15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Wachsamkeit ohne Panik

„Es wäre falsch, sich einschüchtern zu lassen“ / Der Zentralrat der Juden in Deutschland nahm zu den Terroranschlägen in Frankreich Stellung

Die Terroranschläge von Paris haben die jüdische Welt erschüttert und zu Debatten über die Situation der jüdischen Gemeinschaft in Europa geführt. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland nahm Stellung zu den Mordtaten im Nachbarland und zu den daraus zu ziehenden Konsequenzen.
Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster erklärte: „Die Terrorakte richteten sich gegen unsere Demokratie, gegen die Presse- und Meinungsfreiheit und gegen unsere Werte. Wir dürfen aber eine Einschränkung unserer Freiheit nicht zulassen, sonst würden wir den Terroristen das Feld überlassen.“ Leider habe sich wieder auf brutale Weise gezeigt, dass auch Juden weiterhin Zielscheibe der islamistischen Terroristen seien. Die Menschen in Israel seien dieser Bedrohung seit vielen Jahren ausgesetzt. Das werde in Europa oft zu wenig wahrgenommen. Die internationale Staatengemeinschaft und die Religionsgemeinschaften müssten stärker als bisher und gemeinsam gegen diesen Terrorismus vorgehen. „Wir müssen alle gemeinsam“, so Dr. Schuster, „die Demokratie und die Freiheit verteidigen.“
Mit Blick auf die Situation in der Bundesrepublik hob der Zentralratspräsident hervor, die jüdischen Gemeinden in Deutschland wollten sich von den Terroranschlägen in Paris nicht beeindrucken lassen. „Es wäre genau das falsche Signal, sich jetzt einschüchtern zu lassen“, sagte Dr. Schuster. Nach den Anschlägen sei die Präsenz von Sicherheitskräften vor Synagogen und Gemeindezentren in Deutschland verstärkt worden. Es gebe eine erhöhte Wachsamkeit, aber keine Angst oder Panik. Die Aufforderung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an die europäischen Juden, angesichts der Gefahrenlage nach Israel auszuwandern, wies Dr. Schuster – wie viele andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Europa, aber auch viele Israelis – zurück. „Ich halte das Leben in Israel nicht für sicherer als in Europa, insbesondere in Deutschland“, sagte der Präsident des Zentralrats.
Als Vertreter des Zentralrats nahmen Vizepräsident Abraham Lehrer und Geschäftsführer Daniel Botmann an der vom Zentralrat der Muslime und der Türkischen Gemeinde Berlin veranstalteten Kundgebung „Zusammenstehen – Gesicht zeigen“ teil. In seiner Ansprache erklärte Lehrer: „Mit Menschenverachtung haben die Terroristen ihre brutalen Pläne umgesetzt und unschuldige Menschen kaltblütig ermordet. Die jüdische Gemeinschaft weltweit ist von den Ereignissen tief getroffen. Denn wieder einmal hat sich gezeigt: Die Islamisten wollen unsere freiheitlichen westlichen Demokratien treffen und sie wollen die Juden vernichten. In Frankreich wurden Zeichner ermordet, weil sie für die Meinungs- und Pressefreiheit eintraten. Es wurden Polizisten ermordet, weil sie diese Menschen schützten. Und es wurden Juden ermordet – weil sie Juden waren.“
Lehrer ging auch auf das Verhältnis zur muslimischen Gemeinschaft ein. „Wenn uns etwas fernliegt“, erklärte er, „dann ist es, alle Muslime zu verdächtigen oder gar diese Religion zu verunglimpfen. Racheakte wie etwa Anschläge auf Moscheen verurteilen wir voll und ganz!“
Zugleich erklärte der Zentralrats-Vizepräsident, im Islam gebe es eine immer stärkere Radikalisierung. In Asien, in Afrika wie im Nahen Osten verbreiteten fanatische Islamisten Angst, Schrecken und Tod. Die gesamte Welt, vor allem aber die Muslime selbst seien daher aufgerufen, gegen diesen Terrorismus vorzugehen. Führende muslimische Würdenträger, muslimische Staatschefs und Imame müssten ihren Einfluss nutzen, um mäßigend zu wirken und um die radikalisierte Auslegung des Koran zurückzudrängen. Auch in Deutschland sei die muslimische Gemeinschaft gefordert. Antisemitismus unter vor allem jungen Muslimen dürfe, so Lehrer, nicht hingenommen werden.

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