14. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2014 | 24. Kislew 5775

Unermüdliche Helfer

Jüdische Gemeinden engagieren sich mit großem Einsatz bei der Betreuung erkrankter Mitglieder

Von Heinz-Peter Katlewski

„Das Wichtigste ist“, sagt Svetlana Banchukova, „den Kranken und Gebrechlichen unserer Gemeinde zu signalisieren, dass wir sie nicht vergessen haben.“ Dr. Banchukova, approbierte, aber nicht mehr praktizierende Ärztin, besucht seit mehr als fünf Jahren für die Jüdische Gemeinde Hameln Kranke. An Arbeit mangelt es ihr nicht. Die Gemeinde zählt 200 Mitglieder, fühlt sich aber auch für die zu ihrem Umfeld gehörenden nichtjüdischen Angehörigen der Gemeindemitglieder verantwortlich. Außerdem hält sie aktiv Kontakt zu jenen, für die der Besuch der Synagoge aufgrund ihres körperlichen Zustandes zu beschwerlich ist.
Der hebräische Begriff für diese Tätigkeit ist Bikur Cholim – Krankenbesuch.
Es sind oft Ärzte, aber auch ehemalige Sozialarbeiter oder Lehrer, die sich an Bikur Cholim beteiligen, weiß Larissa Karwin, Mitarbeiterin des Sozialreferats der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Im Grunde könne sich aber jeder engagieren, und es werde auch jeder gebraucht, gerade jetzt, wo viele Mitglieder und Freunde der Gemeinde in ein Alter kämen, in dem sie anfälliger für Krankheiten würden und zudem weniger mobil seien.
Um die Arbeit der Bikur-Cholim-Betreuer zu fördern, veranstaltet die ZWST mehrmals im Jahr Fortbildungen und Treffen zum Erfahrungsaustausch für diejenigen, die sich dieser Aufgabe widmen. Die Teilnehmer kommen aus allen Teilen Deutschlands, einige auch aus der Schweiz und Österreich.
Noch bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts organisierten in den jüdischen Gemeinden in Deutschland eigenständige philanthropische Gesellschaften den Besuch der Kranken. Diese gemeinnützigen Vereine organisierten nicht nur die jüdische Krankenpflege: In einigen deutschen Städten gründeten sie auch jüdische Krankenhäuser und Elternheime.
Heute ist es kaum möglich, einen jüdischen Wohltätigkeitsverein aus Privatspenden zu finanzieren. Daher sind die Bikur-Cholim-Gesellschaften in der Regel auf Mittel der Gemeinden angewiesen. In manchen Gemeinden wird allerdings ein eigener Verein als Rahmen für Bikur Cholim gewählt, der sich auch selbst finanziert, zum Beispiel in der Synagogen-Gemeinde Köln. Dort hat Gemeinderabbiner Jaron Engelmayer den Anstoß zur Gründung gegeben. Meist aber nehmen die Gemeindevorstände diese Aufgabe in die Hand.
Nicht überall sind die Voraussetzungen gegeben, für Bikur Cholim Ehrenamtliche zu gewinnen. Allerdings werden auch „Hauptamtliche“, die sich – wie Svetlana Banchukova in Hameln – den Alten und Kranken widmen, nicht etwa üppig entlohnt. In der Regel handelt es sich um sogenannte Ein-Euro-Jobs, eine Beschäftigung über den Bundesfreiwilligendienst oder eine zeitweilige Honorartätigkeit.
Als Einzelkämpferin ist Svetlana Banchukova für ein breites Spektrum an Unterstützungen und Hilfe zuständig: Menschen, die allein sind und deren körperliche Verfassung einen Besuch der städtischen Bibliothek oder des Gemeindezentrums nicht zulässt, bringt sie Bücher. Andere begleitet sie bei einem kleinen Spaziergang. Beim Besuch im Elternheim sei es oft das Wichtigste, sagt sie, den Menschen für eine Stunde einen Tapetenwechsel zu bescheren: einen Gang an die frische Luft und ein Gespräch im Grünen oder in der Fußgängerzone. Bei anderen Gelegenheiten ist ihr Fachwissen gefragt. Auf Wunsch begleitet sie nämlich ältere Gemeindemitglieder, die die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, zu medizinischen Untersuchungen. Sie übersetzt und erläutert dem behandelnden Arzt zuweilen die Symptome der Patienten in medizinischer Fachterminologie. Bei Krankenhausaufenthalten spricht sie für ihre Klienten oft täglich mit den Ärzten über die Diagnose und die Prognose des Krankheitsverlaufs und übersetzt das für die Kranken ins Russische und für das Personal ins Deutsche. Bei akuten Sorgen und Schmerzen können Hamelner Juden mit Svetlana Banchokova auch telefonisch reden.
In der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach ist Bikur Cholim Chefsache. Vor elf Jahren leitete die Gemeindevorsitzende Leah Floh den Aufbau einer Bikur-Cholim-Gruppe in die Wege, die die gesundheitlich Beeinträchtigten ebenso in den Blick nimmt wie diejenigen, die seelische Not leiden oder die sozial vereinsamt sind. Heute beteiligen sich durchschnittlich 18 Mitglieder – die meisten sind Zuwanderer – an der ehrenamtlichen Betreuung der Kranken. In Mönchengladbach handelt es sich um eine Gemeinde von rund 800 Mitgliedern und einer großen Zahl halachisch nichtjüdischer Angehöriger. Die Betreuer erkundigen sich täglich nach dem Wohlbefinden ihrer Schützlinge, fragen, ob sie Hilfe benötigen, etwas von der Apotheke oder die Übersetzung eines Briefs brauchen. So oft es sich einrichten lässt, werden die Betreuten besucht – vorausgesetzt, sie wollen das. Wenn sie den aktuellen Wochenabschnitt der Tora lesen wollen, einen Siddur haben möchten oder ein Gespräch mit dem Rabbiner suchen, kümmern sich die Betreuer auch darum.
Um Fehler und Fauxpas zu vermeiden, hat Chana Bennett von der Bikur-Cholim-Gruppe der Synagogen-Gemeinde Köln Tipps für Organisatoren und Helfer zu einem Leitfaden zusammengefasst. In ihm wird unter anderem empfohlen, stets eine Kleinigkeit mitzubringen und bei Gesprächen lieber aufmerksam zuzuhören, als Ratschläge zu erteilen.
Von Anfang an legte Leah Floh in Mönchengladbach großen Wert auf die Vermittlung erforderlicher Qualifikationen für sich selbst und für andere Betreuer. Einige Aktive wurden kürzlich im Rahmen eines acht Monate währenden Kurses zu medizinischen und sozialen Fachbegleitern ausgebildet und damit in die Lage versetzt, auf gutem Niveau für Arzt und Patient zu übersetzen. Partner dafür waren die örtliche Krankenkasse und das Gesundheitsamt. Wegen der wachsenden Zahl der Menschen, die im Alter eine gesetzliche Betreuung benötigen, denkt Leah Floh jetzt daran, dafür einen Verein zu gründen, der gewährleistet, dass Gemeindemitglieder – sofern sie vorher diesen Willen schriftlich bekundet haben – rechtlich einwandfrei jüdisch betreut werden können.