15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Getrennt und zusammen

Bei einer Fachtagung der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland ging es um das Verhältnis zwischen jüdischen Gemeinden und jüdischen Museen

Von Heinz-Peter Katlewski

In Deutschland gibt es rund 50 jüdische Museen. Bekannt sind vor allem die großen wie das Jüdische Museum Berlin oder die Museen in Frankfurt und München mit ihrer großzügigen Personalausstattung, ihren Archiven und Etats.
Die meisten jüdischen Museen erreichen jedoch nicht diese Größenkategorie und liegen auch nicht in der Nähe heutiger jüdischer Gemeinden. Oft sind sie in ehemaligen Synagogen beheimatet, die die Nazizeit überstanden haben. Ihre Träger sind lokale Initiativen oder Kulturämter. In der Regel bieten sie eine kleine Dauerausstellung über die jüdische Geschichte am Ort oder in der jeweiligen Region an, liefern Informationen über jüdische Feste und Bräuche und laden zu Kulturveranstaltungen ein. Einige mittelgroße Einrichtungen können sich immerhin professionell gestaltete Wechselausstellungen leisten. Beispiele dafür sind das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, die Alte Synagoge Erfurt, das Jüdische Museum Westfalen und das Jüdische Museum Franken.
Im Januar lud die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland jüdische Museen zu einer Begegnung mit Vertretern jüdischer Gemeinden ein. Bei der Fachtagung, die in Berlin stattfand, waren rund 40 Teilnehmer dabei, die circa 20 Museen und Gemeinden vertraten.
Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats, hob die besondere Rolle der Museen hervor. Sie seien, so Botmann, Schaufenster in die Geschichte der Juden – eine zweifelsohne wichtige Rolle. Ein Konkurrenzverhältnis zwischen den Gemeinden und den Museen bestehe, so der Geschäftsführer des Zentralrats ferner, nicht. Die gelegentlich zu hörende flapsige Behauptung „Jüdische Museen beschäftigen sich mit den Toten, die Gemeinden aber mit den Lebenden“ sei überholt.
Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung und Professor an der Fachhochschule Erfurt, konstatierte: „Es gibt im Allgemeinen kaum Berührungen miteinander“, hinterfragte dann aber gleich: „Ist diese Distanz notwendig oder kann man etwas gemeinsam machen?“
Das Fazit der Tagung lässt sich in dem Satz zusammenfassen, die Aufgabenbereiche der Gemeinden und der Museen sind zwar unterschiedlich, partiell ist Kooperation aber durchaus möglich und wünschenswert.
Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, erläuterte, Ausstellungen der Museen richteten sich vor allem an Nichtjuden und leisteten damit einen Beitrag zur Vermittlung grundlegender Kenntnisse an die allgemeine Öffentlichkeit. In Berlin seien zudem 70 Prozent der 600.000 Besucher, die jährlich in das von Daniel Libeskind entworfene Gebäude kommen, ausländische Touristen. „Wir sind ein Museum für jüdische Geschichte und Kultur und haben einen Forschungsauftrag“, beschrieb Cilly Kugelmann den Unterschied zu den Gemeinden. Ein aktuelles Beispiel für die Rolle, die jüdische Museen spielen könnten, bot die aktuelle Sonderausstellung über Haltungen zur rituellen Beschneidung unter dem provokativen Titel „Haut ab!“. Das Berliner Museum – eine Einrichtung des Bundes ­– hat damit ein Thema im Programm, über das vor zweieinhalb Jahren in der Öffentlichkeit heftig debattiert wurde.
Die Bildungsabteilung des Berliner Museums tourt mit aufklärerischen Angeboten durchs Land und sucht den direkten Kontakt zur Bevölkerung. Das Pädagogische Zentrum des Frankfurter Museums ist bemüht, bei muslimischen Jugendlichen Vorurteile gegenüber Juden abzubauen.
Fritz Backhaus, stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt am Main, betonte den Auftrag der Museen, ein vielfältiges Publikum zu erreichen. Dennoch seien in der Geschichte seines Hauses auch Themen mit unmittelbarem Fokus auf die Gemeinde und ihre Mitglieder aufgegriffen worden. So habe man 2010 unter der Leitung des Historikers Dr. Dmitrij Belkin eine große Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum der jüdischen Zuwanderung aus der ehemaligen UdSSR veranstaltet. Unter dem Titel „Ausgerechnet Deutschland!“ schilderten die Ausstellungstafeln die damaligen Motive der Neuankömmlinge und die Hoffnungen der Gemeinden auf eine Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland, illustriert durch Fotos und Installationen, sowie durch zahlreiche, zum Teil sehr persönliche Mitbringsel aus der alten Heimat. Die anfänglich verbreitete Zurückhaltung der Alteingesessenen gegenüber den Neuen in den bestehenden Gemeinden wurde ebenso dokumentiert wie der Blickwinkel der Zuwanderer: ihre Vorstellungen vom Kulturland Deutschland und ihre Erwartungen an die Zukunft, die entwerteten Biografien und Karrieren, der Neuanfang und die Chancen, die sich vor allem den Jüngeren öffneten. Keine zwei Jahre später präsentierte das Jüdische Museum München eine ähnliche Ausstellung aus eigenen Quellen.
Die Migrationsgeschichten interessierten nicht nur die allgemeine Öffentlichkeit, auch aus den Gemeinden kamen viele Besucher. Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung des Zentralrats, erinnerte sich an junge Leute, die vor einem vertrauten Wäschestück aus der alten Heimat in Tränen ausbrachen. Sie warf die Frage auf, ob es notwendig sei, Ausstellungen zu emotionalisieren, um Gemeindemitglieder dafür zu interessieren. Doron Kiesel meinte, eine Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Museen sei bei Bildungsaktivitäten möglich, etwa als Plattform für Ideen und Lehrmeinungen.
Einen Sonderfall stellen Museen dar, die aus den Gemeinden selbst entstanden sind – etwa das Jüdische Museum Emmendingen, das trotz allem aber Unabhängigkeit für sich beansprucht. Oder das Museum Shalom Europa der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken: Professionell gestaltet und in modernen, lichtdurchfluteten Räumen im Gemeindezentrum untergebracht, will es zuerst die 1000 Gemeindemitglieder erreichen, um ihnen jüdische Geschichte und Tradition zu vermitteln. Das berichtete sein wissenschaftlicher Leiter, der emeritierte katholische Theologie-Professor und Judaist Karlheinz Müller. Das Museum wird allerdings auch von zahlreichen Gruppen aus der allgemeinen Bevölkerung besucht.