14. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2014 | 24. Kislew 5775

Jude, Bayer, Fußballfan

Kurt Landauer, der Mann, der den FC Bayern groß gemacht hat, wird wieder entdeckt

Von Rozsika Farkas

Den FC Bayern kennt jeder oder doch fast jeder – auch weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Dagegen wird der Name Kurt Landauer vielen Fußballfans auf Anhieb nicht allzu viel sagen. Nach einigem Stirnrunzeln werden sie wohl fragen: „Wer ist denn Kurt Landauer?“ Eigentlich aber wäre eine umgekehrte Frage angebracht: Wie konnte es passieren, dass der Mann, der einen maßgeblichen Anteil an den Erfolgen des Vereins hatte, so sehr in Vergessenheit geraten konnte? Umso wichtiger ist es, dass in letzter Zeit versucht wird, seine Person aus der Staubecke der Geschichte hervorzuholen.
Nun aber der Reihe nach: Kurt Landauer wurde 1886 im oberbayerischen Planegg bei München geboren. Bereits als Teenager spielte der begeisterte jüdische Fußballer zum ersten Mal im Trikot des damals frisch gegründeten FC Bayern, dessen Präsident er 1913 wurde. Nach einer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg übernahm er das Amt wieder. In seine Amtszeit fiel der erste Titel „Deutscher Meister“, den die Münchner Kicker 1932 erkämpften. Übrigens war auch der damalige Trainer des Vereins, Richard Kohn, Jude. Der Sieg war kein Zufall, sondern das Ergebnis zäher, konsequenter Arbeit. In vielfacher Hinsicht war Landauer ein Pionier des modernen Fußballs: Er beschäftigte ausländische Trainer, betrieb eine vorzügliche Nachwuchsarbeit und war ein Verfechter des Profisports.
Seinen Einsatz wusste nicht jedermann zu schätzen. Weil Landauer Jude war, wurde der FC Bayern als „Judenverein“ geschmäht. Damit erhielt die traditionelle Rivalität zwischen Bayern München und dem Lokalrivalen TSV 1860 eine zusätzliche Dimension: Zu diesem Zeitpunkt nämlich war der TSV bereits stramm nationalsozialistisch ausgerichtet.
Nach der Machtübernahme durch die Nazis musste Landauer sein Amt als Vereinspräsident aufgeben. Da half auch nicht, dass er, wie Zeitgenossen zu berichten wussten, ein echter Urbayer war. 1938 wurde er im KZ Da­chau interniert. Glück im Unglück: Weil er im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat an der Front gekämpft hatte, kam er nach etwas über einem Monat frei. Das verschaffte ihm die Gelegenheit, in die Schweiz zu emigrieren. Dagegen wurden vier seiner Geschwister von den Nazis ermordet.
Während des Exils gab es auch einen bewegenden Augenblick: 1942 absolvierte der FCB in der Schweiz ein Freundschaftsspiel. Landauer saß auf der Tribüne. Die Spieler grüßten ihn, obwohl ihnen zuvor jeglicher Kontakt zum Ex-Präsidenten strikt untersagt worden war. Dafür wurden sie vom Regime schikaniert. Ohnehin erlebte der Verein unter der Nazi-Herrschaft keine Glanzzeit. Die braunen Machthaber vergaben dem Klub seine jüdische Connection nie.
So hatten die Bayern nach Kriegsende langwierige Aufbauarbeit zu leisten, um sich in der Fußballwelt wieder nach oben zu kämpfen, und auch jetzt war Landauer zur Stelle. Er kehrte nach München zurück und half dem maroden Verein wieder auf die Beine zu kommen. Dafür setzte er sogar Geld ein, das er in der Nachkriegszeit als Entschädigung für erlittene NS-Verfolgung erhielt. Erneut wurde er Präsident des Vereins, der für ihn mehr als alles andere Heimat bedeutete. Als er 1951 erneut für die Präsidentschaft kandidierte, wurde er jedoch abgewählt. Ein Jahrzehnt später vermeldete die Vereinszeitung seinen Tod zwar noch auf Seite eins, in den Folgejahren aber wurde Kurt Landauer schlicht vergessen. Das Totschweigen dauerte bis ins neue Jahrtausend, und auch der Verein strengte sich lange Zeit nicht gerade an, Landauers Gedenken in Ehren zu halten.
Dass Landauers Geschichte heute wieder ins öffentliche Bewusstsein rückt, ist vor allem das Verdienst eines Fanklubs namens Schickeria München, der auf eine gebührende Würdigung des ehemaligen Präsidenten drängte: erfreulicherweise mit Erfolg. Inzwischen wurden Landauers Leben und Wirken gründlich erforscht. 2011 veröffentlichte Dietrich Schulze-Marmeling sein kenntnisreiches Buch „Der FC Bayern und seine Juden – Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“. 2013 erschien die zweite, erweiterte Auflage.
Erst kürzlich präsentierte Dirk Kämper im Münchener Jüdischen Museum die Biografie „Kurt Landauer – der Mann, der den FC Bayern erfand“, und Mitte Oktober zeigte die ARD den Film „Landauer – Der Präsident“, in dem der bayerische Schauspieler Josef Bierbichler einfühlsam den großen Mann verkörpert. Zur Allianz-Arena, dem Münchener Fußballstadion, führt ein Kurt-Landauer-Weg, und seit einigen Jahren veranstaltet die Schickeria München jedes Jahr ein Kurt-Landauer-Turnier.
Es gibt sogar einen Kurt-Landauer-Fanschal – allerdings wurde er nur vom Münchener Jüdischen Museum in dessen Installation „Kurt-Landauer-Fanshop“ ausgestellt. Kaufen kann man ihn nicht: Die wenigen Stücke, die eigens für das Museum produziert wurden, sollen weiterhin nur in öffentlichen Sammlungen zu sehen sein. Schade eigentlich, böte doch ein solcher Schal eine wunderbare Möglichkeit zum historischen Bekenntnis.