14. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2014 | 8. Kislew 5775

Erfahrung fürs Leben

In Bad Sobernheim kamen ehemalige Jugendbetreuer der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland zu einem Revival-Treffen zusammen

Von Heinz-Peter Katlewski

„Ich habe gelernt, Diskussionen zu führen, vor vielen Leuten zu sprechen, Menschen zu begeistern, Gruppen und sogar ein ganzes Ferienlager zu leiten“, erinnert sich Daniel Neubauer an seine Zeit als Madrich, ehrenamtlicher Jugendbetreuer der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Das ist schon länger her: Heute leitet der inzwischen 34 Jahre alte promovierte Betriebswirt die Trainingsprogramme für Manager und Führungskräfte einer großen Schweizer Versicherung in Zürich. Allerdings haben ihn die Jahre der Jugendarbeit nachhaltig geprägt.
Das gilt auch für andere, die seinerzeit jüdische Kinder und Jugendliche in den Ferien im In- und Ausland betreut haben. Kürzlich trafen sich viele von ihnen in ihrer ehemaligen, an Erinnerungen reichen Wirkungsstätte wieder: dem Max-Willner-Heim der ZWST in Bad Sobernheim. Hier fanden viele der Machanot statt, hier erlernten sie die Grundlagen jüdischer Freizeitpädagogik.
„Jeder denkt gern an seine Zeit als Madrich zurück“, glaubt Aron Schuster, stellvertretender Direktor der ZWST und früher selbst Madrich. „Die Erfahrungen und Geschichten der Machanot sind bis heute präsent, werden niemals langweilig und werden Tag für Tag weitererzählt.“
Auf Schusters Anregung lud die ZWST die Madrichim und Madrichot der Geburtsjahrgänge 1974 bis 1984 mit Partnern und Kindern ein, die Machane-Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen. 90 Erwachsene genossen dieses Revival, tauschten Anekdoten aus, feierten gemeinsam Schabbat, diskutierten über die Situation in Israel und die jüngsten antisemitischen Ausbrüche in Deutschland. Das Wichtigste aber war, Freundschaften aus den Jugendjahren wieder aufzufrischen.
Dass die Ex-Jugendlichen 50 eigene Kinder mitbringen konnten, verlieh dem Treffen eine besondere Atmosphäre. Aron Schuster hofft, dass die Madrichim von damals nun auch ihre Kinder auf Machanot schicken werden.
Wie wichtig die Erfahrung als Madrich oder Madricha sein kann, erläutert Lisa Scheremet aus Hamburg. Im Alter von 10 Jahren kam sie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland und war zuerst Teilnehmerin, eine Chanicha, in Bad Sobernheim. Mit 16 Jahren ließ sie sich dann zu Madricha ausbilden und erinnert sich: „Das war ein großer Teil meines Lebens.“ Lehrerin zu werden, lag danach irgendwie auf der Hand. Im Referendariat, der praktischen Ausbildung nach dem Studium, fiel Lisa Scheremet ihren Seminarleitern auf, weil ihr die verbreitete anfängliche Scheu fehlte, sich als Lehrerin vor eine Gruppe von jungen Leuten zu stellen. Ein mindestens so wichtiger Ertrag ihrer jahrelangen Jugendarbeit ist für sie aber, dass sie in Deutschland in fast jeder Stadt eine Anlaufstelle und Freunde hat.
Lehrerin wurde auch die Berlinerin Lea Feynberg. Lose Sprüche und renitente Schüler könnten ihr die gute Laune nicht mehr nehmen, sagt sie. Die Chanichim, die sie in ihren Ferien betreut habe, hätten sie gelehrt, Spaß am Lernen zu vermitteln. Heute verbreitet sie ihre gute Laune an einer Sekundarschule in einem Stadtteil mit einem hohen Migrantenanteil. Im vergangenen Jahr hat sie darüber das Buch „Ich werd sowieso Rapper“ veröffentlicht.
Dass man nicht alles, was so gesagt wird, auf die Goldwaage legen darf, hat auch Lenny Lemler auf Machane gelernt. Die Gruppendynamik eines solchen Lagers führe gelegentlich zu Konflikten, die man durchstehen und zu einer Lösung führen müsse. Ähnlich sei das auch im Berufsleben, weiß der heutige Investment-Banker. Dadurch, dass man das schon früh erlebt und verarbeitet habe, gehe man solche Situationen viel gelassener an. Außerhalb seines Jobs wendet er diese Erfahrungen vor allem beim TuS Makkabi Frankfurt an. Dort betreut er die 2. Senioren-Fußballmannschaft und arbeitet als Beisitzer im Vorstand mit.