14. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2014 | 24. Kislew 5775

Aus den Gemeinden – Jüdisches Leben

Ghettorenten

Deutsche Renten für die Ghetto-Arbeit können künftig auch an jüdische NS-Verfolgte in Polen ausgezahlt werden. Das sieht ein am 5. Dezember in Warschau unterzeichnetes deutsch-polnisches Abkommen vor. Wie das auf deutscher Seite federführende Bundesarbeitsministerium erklärte, soll das Abkommen vor Jahresmitte 2015 in Kraft treten. Die Auszahlung von Ghettorenten beruht auf einem Urteil des Bundessozialgerichts von 1997. Das Gericht erkannte damals NS-Verfolgten, die während des Holocausts in Ghettos beschäftigt waren, Ansprüche an die deutsche Rentenversicherung zu.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, begrüßte die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Abkommens und erklärte, der Zentralrat habe sich über viele Jahre hinweg für die Rentenzahlungen an die früheren Ghetto-Arbeiter eingesetzt. Dr. Schuster erklärte ferner: „Daher begrüße ich es sehr, dass nun endlich auch das Abkommen mit Polen geschlossen wurde. Es stellt sicher, dass die Menschen in unserem Nachbarland nicht leer ausgehen, obwohl sie gleiche Ansprüche haben. Für viel zu viele Menschen kommen die Zahlungen leider zu spät, weil der politische Wille zur Umsetzung gefehlt hatte. Umso erleichterter bin ich jetzt, dass die Betroffenen ein wenig späte Gerechtigkeit erfahren.

Berlin

Das jüdische Museum in Berlin hat seinen Preis für Verständigung und Toleranz in diesem Jahr Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble und Verleger Hubert Burda zuerkannt. Dr. Schäuble wurde für seine Verdienste um die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas sowie für sein Engagement im Dialog mit der muslimischen Gemeinschaft geehrt. Burda erhielt den Preis für seine Tätigkeit im Rahmen der Hubert Burda Stiftung, die sich schwerpunktmäßig mit medizinischen und soziokulturellen Projekten befasst, für seinen Einsatz für Toleranz und für seinen Weitblick im Bereich der digitalen Revolution: Nicht zuletzt gründete Burda das der Ben-Gurion-Universität angegliederte „Hubert Burda Center for Innovative Communications“.

Potsdam

Am 25. November feierte das Abraham Geiger Kolleg der Universität Potsdam den 15. Jahrestag seiner Gründung. Bisher wurden an der Lehrstätte 20 Rabbiner und Rabbinerinnen sowie 6 Kantoren und Kantorinnen ausgebildet und ordiniert. Zu dem Jahrestag erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Es erfüllt mich mit großer Freude, dass die jüdische Theologie in unserem Land dank des Abraham Geiger Kollegs nunmehr einen festen Platz im Haus der Wissenschaft hat.“
Bei dem Festakt wurde dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Thomas Rachel, die Abraham-Geiger-Plakette verliehen. Rachel hob in seiner Dankesrede hervor, dass Antisemitismus nie wieder einen Platz in Deutschland finden dürfe.

Brandenburg

Im November wurde im Schloss Gollwitz in Brandenburg/Havel eine von Potsdamer Geschichtsstudenten und angehenden Lehrern zusammengestellte Ausstellung eröffnet. Die Ausstellung ist historischen Zeugnissen jüdischen Lebens in Brandenburg gewidmet. Die Recherchen der Studenten haben ergeben, dass sich in Brandenburg seit dem Mittelalter bis in die 1930er-Jahre in etwa 50 Städten und Ortschaften Synagogen befanden. 44 Standorte konnten bereits dokumentiert werden. Nur sieben der dokumentierten Synagogen befanden sich in eigenen Gebäuden, während der Rest in Wohngebäuden oder Hinterhäusern untergebracht war. Während der „Reichskristallnacht“ wurden 19 der 44 dokumentierten Synagogen zerstört und 6 weitere geschändet. 18 ehemalige Synagogen sind heute noch erhalten.

Gedenken

Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 2015 – zugleich ist dieses Datum der Internationale Holocaust-Gedenktag – plant die ARD einen Programmschwerpunkt zum Thema Schoa. Das teilte ARD-Programmdirektor Volker Herres mit.
Unter anderem soll Günther Jauch in seiner Talksendung am 25. Januar 2015 mit Überlebenden von Auschwitz sprechen, kündigte Herres an. Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor sagte, die Besucherzahlen in Auschwitz zeigten, dass vergleichsweise wenig Deutsche das ehemalige Vernichtungslager besuchten. Hier müssten die öffentlich-rechtlichen Sender „ein Stachel im Fleisch“ sein. Mit einer Spendenaktion unterstütze die ARD die Bildungsarbeit und den Erhalt der Gedenkstätte.
Ferner kündigte die ARD an, am 26. Januar werde eine Reportage gezeigt, in der eine Journalistin Jugendliche bei einer Reise nach Auschwitz begleite. Im Anschluss werde die internationale Koproduktion „Night Will Fall“ zu sehen sein, ein Film über eine letztendlich nicht abgeschlossene Dokumentation der Alliierten über die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Für Februar sei ein Dokudrama über Anne Frank geplant.