14. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2014 | 8. Kislew 5775

Rabbiner für Bonn und Chemnitz

Absolventen des Hildesheimerschen Seminars wurden in Würzburg ordiniert

Von Olaf Glöckner

Anfang November erlebte Würzburg die diesjährige Ordinationsfeier von Absolventen des Rabbinerseminars zu Berlin. Im weiträumig und modern gehaltenen Gemeindezentrum „Shalom Europa“ erhielten Shlomo Aminov (25) und Jakov Pertsovsky (27) ihre Urkunden, womit das vom Zentralrat der Juden und der Ronald S. Lauder Foundation gemeinsam geförderte Seminar nun schon acht junge Rabbiner auf den Weg in jüdische Gemeinden gebracht hat. Absolventen des Hildesheimerschen Seminars sind in Berlin, Duisburg, Osnabrück, Potsdam, Köln, Leipzig und nunmehr auch in Bonn und Chemnitz tätig.
Die Würzburger Feier, zu der Repräsentanten des Zentralrates der Juden in Deutschland, der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD), der Agudath Israel of America, Vertreter zahlreicher Gemeinden, sowie Politiker und kirchliche Würdenträger angereist waren, wurde ein Nachmittag voller Freude und Hoffnung aber auch des Staunens und der Dankbarkeit. Zu Gesängen des weltweit berühmten New Yorker Kantors Joseph Malovany zogen die Rabbinerstudenten feierlich im „Shalom Europa“ ein, begleitet unter anderen von Azaria und Meir Hildesheimer, zwei direkten Nachkommen von Rabbiner Esriel Hildesheimer, einem Mitbegründer moderner Orthodoxie, der die Berliner Rabbinerschule im 19. Jahrhundert zu einem Magnet für ganz Europa gemacht hatte. Die Lehranstalt wurde 1938 vom NS-Regime geschlossen.
Freude über die Ordination herrschte auch bei der gastgebenden Jüdischen Gemeinde Würzburg, die seit der Zuwanderungswelle aus der früheren Sowjetunion während der 1990er-Jahre heute mehr als 1100 Mitglieder zählt. Gemeindevorsitzender Dr. Josef Schuster knüpfte in seiner Rede an die starke Verbindung von Tradition und Weltoffenheit an, für die viele jüdische Gelehrte – so auch der als „Würzburger Raw“ bekannte Rabbiner Seligmann Bär Bamberger – gestanden hätten. Den neu Ordinierten versicherte Dr. Schuster: „Sie werden dringlich gebraucht, und Sie werden dazu beitragen, dass sich fast 70 Jahre nach dem Ende der Schoa jüdisches Leben in Deutschland weiter etablieren wird.“
Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, schlug in seiner emotional gehaltenen Ansprache einen weiten historischen Bogen und betonte: „Ihr beiden jungen Männer seid die Träger einer 3500 Jahre alten Tradition, die wir im Sinai empfangen haben. Aber ihr lebt im 21. Jahrhundert, und als Lehrer und Hirten Eurer Gemeinden werdet ihr auch neue Deutungen und eure ganz eigenen Wege finden müssen.“ Standing Ovations gab es für den aus New York angereisten Ronald S. Lauder, durch dessen gleichnamige Stiftung die Wiedereröffnung des Hildesheimerschen Rabbinerseminars im Jahr 2009 ganz wesentlich ermöglicht wurde. Lauder unterstützt heute jüdische Bildungseinrichtungen in insgesamt 16 Ländern Ost- und Mitteleuropas. Den beiden Absolventen rief er freundlich zu: „Wir erwarten Großes von euch!“
Beide neue Rabbiner haben ihre familiären Wurzeln der Ex-UdSSR. Shlomo Aminov kam 1989 in Buchara (Usbekistan) zur Welt. Seine Familie emi­grierte nach Deutschland, als er zwölf Jahre alt war. Gleich nach dem Abitur in Leipzig begann er an der Jeschiwa Beis Zion in Berlin zu studieren, die ebenfalls auf eine Initiative der Ronald S. Lauder Foundation zurückgeht. Seit 2010 studierte der junge Mann direkt am Rabbinerseminar. Shlomo Aminov hat inzwischen seine Rabbinerstelle in Bonn angetreten. Ihm zur Seite steht Ehefrau Chaya Rachel, eine angehende Informatikerin.
Jakov Pertsovsky erblickte 1986 in Kiew das Licht der Welt. Später zog auch seine Familie nach Deutschland. Nach dem Besuch des Jüdischen Gymnasiums in Berlin besuchte Jakov ebenfalls die Jeschiwa Beis Zion, danach das Kol Torah Rabbinical College in Jerusalem und schließlich das Berliner Rabbinerseminar. Pertsovsky ist der erste Rabbiner, den die jüdische Gemeinde in Chemnitz seit 76 Jahren hat. „Ich fühle mich glücklich, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen“, sagte der junge Mann. Seine Frau Raja Rachel studiert Pädagogik.
Mit großer emotionaler Anteilnahme wurde die Rede von Rabbiner Chaim Dovid Zwiebel, Vizepräsident der Agudath Israel of America aufgenommen. Rabbiner Zwiebel betonte, wie stark die amerikanische Aguda-Bewegung vor 100 Jahren von deutschstämmigen Juden initiiert und getragen wurde, nicht zuletzt von Rabbiner Yaakov Rosenheim. Rabbiner Zwiebel merkte an, selbst Kind von Holocaust-Überlebenden zu sein. „Nie hätte ich mir träumen lassen, eines Tages Deutschland zu besuchen“, gestand er, „und eine lebendige jüdische Gemeinschaft zu entdecken, auf die meine Großeltern und ihre Kinder stolz sein könnten.“