14. Jahrgang Nr. 12 / 16. Dezember 2014 | 24. Kislew 5775

„Mich motiviert die Verantwortung“

Interview mit dem neuen Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster

Am 30. November wurde Dr. Josef Schuster, bisher einer der beiden Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, in das Präsidentenamt gewählt. Über seine Amtsauffassung, seine Pläne und über das neue Präsidium sprach Dr. Schuster mit der „Zukunft“.

Zukunft: Herr Dr. Schuster, Sie haben – ganz freiwillig – ein Amt übernommen, von dem Sie genau wissen, dass es alles andere als einfach ist. Dafür braucht man eine besondere Motivation. Was hat Sie motiviert?
Dr. Josef Schuster: Mich motiviert die Verantwortung. Gerade in den letzten Jahren hat der Zentralrat unter der Führung meines Vorgängers Dr. Dieter Graumann viel erreicht, viel Neues geschaffen, um die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu stärken. Ich möchte dazu beitragen, dass diese Arbeit fortgesetzt wird. Deshalb bin ich meinen Kollegen im Präsidium dafür dankbar, dass sie mir ihr Vertrauen geschenkt und mich zum Präsidenten unserer Organisation gewählt haben.

Wie soll die Arbeit der letzten Jahre konkret fortgesetzt werden?
Wir haben jetzt schon ein breites In­strumentarium, das sich an die Gemeinden wendet und ihnen hilft, sich am jüdischen Leben zu beteiligen, aber auch Außenwirkung in die nicht-jüdische Umwelt hinein zu entwickeln. Ich nenne als Beispiele das Kulturprogramm, die Arbeit unserer Bildungsabteilung, die Jewrovision und den Mitzvah Day. All das soll fortentwickelt werden und noch mehr Nutzen bringen. Ich kann mir auch vorstellen, dass das Angebot an Seminaren, Projekten und Veranstaltungen ausgebaut wird. Wir wollen ein zentraler Dienstleister, aber auch ein Impulsgeber für die Gemeinden sein.

Sie sind der erste Zentralratspräsident seit 1988, der nicht einer Großgemeinde angehört. Wird sich das auf die Arbeit des Zentralrats auswirken?
Es ist wahr, dass meine Heimatgemeinde in Würzburg mittelgroß ist. Mein Bewusstsein für die Probleme und Bedürfnisse kleinerer Gemeinden ist stark ausgeprägt. Es ist aber nicht so, dass der Zentralrat diese bisher vernachlässigt hätte. Ich selbst habe seit meiner Wahl zum Präsidiumsmitglied vor 15 Jahren stets auf die Belange kleinerer Gemeinden hingewiesen, doch bin ich natürlich auch mit Großgemeinden vertraut.
Zudem haben wir heute im Präsidium eine gute und ausgewogene Vertretung von Gemeinden unterschiedlicher Größe. Als Großgemeinden sind Berlin und München vertreten. Darüber bin ich froh. Mit dem Berliner Mitglied unseres neuen Präsidiums, Frau Milena Winter, haben wir zugleich eine Vertreterin der jungen Generation in unserem Gremium. Drei der neun Präsidiumsmitglieder sind in der ehemaligen Sowjetunion geboren. Zwei kommen aus den neuen Bundesländern. All das sorgt für angemessene Vielfalt. Unter diesen Umständen bin ich sicher, dass wir die Interessen der gesamten jüdischen Gemeinschaft gut wahren werden, zumal wir als Team sehr kollegial handeln. Und mit vier weiblichen Präsidiumsmitgliedern erfüllen wir sogar die Frauenquote.

Gleich nach Ihrer Wahl haben Sie gesagt, der Zentralrat werde sich weiterhin dem Problem des Antisemitismus zu stellen haben. Was planen Sie auf diesem Gebiet?
Der Kampf gegen den Antisemitismus war für uns auch bisher eine zentrale Aufgabe. Ihr werden wir uns weiterhin widmen.
Ich halte es für wichtig, der deutschen Öffentlichkeit mehr Informationen über das Judentum zu vermitteln. Allerdings kann der Zentralrat den Antisemitismus nicht allein bekämpfen und für umfassende Aufklärung sogen. Es ist daher wichtig, dass uns die Gesellschaft, allen voran die Kirchen, bei dieser Aufgabe weiterhin unterstützen. Das tun sie auch schon, doch wollen wir mit ihnen über eine Intensivierung der Zusammenarbeit auf diesem Gebiet sprechen.
Dieser Wunsch beschränkt sich aber nicht auf die Kirchen. So sehe ich beispielsweise auch ein Potenzial, die Kooperation mit den Gewerkschaften bei der Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit weiter auszubauen. Wir sind an der Zusammenarbeit mit allen demokratischen Kräften interessiert.