14. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2014 | 24. Kislew 5775

Der Judenstaat

Der Aufstand der Makkabäer war ein Ereignis von großer historischer Tragweite

Von Tal Ilan

Chanukka, das wir dieser Tage feiern, hat viele Gesichter. Es ist ein Fest des Glaubens, an dem das Wunder im Tempel nacherzählt wird. Es ist ein Fest des Lichts und ein Familienfest, bei dem sich Kinder nicht zuletzt über „Chanukke-Gelt“ freuen. Und natürlich ist es eine Zeit, in der viele von uns der Diät zugunsten der Sufganiot (Berliner) abschwören; die Reue kommt später.
Allerdings erinnert Chanukka auch an den Makkabäer-Aufstand: eine Zäsur, die von großer historischer Bedeutung für die Entwicklung des Judentums war. Nicht umsonst holte der Historiker Josef ben-Matitjahu (Flavius Josephus) am Anfang seines Geschichtswerks „Der jüdische Krieg“ um mehr als zwei Jahrhunderte zurück aus. Seine Darstellung begann nämlich beim Kampf der Makkabäer gegen die hellenistische Herrschaft in Israel.
Ein Blick zurück: Im Jahr 167 v. d. Z. erließ der hellenistische Herrscher Antiochus IV. Religionsedikte, die den Juden die Ausübung ihrer Religion praktisch unmöglich machten. Die Beschneidung wurde verboten, der Schabbat durfte nicht mehr gehalten werden. Das jüdische Opfer im Tempel wurde durch heidnische Opfer ersetzt.
Der Priester Matitjahu aus Modi’in und seine fünf Söhne widersetzten sich diesem Opferkult. Sie gingen in den Untergrund und nahmen den bewaffneten Kampf gegen die hellenistischen Machthaber auf. Ihr Ziel war es, die Tora wieder als die „Verfassung“ der Juden einzusetzen. Die Aufständischen gewannen schnell an Anhängern und konnten unerwartete militärische Erfolge erringen. Nach Matitjahu wurde sein Sohn Jehuda Anführer des Aufstands. Er trug den Beinamen Makkabi, „der Hammer“. Unter ihm wurde Jerusalem eingenommen und der Tempel gereinigt und wieder geweiht. Auf Jehuda folgte sein Bruder Jonathan, der auch Hohepriester wurde. Unter Jochanan Horkanos, dem Sohn Schimons, kam es zu einem Friedensvertrag mit den hellenistischen Herrschern und damit zur Etablierung eines faktisch unabhängigen jüdischen Staates. Dieser wurde bis 37 v. d. Z. von der Erbdynastie der Makkabäer regiert, die von Herodes dem Großen abgelöst wurde.
Der Erfolg der Makkabäer gründete sich sowohl auf realpolitische wie auch theologische Faktoren. Das hellenistische Reich war durch innere Erbstreitigkeiten und äußere Auseinandersetzungen, darunter mit den Römern, im Niedergang begriffen. Die Makkabäer nutzten dieses Machtvakuum aus. Ihr Erfolg beruhte nicht zuletzt auf der Tatsache, dass sie von einem nicht unerheblichen Teil des jüdischen Volkes unterstützt wurden.
Die Eroberung Jerusalems, die Reinigung und Wiedereinweihung des Tempels und damit die Verteidigung der traditionellen jüdischen Identität gegen einen übermächtig geglaubten Feind erschien Juden wie ein Wunder: Gott hatte den Makkabäern zum Erfolg verholfen, da diese Gerechte waren und eine gerechte Sache vorfolgten, wie es im noch heute zu Chanukka rezitierten Gebet „We-al ha-Nissim“ zum Ausdruck kommt. So wie den Makkabäern würde Gott den Juden in einer gerechten Sache immer gegen eine Übermacht von Gegnern beistehen.
Letztendlich aber scheiterte die durch die Makkabäer begründete jüdische Eigenstaatlichkeit an einer Gesetzmäßigkeit der Antike: Dass kleinere Völker oder Staaten tatsächliche politische Unabhängigkeit erreichten, war meist nur dann möglich, wenn die über sie herrschende Großmacht geschwächt und im Niedergang begriffen war – wie eben das hellenistische Reich. Auf Rom aber traf das nicht zu. Mochten sich die Makkabäer anfangs noch durch Freundschaftsverträge mit der aufstrebenden Großmacht gut stellen, so hatte Rom letztendlich kein Interesse an einem eigenständigen jüdischen Staat.
Auch innenpolitisch litt der Makkabäer-Staat unter enormen Spannungen. War der Aufstand von 167 v. d. Z. mit dem Ziel ausgebrochen, einen nach den Gesetzen der Tora ausgerichteten jüdischen Staat zu schaffen, so orientierte sich die real existierende Herrschaft der Makkabäer in vielerlei Hinsicht doch eher an der vorausgegangenen hellenistischen Fremdherrschaft. Für die von den Makkabäern geführten Kriege wurden große Mengen Geld benötigt, der Bevölkerung wurden hohe Steuerzahlungen auferlegt. Von einem Staat nach den Gesetzen der Tora war keine Rede mehr.
Nicht zuletzt wegen des Widerspruchs zwischen Ideal und Wirklichkeit entstanden verschiedene Strömungen innerhalb des damaligen Judentums. Nach der Etablierung der Makkabäer-Dynastie gingen die Frommen auf Dis­tanz zu den Herrschern. Eine besonders radikale religiöse Gruppe waren die Essener, die diesen Staat, seine politisch-religiöse Führung und den Tempel ablehnten. Sie zogen sich in die Wüste zurück und lebten dort in einer sektenähnlichen Gemeinschaft. In den Schriftrollen vom Toten Meer spiegelt sich die radikaloppositionelle Haltung der Essener wider, wenn beispielsweise der Jerusalemer Hohepriester als „Lügenpriester“ bezeichnet wird.
Die Pharisäer waren eine der bekanntesten und zeitweise auch einflussreichsten Gruppen. Sie waren eher traditionell orientiert und der Tora verbunden. Sie unterstützten anfangs den makkabäischen Aufstand, wurden jedoch zu entschlossenen Gegnern der darauffolgenden Makkabäer-Dynastie, insbesondere aufgrund deren Inanspruchnahme des Königstitels und des Hohepriesteramtes. So kam es zum Bürgerkrieg mit den Pharisäern, in dessen Verlauf König Alexander Jannai hunderte Pharisäer kreuzigen ließ.
Einen makkabäischen Bruderkrieg nutzte der römische Feldherr Pompeius im Jahr 63 v. d. Z., um Jerusalem zu erobern. Das Ende des jüdischen Staates war eingeläutet: Unter Herodes dem Großen war er nur noch ein römischer Klientelstaat, nach dem Jahre 6 n. d. Z. kam Judäa unter direkte römische Verwaltung. Spätestens da bestand ein jüdischer Staat nicht mehr. Seine Neugründung sollte für fast 2000 Jahre eine Vision bleiben.
Für traditionell orientierte Juden ging es nun um nichts Geringeres als um die Existenz des Judentums an sich. Nach Meinung von Josef ben-Matitjahu, aber auch aus der Sicht der Pharisäer und der Rabbinen war die Zerstörung des Tempels eine direkte Folge der makkabäischen Ideologie und Politik. Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels war für sie das gemeinsame, die Juden verbindende Element nicht mehr der Opfergottesdienst im Tempel, sondern das Studieren, Lernen und Einhalten der Tora. Dieses Glaubenssystem wurde von den Rabbinen, die nach der Tempelzerstörung aus der pharisäischen Bewegung hervorgingen, in der Mischna und später im Jerusalemer und im babylonischen Talmud schriftlich fixiert.
Die Rabbinen nahmen dabei Abstand vom Ideal jüdischer Eigenstaatlichkeit. Sie lehnten auch eine hypothetische Wiedereinweihung des Tempels ab. Vielleicht war ihnen bewusst, dass unter den gegebenen Umständen mit Rom als dem übermächtigen Kolonialherrn ein eigenständiger jüdischer Staat illusorisch war. Das Konzept vom Judentum, wie es die Rabbinen vertraten, bedurfte keines jüdischen Staates, keines jüdischen Herrschers und keines zentralen Tempelkultes. Letztlich waren es also Pharisäer und Rabbinen, die der jüdischen Religion Werte und Strukturen gaben, die dem verstreuten jüdischen Volk jahrtausendelang das Überleben ermöglichten.
Der Sieg der Makkabäer wurde in der rabbinischen Literatur zu einem rein religiösen Ereignis umgedeutet. Das Chanukkafest, das an die Wiedereinweihung des Tempels und das damit verbundene Lichtwunder erinnerte, symbolisierte mehr das Überleben des Judentums als Religion und Kultur und weniger die Errichtung eines eigenständigen jüdischen Staates im politischen Sinne. Das Nikanor-Fest, das in der makkabäischen Zeit am 13. Adar gefeiert wurde und an den Sieg des Makkabäers Jehuda gegen den hellenistischen Feldherrn Nikanor erinnerte, wurde in späterer rabbinischer Zeit durch den Fastentag Ta’anit Esther ersetzt. Die Idee eines politischen Judentums, eines jüdischen Herrschers wurde in eine ferne Zukunft, die messianische Zeit, projiziert.
Das Verhältnis zu den Makkabäern änderte sich aber im 19. Jahrhundert. Dabei spielten die Aufklärung, die sich entwickelnden europäischen Nationalstaaten, der immer stärker werdende Antisemitismus und die zionistische Bewegung eine Rolle. Die Zionisten, deren Ziel die Gründung eines eigenen jüdischen Staates war, fanden im traditionellen rabbinischen Judentum kaum Anknüpfungspunkte, da dort die Idee eines jüdischen Staates praktisch keine Rolle spielte. In den Makkabäern, die Israel von der hellenistischen Fremdherrschaft befreit und dem jüdischen Volk zu seinem Recht verholfen hatten, fand die zionistische Bewegung dagegen ein ideales Symbol für ihr Streben nach Eigenstaatlichkeit. So wurde die Geschichte der Makkabäer auch zu einem politischen Mythos, der vom Sieg der wenigen gegen eine erdrückende Übermacht berichtet und der bis heute untrennbar mit der Geschichte und der Kultur des modernen Staates Israel verbunden ist.

Professorin Tal Ilan ist Historikerin und Judaistin. Sie lehrt am Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin.