Grußwort des Oberbürgermeisters von Würzburg, Christian Schuchardt anlässlich der Rabbinerordination am 3. November 2014 in Würzburg

Sperrfrist: Montag, 3. November 2014, 14.00 Uhr (MEZ). Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

Eine Rabbiner-Ordination in der hiesigen Synagoge ist nicht nur für die Israelitische Kultusgemeinde, sondern für ganz Würzburg ein Grund zu großer Freude. Wenn das weltweit anerkannte Berliner Rabbinerseminar unsere Stadt für diese bedeutende Zeremonie auswählt, dann belegt dies das hohe Ansehen, das die hiesige Kultusgemeinde in ganz Deutschland genießt. Und es zeigt, dass jüdisches Leben wieder ein fester und anerkannter Bestandteil des Lebens in unserer Stadt ist.

Die heutige Israelitische Kultusgemeinde steht in einer großen Tradition. Die Existenz einer jüdischen Gemeinde ist in Würzburg bereits für das Jahr 1147 belegt. Im 13. Jahrhundert war unsere Stadt eines der großen Siedlungszentren der Juden in Europa.


Die Würzburger Juden verfügten damals über eine hochorganisierte moderne Gemeindeverwaltung und spielten im wirtschaftlichen Leben der Stadt eine bedeutende Rolle. Als Hochburg jüdischer Gelehrsamkeit genoss ihre Gemeinde in ganz Europa hohes Ansehen.


Eine zweite Blütezeit erlebte das Würzburger Judentum im 19. Jahrhundert. Rabbi Seligmann Bär Bamberger, der weltberühmte „Würzburger Rav“, begründete die als „Würzburger Orthodoxie“ bekannte Religiosität, die erneut eine europaweite Ausstrahlung entfaltete.

Die 1864 gegründete „Israelitische Lehrerbildungsanstalt“ entwickelte sich zu einer der maßgebenden jüdischen Institutionen Deutschlands. Die Absolventen der „ILBA“ waren wegen ihrer fundierten Ausbildung in allen orthodoxen Gemeinden begehrt.

Und am wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben Würzburgs hatten jüdische Bürgerinnen und Bürger bedeutenden Anteil. So war Felix Freudenberger, nach dem heute ein Platz benannt ist, Bürgermeister und Landtagsabgeordneter.

Diese fruchtbare Tradition jüdischen Lebens in unserer Stadt wurde im sogenannten Dritten Reich brutal unterbrochen. Was unseren jüdischen Mitbürgern damals angetan wurde, erfüllt uns mit Trauer und Scham. Umso dankbarer sind wir, dass es heute in Würzburg wieder eine blühende jüdische Gemeinde gibt.

Die im Herbst 1945 neu entstandene Gemeinde ist durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion seit den 1990er-Jahren wieder auf über 1000 Mitglieder angewachsen.


Die Integration der sog. Kontingentflüchtlinge in die Gemeinde und unsere westliche Gesellschaft war eine großartige Leistung der Israelitischen Kultusgemeinde, die seit 2001 auch wieder über einen eigenen Rabbiner verfügt.

Das Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum Shalom Europa, in dem wir uns befinden, wurde im Jahr 2006 eingeweiht. Seitdem hat es sich zu einem wichtigen Ort der Begegnung und des Austauschs entwickelt. Das Museum wird auch von vielen Schulklassen besucht. Die zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen stoßen ebenfalls auf großes Besucherinteresse.

Bereits seit 1962 gibt es in Würzburg auch eine Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Sie hat wesentlichen Anteil daran, dass die Beziehungen zwischen den jüdischen und den nichtjüdischen Bürgern unserer Stadt heute durch einen Geist der Offenheit, des Vertrauens und der gegenseitigen Wertschätzung geprägt sind. Dafür bin ich sehr dankbar.

Die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg ist für unsere Stadt eine große Bereicherung. Dabei zeigt sich auch, wie wichtig ein guter Rabbiner für ein lebendiges Gemeindeleben ist. Deshalb freue ich mich sehr, dass heute gleich zwei Absolventen des Berliner Rabbinerseminars ordiniert werden und schon bald dazu beitragen, jüdisches Leben in Deutschland dauerhaft zu sichern.

Sehr geehrter Rabbi Aminov, sehr geehrter Rabbi Pertsovsky, für Ihre zukünftige Tätigkeit in Bonn bzw. Chemnitz wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute.