15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775

Mahnung

Auch und gerade vor dem Hintergrund der Schoa müssen wir das Leben bejahen und schützen

Von Josef Schuster

Der 27. Januar – der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – ist der 2005 von der UNO ausgerufene Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. So international, wie er von seinen Initiatoren anvisiert wurde, ist der Gedenktag leider nicht. Dennoch trägt er zum Bewusstsein für die Schoa bei.
Das Holocaust-Gedenken sollte aber nicht nur an den millionenfachen Tod erinnern, sondern muss auch als eine Mahnung verstanden werden, den Wert des menschlichen Lebens zu verinnerlichen. Das ist kein Widerspruch, ganz im Gegenteil: Nach dem Willen der UNO soll das Gedenken zur Verhinderung neuen Genozids beitragen. Nun aber ist das „Nie wieder“ ohne die Achtung des Lebens ein wackeliges Ziel. Die „Endlösung der Judenfrage“ wurde nämlich nicht zuletzt deshalb möglich, weil die Mörder den absoluten, unantastbaren Wert des menschlichen Lebens verneinten, sich anmaßten, Menschen nach Belieben töten, ein ganzes Volk auszulöschen zu dürfen. Leider wird auch heute die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens nicht universal anerkannt.
Da ist eine Besinnung auf Kernwerte nötig. Man muss nicht einmal religiös sein, um den Wert des menschlichen Lebens anzuerkennen, wie er sich aus der Schöpfungsgeschichte des Tanach ergibt. Der Mensch wurde zu Gottes Ebenbild erschaffen. Das bedeutet nicht, dass wir uns göttliche Eigenschaften zuschreiben dürfen, wohl aber, dass jedem Menschen etwas ganz Besonderes innewohnt, worüber andere Menschen nicht verfügen dürfen.
Menschliches Leben muss aber nicht nur geachtet, sondern auch verteidigt werden. In dieser Hinsicht legt das Judentum übrigens klare Maßstäbe fest. Der Mensch ist verpflichtet, Mitmenschen, denen Mörder nach dem Leben trachten, bei Bedarf auch durch Taten zu verteidigen. Unsere Weisen haben dafür strikte Regeln aufgestellt, Passivität angesichts des Mordes ist aber nicht erlaubt.
Menschliches Leben ist zudem mehr als bloße Existenz. Wir sorgen nicht nur für unser eigenes Überleben, sondern wollen unserem Dasein auch einen Sinn geben. Wir ehren unsere Eltern und geben die Liebe, die wir von ihnen erhalten haben, an unsere Kinder weiter. Wir tragen zum Aufbau einer auf Moral und Ethik beruhenden Gesellschaft bei. Jeder ist aufgerufen, seinen persönlichen Anteil zur Verbesserung der Welt, dem Tikkun Olam, zu leisten. Den Opfern der Schoa wurde dieses Recht genommen, doch haben sie uns in ihrem Tod das Leben anbefohlen.
Mehr als das: Indem die Mörder ihren Opfern das Leben nahmen, löschten sie auch unzählige Leben aus der Kette künftiger Generationen. Die nicht Nachgeborenen haben keine Gesichter und keine Namen, ihr Fehlen aber ist spürbar und bleibt ein großer Schmerz. Umso schwerer wiegt die Verpflichtung, die Grundlagen für eine Zukunft zu legen, in der die Kette der Generationen niemals abreißen wird.
Wie Leben mit Sinn und Bedeutung gefüllt wird, hat uns niemand besser gezeigt als die Überlebenden der Nazi-Hölle. Die dem Tod Entronnenen sind und bleiben ein Vorbild. Es gibt den gut gemeinten Spruch, das Dasein der Überlebenden sei eben nur ein Über-Leben. Will heißen: Sie seien nicht in der Lage gewesen, in das „richtige“ Leben zurückzukehren. Bei allem Respekt: Dieser Spruch ist grundfalsch.
Gewiss gab es viele Überlebende, die sich von den körperlichen und seelischen Schäden nicht mehr zu erholen vermochten, und von der Pein gezeichnet blieben alle. Den meisten gelang es aber, im Schatten des Erlittenen ein neues, volles Leben aufzubauen. Sie waren und bleiben der Beweis für die Fähigkeit, aus dem noch so tiefen Abgrund emporzusteigen. Wer das vergisst, tut den Überlebenden nicht nur Unrecht, sondern verkennt auch die Kraft des Lebens. Sie aber ist gerade vor dem Hintergrund der Schoa besonders deutlich zu erkennen. Auch deshalb sind wir gehalten, im Andenken an die Toten das Leben zu bejahen.
Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland