Rede von Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner, anlässlich der Rabbinerordination am 3. November 2014 in Würzburg

Sperrfrist: Montag, 3. November 2014, 14.00 Uhr (MEZ). Es gilt das gesprochene Wort!

Die Ordination eines Rabbiners kann ein isolierter Akt zwischen einem Gelehrten und seinem Schüler sein – ein Moment, in dem der Lehrer seinem Schüler sagt, dass er genügend Wissen, genügend Spiritualität und religiöses Engagement erlangt hat, um Lehrer und Dezisor Israels zu werden – ein privater Moment, so wie ein Muttervogel, der zuschaut, wenn die Küken das Familiennest verlassen und Richtung Himmel zu neuen Horizonten davonfliegen.
Die Smicha wie wir sie heute kennen und wie sie in der jüdischen Welt anerkannt wird, spiegelt einerseits die ursprüngliche Smicha, die Moshe Jehoshua übertragen hat und dann von Generation zu Generation weitergegeben wurde, wider. Während der Römischen Besatzung von Judea fand die Smicha jedoch, unter der Androhung der Todesstrafe, ihren Untergang, nur um tausend Jahre später durch Rabbiner in Europa wieder aufgenommen zu werden als Zeichen dafür, dass eine Person das Recht erworben hat, auch in Anwesenheit ihrer Lehrer unabhängig und selbstständig zu lehren.
Die Ordination, die wir heute hier begehen, ist alles andere als ein privater stiller Moment. Sie ist ein öffentliches Ereignis, welches wichtig für die Jüdische Gemeinschaft Deutschlands und für Deutschland im allgemeinen ist, und zeigt, dass das Judentum in Deutschland nicht nur den brutalsten Angriff der menschlichen Geschichte überlebt hat, sondern soweit gediehen ist, Nachkommen hervorzubringen und so die neue Vitalität der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland belegt. Deutsche Juden sind kein Museumsartefakt oder eine bestimmte seltene Gattung in einem Zoo. Die Vitalität der jüdischen Gemeinschaft hier ist tief verwurzelt in der bedeutenden deutschen jüdischen Tradition des Aschkenaz, mit beiden Beinen in einem modernen demokratischen und wiedervereinigten Deutschland, mit unserem Blick nach Osten gerichtet zur wieder erwachten jüdischen Nation im Lande unserer Vorväter.
Ich möchte mit Ihnen eine Unterhaltung zwischen einem Rabbi und seinem Schüler teilen, die im Babylonischen Talmud (Baba Bathra 130b) aufgezeichnet ist. Es wird nicht erwähnt, wann diese Unterhaltung stattfand, aber es scheint mir, dass es zum Zeitpunkt der Ordination des Schülers durch seinen Lehrer war, als dieser dabei war, sich zu verabschieden. Und Folgendes wurde festgehalten:
Raba sagte zu R. Papa und zu R. Huna, dem Sohn des R. Joshua: „ Wenn Dir eine meiner Rechtsentscheide [in schriftlicher Form] vorgelegt werden, und Du einen Einwand gegen die Entscheidung hast, zerreiße sie nicht, bevor Du nicht mit mir gesprochen hast. Sollte ich einen [stichhaltigen] Grund [für meine Entscheidung] haben, werde ich Dich [darüber] informieren; und falls nicht, werde ich mich zurückziehen. Nach meinem Tod sollst Du sie weder zerreißen noch [irgendein Gesetz] davon ableiten. „Du sollst sie weder zerreißen“, da – wäre ich da gewesen, hätte ich dir möglicherweise die Begründung geben können; „noch [irgendein Gesetz] davon ableiten“ — weil ein Richter nur von dem geleitet werden soll, was seine Augen sehen.
Ich finde, dass dieser Austausch zwischen Lehrer und Schüler den Kern der Übermittlung unserer Tradition von einer Generation zur nächsten trifft und dabei das Geheimnis der Langlebigkeit des rabbinischen Judentums aufdeckt – im Gegensatz zu den fundamentaleren frühen jüdischen Sekten wie zum Beispiel den Sadduzäern und den Karaiten, die im Mülleimer der Geschichte verschwunden sind.
Durch sein Studium und seine Ordination hat der Student das Recht erworben, Fragen zu stellen, eine andere Meinung zu vertreten als sein Lehrer und die Halacha anders als sein Lehrer zu interpretieren. Das Recht Fragen zu stellen und anderer Meinung zu sein geht Hand in Hand mit dem Vorbehalt des Respekts für die Meinungen des Lehrers und der Forderung, zu diskutieren und zu debattieren und sich die Meinung der anderen anzuhören, bevor man eine neue Halacha verkündet. Und nicht zuletzt: ein Richter soll nur von dem geleitet werden, was seine Augen sehen.
Wir werden von den liberaleren Strömungen des Judentums als orthodox bezeichnet. Mir gefällt dieses Wort aus zwei Gründen nicht: [Erstens] es ist kein Hebräisches Wort, [Zweitens] es gehört zu einer anderen Religion. Rabbinisches oder traditionelles Judentum, wie es von Gelehrten genannt wird, gehört in Israel und in Europa zum Mainstream und findet auch in den USA einen schnellen Zuwachs und ist auch die klare Wahl der großen Mehrheit der wiederaufgebauten jüdischen Gemeinden in Deutschland.
Wir sind mit einer doppelten Tradition gesegnet: dem geschriebenen und dem mündlichen Gesetz. Dieses wird ausgelegt durch „die Propheten die in unserer Zeit leben werden“, durch die Rabbiner und Studenten, die in jeder Generation die Torah unserer Väter diskutieren und neu interpretieren. Der Talmud, eine Ansammlung von rabbinischen Debatten und Weisheiten die mehrere Jahrhunderte umfasst, wurde von Heinrich Heine als „Kathedrale auf der das Judentum aufgebaut wurde“, bezeichnet. Er ist der grundlegende Schlüssel zu vielen der Attribute, die unsere Familien und unsere Erziehung jahrtausendlang bestimmt hat. Wenn ein typisches sechsjähriges Kind mit dem folgenden Dilemma konfrontiert wird, bei dem zwei Leute vor Gericht erscheinen, die sich um ein Kleidungsstück streiten und jeder behauptet, der rechtmäßige Eigentürmer zu sein und das Kind in einer solchen Situation als Anwalt, als Richter, als Kläger und als Zeuge denken muss, wird das Eintauchen in das Meer des Talmuds dem Kind als Erwachsener helfen, immer höher zu streben und das Streben nach Weisheit wird ein leicht gangbarer Weg.
Ich glaube, dass die religiöse Tradition sich auf jeden Fall mit allem Neuen um uns herum auseinandersetzen soll, auch wenn es fremd erscheint, darüber diskutieren und davon lernen soll, aber sie sollte nie aufgeben und ein Abbild aller Ismen und Hypes werden, mit der die moderne Kultur und das moderne Leben uns konfrontieren, da sie sonst an Bedeutung verlieren und überflüssig werden würde.
Ihr beiden jungen Männer die heute durch das Hildesheimer Rabbiner Seminar ordiniert werdet, seid die Träger einer 3500 Jahre alten Tradition, die wir am Sinai empfangen haben, aber Ihr lebt im 21. Jahrhundert, und als Lehrer und Hirten Eurer Gemeinden werdet Ihr neue Deutungen und Euren ganz eigenen Weg finden müssen, um das Judentum für Eure Gemeinden bedeutsam zu machen, indem Ihr die Euch von G“tt gegebenen Gaben nutzt.
Ich möchte mit dem Priestersegen schließen:

22 Der Herr sprach zu Moses, 23 „Sag Aaron und seinen Söhnen: ‚So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen:
24. „’Der Herr segne
dich und behüte dich;
25. der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig;
26. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil. ’“
27„So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.“