26.01.2015

„Die Anschläge in Paris waren ein Weckruf“

Interview des Zentralratspräsidenten Dr. Schuster im Tagesspiegel, 24.01.2015

Herr Schuster, Sie stehen seit gut zwei Monaten an der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland. Wie lebt es sich mit gepanzertem Wagen und Leibwächtern?
Manches ist sicherlich ein bisschen umständlicher geworden, aber eigentlich ist es kein Problem. Ich wusste ja, was auf mich zukommt.

Fühlen Sie sich bedroht?

Nein.

Alle jüdischen Einrichtungen in Deutschland werden geschützt. Kann sich denn so ein halbwegs normales Leben in den Gemeinden entfalten?

Auf jeden Fall.

Durch den Schutz fühlen sich die Menschen sicher. Sie können zum Beispiel ohne Sorge Gottesdienste oder Gemeindefeste besuchen. Nur die Öffnung nach außen ist wegen der Sicherheit leider manchmal etwas schwieriger, als wir uns wünschten.

Haben die Pariser Anschläge das Lebensgefühl der Juden hierzulande verändert?

Die Angriffe haben nicht nur Juden, sondern allen Menschen in Deutschland klargemacht, wie nah die terroristische Bedrohung ist. Viele haben dies vor Paris nicht für möglich gehalten. Wir Juden sind zwar besorgt, aber es gibt weder Angst noch Panik.

Hat Europa die Gefahr, die vom militanten Islamismus ausgeht, unterschätzt?

Man hat sich ein bisschen auf einer Insel der Seligen gewähnt und gedacht, diese Bedrohung betrifft bestimmte afrikanische Staaten oder den Nahen Osten, aber eben nicht uns. Die Anschläge von Madrid und London hatten viele schon wieder verdrängt.

Waren die Pariser Anschläge ein Weckruf?

Diesen Eindruck habe ich. In Deutschland und Europa nimmt man jetzt potenzielle islamistische Attentäter deutlicher in den Blick. In den vergangenen Tagen gab es nicht nur in Belgien und Frankreich Razzien, sondern beispielsweise auch in Berlin.

Haben die Sicherheitsbehörden früher zu lange gewartet, bis sie zugegriffen haben?

Man kann Versäumnisse nicht ausschließen. Die Attentäter von Paris waren ja keine Unbekannten. Und dass besonders in Frankreich der Antisemitismus in bestimmten muslimischen Kreisen sehr virulent ist, wusste man auch.

Viele französische Juden sind genau aus diesem Grund von der Politik enttäuscht. 2014 sind 7000 nach Israel ausgewandert. Haben Sie Verständnis dafür?

Ich habe immer großes Verständnis dafür, wenn Menschen nach Israel auswandern. Aber es sind 7000 von 500.000 französischen Juden ausgewandert, also 1,4 Prozent. Da kann man wohl kaum von einer großen Auswanderungswelle reden.

Denken auch in Deutschland Juden über Auswanderung nach?

Das mag der eine oder andere tun, aber das sind Ausnahmen und hat in der Regel andere Gründe, häufig religiöse.

Haben Sie selbst schon einmal mit diesem Gedanken gespielt?

Ganz klar: Nein. Wenn der Zentralrat zu der Überzeugung käme, dass Juden in Deutschland nicht mehr sicher leben könnten, dann wäre es eine unserer ersten Aufgaben, Juden zur Auswanderung aufzurufen. Aber dann hätte nicht nur die jüdische Gemeinschaft, sondern die demokratische Gesellschaft an sich ein großes Problem.

Besitzt Israel deshalb eine so große Bedeutung für Juden?

Hätte es den jüdischen Staat schon in den 30er Jahren gegeben, dann wäre es nicht zur Katastrophe der Schoa gekommen. Israel ist bis heute für Juden in aller Welt eine Lebensversicherung. Und deshalb werden sie dem Land immer eine hohe Sympathie entgegenbringen.

Tut die deutsche Gesellschaft genug gegen Judenfeindlichkeit?

Als im Sommer einige junge Männer auf Demonstrationen während des Gazakrieges judenfeindliche Parolen grölten, haben einige Juden diese Situation mit den 30er Jahren verglichen. Das sehe ich anders. Das damals war ein staatlich gelenkter Antisemitismus, heute sind es gerade der Staat und alle politischen Parteien, die sich klar dagegenstellen. Doch in einigen Teilen der Gesellschaft sehe ich schon Defizite, vor allem bei den islamischen Verbänden. Ich bezweifle, dass sie alles tun, um Antisemitismus in den eigenen Reihen, vor allem bei Jugendlichen, zu verhindern.

Sie vermissen Engagement?

Allerdings! Es passiert immer noch, dass in Moscheegemeinden radikale Stimmungen gefördert werden, statt dagegen entschieden vorzugehen. Die muslimischen Verbände beteuern immer wieder, der Islam sei eine friedfertige Religion. Das müssen sie aber auch umsetzen, wenn es um religiöse Konflikte geht. Man kann sehr wohl geteilter Meinung sein, wenn es um die israelische oder palästinensische Politik geht. Aber man muss etwas dagegen tun, wenn die Kritik an Israel mit Ressentiments gegenüber "den" Juden einhergeht. Diese Differenzierung erfolgt in vielen islamischen Gemeinden offenbar nicht. Da sehe ich ein Defizit.

Wie ist das Verhältnis des Zentralrats zu den Islam-Verbänden?

Ein Problem ist, dass es keine zentralen Vertreter und Ansprechpartner gibt, die für eine Mehrheit der Muslime sprechen könnten. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime hat mich nach den Pariser Anschlägen zwar angerufen. Doch er vertritt nun mal nur etwa vier Prozent der Muslime in Deutschland. Wir bemühen uns aber, mit verschiedenen muslimischen Organisationen im Gespräch zu bleiben.

Die Karikaturisten von "Charlie Hebdo" wurden wegen ihrer beißenden Kritik am Islam ermordet. Wie weit darf Satire im Judentum gehen?

Blasphemie ist kein Problem. Der jüdische Witz ist ja bekannt für seine Selbstironie. Aber die Grenze ist erreicht, wenn zum Beispiel eine Karikatur antisemitisch ist. Doch selbst die missglückteste Karikatur ist natürlich keine Rechtfertigung, um Gewalt anzuwenden.

Israels Premier Benjamin Netanjahu mit Hakennase und blutigen Händen...

Das geht überhaupt nicht. Das Problem ist, dass nicht alle Journalisten den Unterschied zwischen jüdischem Witz und Judenwitz kennen.

Und was ist der Unterschied?

Die grundsätzliche Frage lautet: Ist ein Witz selbstironisch oder beleidigend. Wie viele Juden passen in einen VW-Käfer? Vier auf die Sitzplätze und 60 in den Aschenbecher – das ist ein übler Judenwitz. Der klassische jüdische Witz geht so: Was machen ein katholischer Priester, ein Pfarrer und ein Rabbiner mit dem Geld aus dem Klingelbeutel? Der katholische Priester sagt: Ich schmeiße das Geld hoch – was außerhalb eines Kreises herunterfällt, gehört mir. Der Protestant sagt: Ich ziehe im Raum eine Linie. Was auf die linke Seite fällt, ist für die Kirche, der Rest gehört mir. Sagt der Rabbiner: Ich mache es ähnlich. Aber mein Raum ist zu voll gestellt, um eine Linie zu ziehen. Ich gehe in den Hof und werfe das Geld in die Luft. Was oben bleibt, gehört Gott.

Nicht nur die Ressentiments gegenüber Juden werden größer, auch Muslime leiden unter Ausgrenzung und Vorurteilen. Davon profitiert derzeit in erster Linie die Pegida-Bewegung. Beunruhigt Sie das?

Pegida ist sicher in der Tat alarmierend. Ich kann mir vorstellen, dass bei einem nicht unwesentlichen Teil der Demonstranten statt des Islams auch das Judentum ein Angriffsziel sein könnte. Aber man kann nicht alle, die sich an einer Pegida-Demonstration beteiligen, ins rechte Lager abschieben. Das wäre zu kurz gegriffen. Mich ermutigt die deutlich steigende Zahl der Menschen, die sich quer durch Deutschland für eine offene Gesellschaft einsetzen. Leute, die bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen und andere Kulturen zu akzeptieren.

Worauf führen Sie den Erfolg von Pegida zurück?

Ein Grund sind sicherlich die Sorgen und Ängste der Menschen. Die Organisatoren verstehen es auf geschickte Weise, eine Bühne für das zu finden, was sonst an den Stammtischen geredet wird. Aber jeder, der mitmacht, muss sich fragen, wem er da hinterherläuft. Vielleicht schenken wir Pegida auch zu viel Aufmerksamkeit.

Aber die Mehrheit der Pegida-Demonstranten sind offenbar keine ausgegrenzten Hartz-IV-Empfänger.

Die Sympathisanten kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, keine Frage.

Nach anfänglich strikter Ablehnung geht die Politik jetzt auf die Pegida-Anhänger zu. Ist das sinnvoll?

Konfrontation führt nie weiter. Es ist legitim, mit denen zu sprechen, die keiner rechtsradikalen Organisation angehören oder in der Vergangenheit nicht mit rechtsextremen Sprüchen aufgefallen sind. Wenn deren Kritik auf tatsächliche Defizite zielt, dann sollte man auch versuchen, diese zu beseitigen. Aber das Ziel, wir retten das Abendland vor dem Islamismus, ist derart absurd, dass man darüber nicht reden kann.

Das Gespräch führten Christian Böhme und Claudia Keller.