14. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2014 | 8. Kislew 5775

Die große Fehde

Der historische Konflikt zwischen Chassidim und Litwaks ist heute zwar nicht mehr so akut, ganz überwunden sind die Unterschiede zwischen beiden Gruppen aber keineswegs

Man könnte sagen, dass das Judentum großenteils vom Disput lebt. Freilich ist Disput nicht gleich Disput. Neben gelehrsamen Wortgefechten, die im Talmud zur Höchstform aufgelaufen sind, gab es in unserer Geschichte auch weitaus weniger elegante Streitigkeiten. Zu den erbittertsten Fehden, die Juden untereinander ausgefochten haben, gehört zweifelsohne der Kampf zwischen den Chassidim und den Misnagdim: eine Auseinandersetzung, die bis heute in der jüdischen Welt nachklingt, wenngleich bei Weitem nicht mehr mit derselben Heftigkeit, mit der sie begonnen und jahrzehntelang ausgefochten wurde.
Ein Blick zurück ins 18. Jahrhundert: Von Podolien, einer südlichen Provinz der polnisch-litauischen Doppelmonarchie, ausgehend hat sich der Chassidismus schnell ausgebreitet. Die von Rabbi Israel ben Elieser (Ba’al Schem tov beziehungsweise, abgekürzt, Bescht) begründete Bewegung betonte eine durch Spiritualität und Mystik entstehende Nähe zu Gott und setzte nicht so sehr auf talmudische Studien, sondern eher auf eine aus dem Gefühl heraus gelebte Religiosität. Gebete wurden durch Tanz und Gesang begleitet, bis hin zu ekstatischer Entrücktheit. In einer Zeit, in der die Juden unter bitterer Armut, Verfolgung und Diskriminierung litten, fand der Chassidismus zahlreiche Anhänger und verbreitete sich nördlich bis nach Weißrussland, Nordostpolen und Litauen – also in die Welt der Litwaks, der litauischen Juden, in der strenge rabbinische Gelehrsamkeit dominant war.
Dort stieß die chassidische Bewegung auf erbitterten Widerstand. Tanz und Gesang, geschweige denn Alkoholgenuss, volkstümliche Mystik und eine nur gefühlsmäßige Begeisterung, so die „litwischen“ Rabbiner, führten nicht etwa zu Gott, sondern seien schlicht gefährliche Exzesse und erinnerten in ihrer Extremform an abtrünnige pseudomessianische Bewegungen. Nur strenge Beachtung der Glaubensregeln und talmudisches Studium seien der richtige Weg, um wirkliche Nähe zum Schöpfer zu erreichen. Dieser Weg stehe wegen seiner hohen Anforderungen allerdings nicht jedermann offen. Den ihnen von den Chassidim verliehenen Namen „Misnagdim“ – zu Deutsch: Widersacher – trugen die Litwaks mit Gelassenheit, ja mit Stolz, wähnten sie sich doch als Widersacher einer gefährlichen Häresie und damit als Hüter des wahren Judentums. Weil die Hochburgen der Misnagdim in der litauischen Welt lagen, wurden die Begriffe „Misnagdim“ und „Litwaks“ weitgehend synonym gebraucht. Ihr Ziel, den Chassidismus bis an den Nullpunkt zurückzudrängen, erreichten die Misnagdim nicht. Allerdings blieb die chassidische Bewegung in den „litwischen“ Gebieten sehr begrenzt.
Der Kampf zwischen den beiden Richtungen wurde sehr schnell sehr heftig. Im Jahr 1772 veröffentlichte der Gaon von Wilna, Rabbiner Elijah ben Schlomo Salman Kremer, einen Brandbrief gegen die Chassidim. Ihm folgte eine umfangreiche Polemik. Auch der Volksmund mischte kräftig mit. Spottgeschichten über den jeweiligen „Gegner“ wurden in Umlauf gebracht. Ein bekannter chassidischer Fluch lautete: „Litwak Tzejlem-Kop“ – Litwak Kreuz-Kopf. Die litauischen Juden, so die Begründung, dächten so unjüdisch, dass sie ein Kreuz im Kopf hätten. Dem setzten die Litwaks eine eigene Erklärung für die vermeintliche Kreuzform entgegen: „A Litwak lejgt sich in der Leng und in der Brajt kidey zu farschtejn a Sach“, er lege sich der Länge wie der Breite nach hin, um eine Sache zu verstehen, denke also besonders gründlich nach. Litauische Rabbiner untersagten ihren Anhängern sogar, Ehen mit Chassidim zu schließen. Gleichzeitig wurde eine Reihe litauischer Jeschiwot gegründet, an denen die strenge „litwische“ Lehre unterrichtet wurde. Bis heute gelten litauische Jeschiwot in Israel und in den USA – in der Nachfolge der zerstörten osteuropäischen Stammhäuser tragen sie die ursprünglichen geografischen Herkunftsnamen wie Ponewesch, Slobodka oder Mir – als elitäre Lehranstalten.
Wohlgemerkt waren nicht alle osteuropäischen Juden den Chassidim oder den Misnagdim zuzurechnen, doch ging es zwischen diesen beiden Gruppen jahrzehntelang hoch her. Erst im späteren Verlauf des 19. Jahrhunderts verlor der Kampf an Schärfe, nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Bedrohung des streng orthodoxen Lebenswandels durch die Aufklärung und die unter Juden voranschreitende Säkularisierung. Auch das Aufkommen des politischen Zionismus löste bei den meisten chassidischen wie misnagdischen Rabbinern Widerstand aus. Chassidisch-misnagdische Motive blieben zudem Teil jüdischer Folklore, etwa die berühmte Erzählung von J. L. Peretz (1852–1915) „Ojb nischt noch hecher“ (Wenn nicht noch höher), in der sich ein skeptischer Litwak von der tiefen Menschlichkeit eines chassidischen Rebben überzeugen lässt.
Als die jüdische Welt Osteuropas im Inferno der Schoa unterging, machten die Nazi-Mörder selbstverständlich keinen Unterschied zwischen Chassidim und Litwaks. Nach der Schoa galt es dann erst einmal, die Welt der Ultraorthodoxie neu aufzubauen. In Israel half der Staat dabei mit. Jeschiwa-Studenten, die sich ganztags dem Studium der heiligen Schriften widmeten, wurden von David Ben Gurion gleich nach der Staatsgründung vom Wehrdienst freigestellt. Auch griff der Staat den ultraorthodoxen Jeschiwot und ihren Studenten finanziell unter die Arme, obwohl die Ultraorthodoxen der zionistischen Idee größtenteils reserviert gegenüberstanden.
Wie man weiß, ist die Zahl ultraorthodoxer Männer, die an den Jeschiwot studieren, seit der Staatsgründung von wenigen Hundert auf mehrere Zehntausend gestiegen. Die Tatsache, dass der Staat diese Bevölkerungsgruppe vom Wehrdienst freistellte und sie finanziell unterstützte, löste zahlreiche politische und soziale Spannungen innerhalb der israelischen Gesellschaft aus. In diesem Jahr wurde ein Gesetz verabschiedet, das eine bessere Integration der Ultraorthodoxen in die Streitkräfte und ins zivile Leben fördern soll.
Trotz solcher Kontroversen konnte sich die ultraorthodoxe Gelehrsamkeit in Israel qualitativ wie quantitativ anders etablieren, als es in Osteuropa der Fall war. Die Förderung des Jeschiwa-Studiums, so Soziologe Professor Chaim Waxman von der amerikanischen Rutgers University und der Hebräischen Universität in Jerusalem, ließ eine „Gesellschaft der Lernenden“ entstehen. Eine breite Bevölkerungsschicht also, die ihr Leben lang die Tora studiert. In dieser Größenordnung, so Waxman, sei das in der jüdischen Geschichte ein Novum.
Nach dem ungeheuren Verlust, den der Untergang des osteuropäischen Judentums bedeutete, nahm die Feindseligkeit zwischen Chassidim und Litauern in Israel weiter ab. Hinzu kommt, dass beide Gruppen auch in der historischen Heimat ein überragendes gemeinsames Interesse haben: die Aufrechterhaltung ihres Lebensstils innerhalb einer ihnen religiös wie ideologisch oft fremden israelischen Mehrheitsgesellschaft.
Einer Schätzung zufolge gehört ein Drittel der 800.000 bis zu einer Million israelischen Ultraorthodoxen der chassidischen Bewegung an. Knapp 30 Prozent sind Litauer. Die restlichen Ultraorthodoxen verteilen sich auf sefardische und andere Gruppen, die sich keinem der beiden großen Lager zuordnen lassen.
Unterschiede zwischen Chassidim und Litauern gibt es noch immer. Wie schon vor 200 Jahren achten Litauer penibel auf strenge Gelehrsamkeit und strenge Einhaltung der Glaubensregeln. „Wenn das Krijat-Schma-Gebet bis 8:32 fällig ist, wird der Litwak es nicht um 8:33 aufsagen“, sagt Professor Waxman. Dagegen nehme es der Chassid nicht so genau. Es gebe Chassidim, die selbst das Mincha-Gebet, das nach der Halacha vor Sonnenuntergang verrichtet werden muss, auch schon mal nach Sonnenuntergang aufsagten. Auch achteten Chassidim nicht allzu streng auf das Gebet im Minjan, dem Zehnerquorum. Viele zögen es sogar bewusst vor, allein zu beten. In der Bekleidung gibt es ebenfalls Unterschiede.
Das Lebensmodell „Gesellschaft der Lernenden“ ist unter den Litwaks stärker vertreten, und es gibt unter ihnen mehr Jeschiwa-Studenten, während die Chassidim eher ins Arbeitsleben eintreten. Bann und Verfluchung stehen aber nicht mehr auf der Tagesordnung. Professor Waxman schätzt, dass rund zehn Prozent aller Ehen litauischer beziehungsweise chassidischer Juden in Israel mit Ehepartnern aus dem jeweils anderen Lager geschlossen werden. Nach jüdischem Brauch folgt eine Familie, in der die Eheleute in verschiedenen Traditionen groß geworden sind, dem Brauchtum des Ehemannes. Das aber gilt eher für halachische Regeln. Was auf dem Speisezettel der Familie steht, richtet sich dagegen oft nach den Gewohnheiten der Ehefrau – nur scheinbar ein unwichtiges Detail.
Auf dem Gebiet der Politik haben die Litauer eine eigene Partei, Degel Hatora (Banner der Weisung), in der Chassidim kaum zu finden sind. Die ältere, bereits 1912 gegründete ultraorthodoxe Partei Agudat Israel wird von Chassidim beherrscht, hat aber auch litauische Mitglieder. In jedem Fall treten beide Parteien bei Knesset-Wahlen in einer gemeinsamen Wahlliste an und bilden eine gemeinsame parlamentarische Fraktion. Die Spannungen zwischen den beiden Bewegungen werden sich in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach weiter abschwächen, verschwinden werden die Unterschiede in absehbarer Zeit aber nicht.
In den USA wird ebenfalls nicht mehr von Misnagdim gesprochen. Die rund 350.000 ultraorthodoxen Juden im Land unbegrenzter Möglichkeiten sind mehrheitlich Chassidim. Zu ihren Hochburgen gehören vor allem drei Bezirke in Brooklyn: Williamsburg, Crown Heights und Boro Park. Die Bewegung der Satmarer Chassidim ist in der Stadt Monroe bei New York beheimatet. Diejenigen Ultraorthodoxen in den USA, die die alte litauische Gelehrsamkeit verkörpern, werden – das jiddische Wort hat sich auch im Englischen eingebürgert – „jeschiwisch“ genannt. In ihren Jeschiwot studieren auch viele chassidische Studenten.
Im Übrigen wurde das litauische Lernmodell nicht etwa mit der großen Auswanderungswelle russischer Juden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA gebracht. Ein herausragender Begründer des „jeschiwischen“ Judentums war vielmehr der prominente litauische Gelehrte und Rosch Jeschiwa (Jeschiwa-Vorsteher) Rabbiner Aharon Kotler (1891–1962), dem 1941 die Flucht aus Wilna nach New York gelang. Er gründete die berühmte Jeschiwa „Beis Medrash Govoha“ in Lakewood, New Jersey. Aber auch die 1941 begründete Tel­she-Jeschiwa und die nach Kriegsende errichtete Mir-Jeschiwa spielten eine wichtige Rolle für die Entwicklung des „jeschiwischen“ Judentums in den USA.
Indessen studieren in den USA nur wenige ultraorthodoxe Juden ihr Leben lang an der Jeschiwa. Die meisten Studierenden verabschieden sich nach der Eheschließung ins Arbeitsleben, die Begabteren bleiben typischerweise noch weitere zwei bis drei Jahre. Und wer, erklärt Professor Waxman, die Begabung und die Finanzierung hat, drücke als Verheirateter vielleicht noch fünf Jahre lang die Jeschiwa-Bank. Die für Israel charakteristische „Gesellschaft der Lernenden“ ist in den USA daher weniger ausgeprägt. Die Lernbegierde der „jeschiwischen“ Litwaks kommt aber auch darin zum Ausdruck, dass sie häufiger als Chassidim akademische Berufe erlernen.
Kleinere ultraorthodoxe Bevölkerungsgruppen gibt es auch in anderen Ländern, vor allem in Kanada, Großbritannien, Frankreich, Belgien und Südafrika. Ihre Zusammensetzung nach Herkunft und Gruppenzugehörigkeit ist nicht einheitlich. So etwa ist Antwerpen das Zentrum der Pscheworsker Chassidim, während die jüdische Bevölkerung Südafrikas großenteils von Immigranten aus Litauen abstammt. Der alte Kampf zwischen Chassidim und Misnagdim ist aber auch in diesen Ländern kein prägendes Merkmal des jüdischen Lebens. Wobei es natürlich auch in unserer Zeit Juden gibt, die sich, ohne selbst ultraorthodox – oder nicht einmal in anderem Sinne religiös – zu sein, mit Nostalgie an die chassidische oder litwische Herkunft ihrer Vorfahren erinnern.

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