14. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2014 | 8. Kislew 5775

Von ganzem Herzen

Einfallsreichtum und Engagement machten den Mitzvah Day 2014 zum großen Erfolg

Von Heinz-Peter Katlewski

Sonntag, der 16. November. Im großen Saal der Synagogengemeinde zu Köln herrscht reges Treiben. Wer hier eintritt, bekommt als erstes einen Sticker angeheftet: „2014 Mitzvah Day, ich war dabei!“ Rund 100 Besucher werkeln, kleben, malen und kneten. Zum dritten Mal seit 2012 hat der Zentralrat der Juden in Deutschland die jüdischen Gemeinden und Institutionen aufgerufen, sich freiwillig und unentgeltlich für andere zu engagieren und im Sinne von „Tikkun Olam“ mit guten Taten einen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten. Mitgemacht haben 20 Gemeinden und Organisationen in 30 Städten und dabei mehr als 120 soziale Aktionen zuwege gebracht.
In der großen Kölner Synagoge sollte der Mitzvah Day dazu anregen, das 4. Gebot – die Heiligung des Schabbat – ernst zu nehmen und den Schabbat zu begehen. Das Motto lautete „Dem Schabbat auf der Spur“. An mehreren Tischen wurden mit verschiedenen Schablonen Challe-Decken hergestellt, vor der Bühne des Saales wurde Teig gerollt, geflochten und schließlich zu Challe, zu Schabbatbrot, gebacken. An der Seite bemalten Kinder kleine Gläser und machten daraus Schabbat­kerzenhalter. An anderer Stelle verzierten Große und Kleine in grünen Mitzvah Day-T-Shirts Brachot-Karten für das Gebet am Freitagabend. Das eine oder andere dieser selbst gebastelten Werke wird wohl zu Chanukka Freunde, Eltern und Großeltern erfreuen.
Ortswechsel: Plätzchen und Kuchen backte das Gelsenkirchener Jugendzentrum Chesed für die Bewohner der jüdischen Abteilung des AWO-Seniorenzentrums auf Schalke. Gebacken, gebastelt und gepflanzt für die Senioren ihrer Gemeinde haben auch die Jugendlichen des Leipziger ToraZentrums.
Dass das Gebot der Nächstenliebe nicht nur gegenüber Juden, sondern auch gegenüber Nichtjuden gilt, erläuterte Rabbiner Tovia Ben-Chorin in einem Schiur der Berliner Synagoge Fraenkelufer. Anschließend zogen die Besucher, unterstützt von den Madrichim des Jugendbundes Ha-Shomer Ha-Tzair, zum Neuköllner Bürgerzentrum und renovierten einen heruntergekommenen Gruppenraum. Studierende des Berliner Touro-Colleges säuberten am Kurfürstendamm die Terrassen und Grünflächen der Senioren Residenz Pro Seniore und machten sie winterfest.
Um den Einwohnern einer Flüchtlingsunterkunft das Leben ein wenig leichter und angenehmer zu machen, überholten Mitglieder des Vereins „Mitzwe Makers“ der Israelitischen Kultusgemeinde München ein Spielzimmer des Hauses und gestalteten eine Wand mit Naturmotiven. Etwas Ähnliches unternahm die Liberale Gemeinde in Köln. Sie realisierte ein Wandbild mit einer bunten Weltkugel und Willkommenssprüchen in verschiedenen Sprachen. Die liberalen Gemeinden in Unna und Pinneberg sowie die Hamburger Jung und Jüdisch Gruppe feierten kleine Feste mit Flüchtlingskindern und spielten mit ihnen.
Für die Klasse 3b der Yitzhak-Rabin-Grundschule in Düsseldorf begann der Mitzvah Day bereits am Mittwoch, um am Freitag allen Schülern für deren Familien in einer Tüte Mini-Challot überreichen zu können, einschließlich eines Kärtchens mit dem Segensspruch für die abendliche Schabbatfeier. An der Frankfurter Lichtigfeld-Schule entschieden sich die Sechstklässler, den Lebensraum der Gorillas in Zentralafrika zu schützen, wo ein Erz als Industrierohstoff abgebaut wird. Sie sammelten alte Handys, in denen dieser Rohstoff verarbeitet wurde. Durch verstärktes Recycling alter Geräte, hoffen sie, werde nicht mehr so tief in den Lebensraum der Gorillas eingegriffen.
Um Tiere kümmerten sich auch die Kinder der Gemeinden von Baden-Baden und Pforzheim. Unterstützt von ihren Eltern räumten sie im Pforzheimer Wildpark Gehege auf, kehrten Laub zusammen und fütterten die Tiere. Im Bochumer Tierpark halfen Kinder und Jugendliche der dortigen Jüdischen Gemeinde bei der Organisation und Durchführung von Mitmachangeboten beim Fossilientag.
Der Mitzvah Day war ein voller Erfolg, resümierte der scheidende Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann den bundesweiten Aktionstag: „Wir haben eine deutliche und von Herzen kommende Botschaft gesendet: Wir, die jüdische Gemeinschaft, setzen uns ein für unsere Gesellschaft.“