03.12.2014

Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei einer Veranstaltung des Arbeitskreises Stolpersteine Würzburg am 1.12.2014 in Würzburg

Dr. Josef Schuster

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir befassen uns heute mit einem wahrlich nicht leichten und lange verdrängten Thema: mit der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus. Es mussten Jahrzehnte vergehen, bis sich die Polizeibehörden und die Länder-Innenminister überhaupt mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Erst 2011 gab es eine große Ausstellung zu dem Thema im Deutschen Historischen Museum.

Geradezu verstört hatten zuvor viele auf das Buch des US-amerikanischen Historikers Christopher Browning reagiert über die „ganz normalen Männer“ im Polizeibataillon 101, die in Polen an der Exekution von 38.000 Juden direkt beteiligt waren.

Welch eine Verdrängung hat hier über Jahrzehnte stattgefunden. Es war die Polizei, die den Krieg gegen die so genannten Partisanen führte. Es war die Polizei, die hinter der Front Juden bei Massenexekutionen zu Hunderttausenden hinrichtete. Es war die Polizei, die unschuldige Menschen verhaftete, die Zwangsarbeiterlager und Ghettos bewachte. Es war die Polizei, die Deportationszüge begleitete. Für die Begleitung der Züge vom Lager Westerbork in die Vernichtungslager gab es drei Tage Urlaub. Wie sagte ein Bremer Zugwachtmeister? „Judentransporte zu begleiten hatte für uns doch Erholungswert.“

Und es gab nur sehr wenige, einzelne Polizisten, die den Mut hatten, sich zu widersetzen. Da unterschied sich die Polizei nicht von allen anderen Bereichen der Gesellschaft. Erinnert sei etwa an den Berliner Reviervorsteher Wilhelm Krützfeld, der am 9. November 1938 durch mutiges Eingreifen die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin vor der Zerstörung bewahrte.

Heute, fast 70 Jahre nach Kriegsende, geht es nicht darum, die Polizei nachträglich und kollektiv an den Pranger zu stellen. Es geht darum, aus der Geschichte zu lernen.

In einem Rechtsstaat gehört die Polizei zu den Hütern des Rechts. Denn sie achtet auf die Durchsetzung des Rechts. Sie verfolgt nicht Minderheiten, sondern schützt sie – was wir, die jüdische Gemeinschaft, sehr schätzen und wofür wir dankbar sind.

Recht und Menschlichkeit müssen Maßstab für die Polizei sein. Vorurteile dürfen es nicht sein.

Warum hatte bei den Morden der NSU niemand an rechtsextreme Täter gedacht? Oder hatte nicht den Mut, das öffentlich zu sagen? Alleine an diesem Beispiel sehen wir, was wir heute bei der Polizei genauso dringend brauchen wie wir es vor 70, 80 Jahren gebraucht hätten:

Eigenständig denkende Menschen, mit dem Mut, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen, selbst wenn es der Karriere abträglich ist.

Sich der Vergangenheit stellen – das gelingt auch – und ich möchte sagen, in großartiger Weise, durch die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Hier in Würzburg sind mittlerweile mehr als 400 Stolpersteine verlegt, erst heute kamen 22 hinzu.

Die kleinen Messingsteine lassen uns immer wieder mitten im Alltag innehalten: Wir beugen uns hinunter, um den Namen lesen zu können. Wir verbeugen uns vor den Menschen, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Und uns wird bewusst: Sie lebten hier, mitten unter uns. Es waren Nachbarn. Und auch wenn es heute keine Angehörigen mehr gibt: Sie sind nicht vergessen!

In diesem Jahr wird der Künstler voraussichtlich den 50.000. Stolperstein verlegen. Das ist eine enorme Leistung und ein wunderbares Projekt. Es spricht übrigens gerade junge Leute an – schon allein deshalb sollten wir die Verlegung von Stolpersteinen weiter unterstützen.

Es ist ein Kunstprojekt. Und deshalb geht es auch nicht an, dass immer mehr Menschen mitbestimmen wollen, wie die Stolpersteine gestaltet sein sollen.

Dennoch würde ich mich gerne einmal mit Gunter Demnig unterhalten. Denn zwei Entwicklungen seines Projektes kann ich nicht nachvollziehen:

Warum verlegt er seit kurzem auch Steine für Menschen, die überlebt haben? Gewiss, er will alle Verfolgten ehren, und er will weitere Familienangehörige zusammenführen. Doch z. B. einen Stolperstein für meine Großmutter zu verlegen, die die Shoa überlebt hat, käme mir merkwürdig vor. Sie hat doch einen Grabstein mit ihrem Namen! Und Überlebende, die heute noch unter uns weilen – können sie nicht viel besser selbst ihre Geschichte erzählen?

Darüber würde ich gerne einmal mit Gunter Demnig reden.

Ebenso über eine weitere Entwicklung, die mich – das muss ich gestehen – wirklich verstört:

Auf einigen Stolpersteinen verwendet Herr Demnig die Nazi-Terminologie:

„Wehrkraftzersetzer“ steht dort etwa, „Rassenschande“ oder „Gewohnheitsverbrecherin“. Er setzt diese Begriffe in Anführungszeichen. Doch kann man heute noch voraussetzen, dass jeder Passant weiß, was mit „Rassenschande“ eigentlich gemeint war? Was „Wehrkraftzersetzung“ oder „Gewohnheitsverbrecher“ bedeutete?

Und was lösen diese demütigenden Bezeichnungen bei den Angehörigen aus? Sie sind oft tief verletzt.

Der Künstler möchte damit Fragen aufwerfen. Er will zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema motivieren. Auf Kosten der Opfer? Auf Kosten der Hinterbliebenen?

Auch darüber würde ich gerne mit Gunter Demnig sprechen.

Ich wüsste gerne, warum er so unbedingt daran festhalten will. Warum er es riskiert, die hohe Zustimmung zu seinem Projekt zu gefährden. Denn das wäre ganz fatal: Wenn Stolpersteine schließlich wegen dieser Entwicklung abgelehnt würden.

Ich möchte sie weiterhin sehen im Pflaster. Ich möchte über sie stolpern und stehen bleiben und innehalten. Den Namen von Anna Lachmann und Ferdinand Selig lesen, von Ludwig Oppenheim und von Lina Leib.

Tausende Kilometer von hier entfernt wurden sie ermordet. Dank der Stolpersteine sind sie nicht vergessen.