14. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2014 | 24. Kislew 5775

Gebot der Nächstenliebe

Bikur Cholim spielt von jeher eine wichtige Rolle im jüdischen Leben

Bikur Cholim hat im Judentum eine Jahrtausende lange Tradition. Wörtlich bedeutet der Begriff „Krankenbesuch“. Allerdings handelt es sich um weit mehr als das bloße Verbringen einer halben Stunde am Krankenbett und einen netten Plausch mit dem Erkrankten. Vielmehr soll der Besucher den Kranken nach Möglichkeit aufmuntern, sich um dessen Bedürfnisse kümmern und versuchen, das Leid zu lindern. Das kann im konkreten Fall von der Einberufung des Zehnerquorums (Minjan) für ein gemeinsames Gebet im Haus des Kranken bis hin zur Einbestellung eines medizinischen Clowns für kranke Kinder reichen.
Der Krankenbesuch ist nicht nur Brauch, sondern ausdrücklich auch ein religiöses Gebot. Zwar steht es so nicht in der Tora, doch führte bereits der im 1. und 2. Jahrhundert n. d. Z. lebende große Gelehrte Rabbi Akiva die Pflicht des Krankenbesuchs auf das in der Tora aufgeführte Gebot der Nächstenliebe (3. Buch Mose 19:18) zurück. Elf Jahrhunderte später betonte der Rambam (Maimonides), der Krankenbesuch gehöre ebenso wie das Trösten der Trauernden, das Ausrichten von Begräbnissen und auch die Gastfreundschaft zu den aus dem Gebot der Nächstenliebe abgeleiteten Pflichten.
Mit Blick auf Bikur Cholim gibt es in der rabbinischen Literatur aber auch die Berufung auf das Tora-Gebot „Du sollst Ihm nachwandeln“. Da Gott Abra­ham nach dessen Beschneidung besuchte und sich nach seinem Wohl erkundigte (1. Buch Mose 18:1), erklärte der talmudische Gelehrte Rabbi Chama bar Chanina den Krankenbesuch mit den folgenden Worten zur Pflicht: „Wie der Heilige, gepriesen sei Er, Kranke besucht, (…) so besuche auch du die Kranken“ (Sota 14a). Das gilt nicht nur für Juden, erklärt die Gemara: „… man besuche die Kranken der Nichtjuden mit den Kranken Israels“ (Gittin 61a).
Die talmudischen Gelehrten erkannten dem Krankenbesuch große positive Bedeutung für den Kranken zu. In Nedarim 39b sagt Rabbi Acha bar Chanina: „Wer einen Kranken besucht, nimmt ihm den sechzigsten Teil seines Leidens ab.“ Rabbi Dimi wird im Abschnitt 39b mit der Aussage erwähnt: „Wer den Kranken besucht, verursacht, dass er lebe, und wer den Kranken nicht besucht, verursacht, dass er sterbe.“ Umgekehrt schärft Rabbi Akiva ein: „Wenn jemand keine Kranken besucht, so ist das ebenso, als würde er Blut vergießen“ (Nedarim 40a).
Auf die Frage nach der Belohnung für diese gute Tat erläutert Rav (Rabbi Abba Aricha), einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des 2. und 3. Jahrhunderts, dass derjenige, der Kranke besuche, in dieser Welt behütet und beschützt sowie „vom bösen Trieb“ bewahrt werde. Er werde außerdem gute, wahre Freunde haben. In der kommenden Welt werde er zudem vom Strafgericht des Fegefeuers errettet (40a).
Allerdings war den Rabbinen der Antike bewusst, dass Besucher aufdringlich sein können. Rabbi Schischa, Sohn von Rabbi Idi, verlangte deshalb, die Kranken in den ersten und letzten drei Stunden des Tages in Ruhe zu lassen (Nedarim 40a). Personen, die nicht zum Familienkreis oder zum Kreis engster Freunde gehörten, wurden aufgefordert, den Krankenbesuch erst nach drei Tagen seit Beginn der Erkrankung abzustatten.
Angesichts der Komplexität der Aufgaben, die beim Bikur Cholim anfielen, übernahmen jüdische Gemeinden beratende und organisatorische Funktionen. Das war bereits in der Antike der Fall. Dabei war die Grenze zwischen dem Krankenbesuch und der Krankenpflege fließend, sodass Bikur Cholim in dem einen oder anderen Maße Teil der übergreifenden Krankenfürsorge war – ohne freilich, dass die Initiative des Einzelnen dadurch überflüssig geworden wäre. Im Spanien des 14. Jahrhunderts wurden besondere Bikur-Cholim-Gesellschaften gegründet. Dieses Modell fand in den anschließenden Jahrhunderten Verbreitung auch in anderen Ländern Europas.
Im 18. Jahrhundert gab es in Deutschland bereits eine größere Zahl solcher Gesellschaften. Auch in Osteuropa spielten sie eine wichtige Rolle. Gut aufgestellte Bikur-Cholim-Gesellschaften verfügten über registrierte Mitglieder, die sie beispielsweise für Kranken- und Pflegebesuche einteilen konnten. Nach Möglichkeit nahmen sie sich auch sozialer Belange an, etwa durch zinsfreie Darlehen oder direkte finanzielle Hilfen für bedürftige Kranke. Die Finanzierung solcher Leistungen erfolgte durch Spendenaufbringung von vermögenden Gemeindemitgliedern oder durch Mitgliedsbeiträge. Für arme Kranke wurden Pflegeanstalten geschaffen, aus denen Ende des 18. Jahrhunderts letztendlich moderne jüdische Krankenhäuser hervorgingen. Auch in unserer Zeit spielen Bikur-Cholim-Gesellschaften in vielen Ländern eine wichtige Rolle.

hpk