04.12.2014

»Ich will nicht zu oft mahnen müssen«

Interview des Zentralratspräsidenten Dr. Schuster in der Jüdischen Allgemeinen, 04.12.2014

Dr. Josef Schuster

Josef Schuster über Vorbilder, Aufgaben und seine Würzburger Prägung

Herr Schuster, nach den ersten Tagen ist die Frage erlaubt: Wie erleben Sie das neue Amt?
Die ersten Tage zeichnen sich durch Glückwünsche aus, die ich – angefangen von der höchsten Ebene der Politik bis zu den Kirchen – eigentlich aus allen Gruppen der Gesellschaft bekomme. Mich erreichen auch zahlreiche Gratulationen von Menschen, die mir bislang unbekannt waren. Dann gibt es natürlich in den ersten Tagen einiges Organisatorische zu regeln. Und das Erste, womit ich mich befasst habe, war das Thema Stolpersteine, anlässlich einer Veranstaltung am Montag in Würzburg.

Ihre Wahl zum Zentralratspräsidenten hat Schlagzeilen gemacht. Wie nehmen Sie Medienberichte wahr, denen zufolge Sie ein Mann der Pflicht seien, eine angenehm unaufgeregte Art hätten und sich nur zu Wort meldeten, wenn Sie es für angebracht halten?
Ich fand die Charakterisierung eigentlich stimmig. Sie deckt sich mit meiner eigenen Wahrnehmung. Wenn ich bislang so herübergekommen bin, dann scheint mir das authentisch.

Und wie fanden Sie die Überschrift »Nesthocker und Nachdenker«?
Die ist nicht neu, die hat ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung schon einmal in einem Porträt über mich vor einigen Jahren gebraucht. Ich fand das eigentlich eine treffende Überschrift, Bezug nehmend darauf, dass ich – vom Kindergarten über Grundschule, Gymnasium, Studium bis zu meiner beruflichen Tätigkeit – in Würzburg geblieben bin. »Nesthocker und Nachdenker« trifft es. Aber um niemanden zu beunruhigen: Mein Horizont reicht dann doch über Würzburg und Franken hinaus. Und nach dem Nachdenken folgt auch das Handeln.

Im Vorfeld der Wahl hieß es, Sie wären gerne Stellvertreter des Zentralratspräsidenten geblieben. Wurden Sie ins Amt gedrängt?
Wenn Sie mich vor drei Monaten gefragt hätten, ob ich mir vorstellen könnte, das Präsidentenamt zu übernehmen, hätte ich das mit Sicherheit ins Reich der Fabel verwiesen. Denn an dieses Amt habe ich tatsächlich nicht gedacht und mich als Vizepräsident mit einem Präsidenten Dieter Graumann sehr wohlgefühlt. Meine Hoffnung war, in dieser Konstellation weiterzuarbeiten. Anders war es, als endgültig klar wurde, dass Dieter Graumann wirklich nicht von seiner Entscheidung abzubringen war, und ich mich entschlossen hatte zu kandidieren. Dann freut man sich auf das Amt und freut sich auch, wenn man dann gewählt wird.

Eine Zeitung schrieb, das Amt sei Ihnen noch irgendwie fremd. Stimmt der Eindruck?
Dieser Eindruck ist falsch, schon allein, weil ich zuvor vier Jahre lang Vizepräsident war, 15 Jahre dem Präsidium angehörte, in dem die Präsidenten auch weitestgehend einen kollegialen Stil gepflegt haben. Da ist einem die Arbeit nicht fremd. Wir hatten auch in den vergangenen vier Jahren intern vereinbart, dass für den Zentralrat nach außen einer spricht, das war Dieter Graumann. Intern haben wir viel miteinander gesprochen und diskutiert und immer eine gute Konsenslösung gefunden. Fremd ist mir das Amt nicht.

Wird sich der Führungsstil ändern?
Ich glaube nicht. Nur ist mir daran gelegen, und das hängt mit meiner beruflichen Situation zusammen, dass ich auch die Stellvertreter bitten werde, mehr Termine wahrzunehmen. Letztendlich wird es darauf ankommen, dass wir dennoch mit einer Stimme sprechen.

Sie haben angekündigt, mehr ein Kommunikator als ein Mahner sein zu wollen. Was ist darunter zu verstehen?
Mir scheint, als werde in der Öffentlichkeit immer wieder der Eindruck erweckt, Judentum sei auf die Zeit von 1933 bis 1945 zu reduzieren. Mir ist der Aspekt ganz wichtig, dass jüdisches Leben in Deutschland viel, viel älter ist und es auch Zeiten gab, in denen jüdisches Leben ganz selbstverständlich erschien. Dennoch werde ich meine Stimme erheben, wenn es angesichts von Antisemitismus, Rassismus und Israelhass wichtig ist. Und ich befürchte, es wird auch notwendig sein.

Was ist Ihnen bei der Binnenwirkung Ihres neuen Amtes an der Spitze des Zentralrats besonders wichtig?
Da gibt es zwei Punkte. Zum einen die Integration der russischsprachigen Zuwanderer, obwohl die als solche weitgehend abgeschlossen ist. Aber es gilt jetzt, das Erreichte noch weiter zu festigen, um die Gemeinden so weit zu stärken, dass sie langfristig in ihrer Existenz als jüdische Gemeinschaft gesichert sind. Zum anderen ist es die Vielfalt in der Einheit. Wichtig ist dabei, die verschiedenen religiösen Strömungen unter dem Dach des Zentralrats, aber auch möglichst unter dem Dach einer Einheitsgemeinde, zusammenzuführen und zu erhalten.

Und dabei nach außen zu wirken?
Ja, das Würzburger Judentum steht für den Begriff »traditionell und weltoffen«. Und in diesem Sinne ist mir natürlich wichtig, dass sich der Zentralrat in jüdischer Tradition nach außen öffnet und dadurch auch zeigt, wie wir uns als selbstverständlichen Bestandteil der deutschen Gesellschaft fühlen.

Wird die jüdische Gemeinschaft Deutschlands jetzt häufiger nach Würzburg schauen als nach Frankfurt oder Berlin?
Dass Würzburg etwas stärker ins Blickfeld gerät als früher, ist ein netter und positiver Nebeneffekt. Aber ich denke, dass die Großgemeinden wie Frankfurt, München und Berlin keine Sorge haben müssen, dass keiner mehr auf sie schaut.

Dieter Graumann hat immer betont, dass Ignatz Bubis sel. A. sein Mentor gewesen sei, dass er seinem Kurs gefolgt ist. Wer ist Ihre Leitfigur?
Der erste Präsident des Zentralrats, mit dem ich im Präsidium zusammenarbeiten durfte, war Paul Spiegel sel. A., von seiner Art der Kommunikation und Kooperation habe ich damals sehr viel gelernt. Aber auch die nachfolgenden Präsidenten, Charlotte Knobloch und Dieter Graumann, haben ihren Stil, von dem man sich etwas abschauen konnte. Wenn ich sage, dass ich Dieter Graumanns Weg fortsetzen möchte, dann selbstverständlich auch deshalb, weil er hier für mich ein Vorbild ist.

Sie gelten als politisch konservativ. Ist das richtig charakterisiert?
Das kann man so charakterisieren. Aber ich habe kein Parteibuch, gehöre keiner Partei an.

Werden Sie sich als Mitglied der Ethikkommission der Bundesärztekammer zukünftig auch in Wertedebatten und ähnliche Diskussionen einschalten?
Wir haben im Direktorium einen ausgewiesenen Fachmann, Professor Leo Latasch, der im Deutschen Ethikrat Sitz und Stimme hat. Aber man kann sicherlich davon ausgehen, dass auch ich mich zu ethischen Fragen äußern werde

Wir würden Sie Ihr religiöses Verständnis charakterisieren?
Würzburg ist traditionell eine orthodox geprägte Gemeinde, auch in Erinnerung an den Würzburger Raw, Seligmann Bär Bamberger. Die Gemeinde wird orthodox geführt. Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, das traditionell war. Ich selbst habe heute einen koscheren Haushalt, würde mich im traditionellen Judentum angesiedelt sehen. Aber es gab Zeiten, als Würzburg keinen eigenen Rabbiner hatte und man gelegentlich einen für ein trauriges oder freudiges Ereignis brauchte. Da war Rabbiner Nathan Peter Levinson Hausrabbiner der Familie Schuster. Er ist in der religiösen Ausrichtung ganz anders. Das ist das, was ich mit Offenheit meine. So verstehe ich mein Amt und habe dies bislang auch im Bereich Kultus glaubhaft vertreten: Mir sind alle großen Strömungen des Judentums gleich wert und lieb.

Sie haben bereits die Bedeutung des interreligiösen Dialogs unterstrichen. Fällt der Kontakt zu den christlichen Kirchen jetzt leichter, da auch deren Köpfe, Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm, in Bayern beheimatet sind?
Das wird sicherlich dem interreligiösen Gespräch nicht im Wege stehen. Jetzt muss man aber auch ganz ehrlich sagen: Auf der politischen Ebene wird die Arbeit dadurch erleichtert, dass wir uns schon länger kennen. Aber was das Gespräch auf theologischer Ebene angeht, da gibt es ja gute Beziehungen zwischen den Rabbinerkonferenzen und den jeweiligen Gremien der großen christlichen Kirchen. Ich bin nicht der Mann für das theologische Gespräch, ich bin Mediziner.

Sie haben betont, dass Sie als Internist weiter tätig sein wollen. Wie werden Sie das mit dem auch zeitlich sehr anspruchsvollen Ehrenamt verbinden?
Es wird jeweils im Einzelfall zu entscheiden sein, welcher Termin so wichtig ist, dass ich ihn als Zentralratspräsident wirklich selber wahrnehmen muss. Auf der anderen Seite ist der Vorteil einer Bestellpraxis, dass ich planen kann. Wenn also Patienten bei mir einen Termin haben, wissen sie, dass ich da bin. Zudem habe ich zum Ausdruck gebracht, dass das alles kein Einmannbetrieb ist. Ich habe hochkompetente Vertreter, die ich auch bitten werde, mich in diesen Bereichen entsprechend zu unterstützen.

Es ist kein Geheimnis, dass der Zentralratspräsident Personenschutz hat. Werden Sie Ihren Beruf in der Praxis und beispielsweise auch Ihre Notarzttätigkeit bei der Wasserwacht wie bisher ausüben können?
Ich hoffe und denke es, so wurde es mir auch signalisiert.

Wie finden Sie bei dieser Doppelbelastung durch Beruf und Ehrenamt Zeit zur Entspannung?
Ich verreise sehr gern und habe gleich zu Beginn des Jahres Zeiten für mich und die Familie geplant, in denen wir gemeinsam Urlaub machen. Ich werde mir auch weiterhin erlauben, gelegentlich ein oder zwei Wochen nicht da zu sein und die Erreichbarkeit etwas reduzieren.

Greifen Sie in Ihrer Freizeit gerne zum Buch, hören Sie Musik?
Ich bin nicht der große Bücherwurm, dafür fehlt auch der zeitliche Rahmen. Ich lese viele Zeitungen. Musik höre ich gerne, bin da aber eher der leichteren Muse zugeneigt, dennoch auch ein begeisterter Mozarthörer, weil ich aus Würzburg stamme, wo es ein Mozartfest gibt. Ansonsten unternehme ich gerne ab und zu Ausflüge hier bei uns in der Region.

Zum Schluss die Frage nach Ihren Wünschen für die nun begonnene Amtszeit als Zentralratspräsident.
Der größte Wunsch wäre, dass das, was alle befürchten, einschließlich meiner eigenen Person, nämlich zu häufig Mahner sein zu müssen, nicht eintritt. Und meine große Hoffnung ist, dass es gelingt, jüdisches Leben in Deutschland als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft noch deutlicher zu etablieren.

Mit dem Zentralratspräsidenten sprach Detlef David Kauschke.