in Not seien im Judentum schon in der Antike bekannt gewesen. Die rabbinische Tradition habe Armut stets als ein Übel angesehen, das es zu überwinden gelte. Geiz gegenüber Bedürftigen hätten die Rabbiner deshalb ebenso verurteilt wie selbstverschuldete Armut durch übermäßiges Spenden aus religiösen Gründen. Die beste Wohlfahrt sei es, den Armen instand zu setzen, für sich selbst zu sorgen und dadurch auf Wohltaten verzichten zu können. Das könne zum Beispiel durch ein Geschenk geschehen oder ein Darlehen.
Ganz konkrete Beispiele präsentierte Dr. Michael Bader, der mit seinem Team das gemeinnützige Unternehmen „Füngeling Router“ im rheinischen Erftstadt betreibt. Die Firma hilft Menschen mit Behinderungen, eine Beschäftigung in der regulären Arbeitswelt zu finden, indem Arbeitnehmer individuell für konkrete Arbeitsplätze im Betrieb qualifiziert und Arbeitgeber bei der behindertengerechten Gestaltung der Arbeitsbedingungen und des Umfeld beraten werden. Der Sozialarbeiter und Soziologe Bader betreut auch ein ZWST-Projekt zur Integration jüdischer Behinderter in die jüdischen Gemeinden.
Der Dialog mit der Umwelt war ein weiteres Schwerpunktthema. Dabei machte die Leiterin des ZWST-Projektes „Perspektivenwechsel“, Marina Chernivsky, mit den Teilnehmern einige Übungen zur Frage des Andersseins. Erst indem man seine eigene Voreingenommenheit erkenne und sie bewusst akzeptiere, so die Diplom-Psychologin, ließen sich Vorurteile überwinden, könne man mehr über die Anderen lernen. Dass dies für Juden wie für Nichtjuden gilt, vermittelt Marina Chernivsky auch bei Trainings und Fortbildungen für Multiplikatoren, vor allem Pädagogen, Sozialarbeiter und Verwaltungsmitarbeiter.
Benjamin Bloch machte deutlich, dass der Bedarf an Fachkräften echt und dringend ist. „Wir suchen Lehrer und Erzieher für jüdische Schulen und Kindergärten, wir brauchen Sozialarbeiter und Altenpfleger, aber auch Judaisten und Sozialwissenschaftler, Männer und Frauen“, erklärte er. Am liebsten hätte er viele der Anwesenden gleich in Jobs vermittelt. So weit kam es dann zwar nicht, aber es wurden den Teilnehmern wichtige Erkenntnisse vermittelt, die ihnen bei einer Tätigkeit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zweifelsohne helfen werden.

hpk