14. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2014 | 7. Heshvan 5775

Israels Spiegelbild

Die Bildungsabteilung des Zentralrats veranstaltete ein Seminar zum israelischen Gegenwartsfilm

Von Alice Lanzke

Im Verhältnis zu seiner Größe ist Israel eine Großmacht. Nein, diesmal ist nicht die Stärke der israelischen Streitkräfte oder die Präsenz der israelischen High-Tech-Industrie auf dem Weltmarkt gemeint. Vielmehr geht es um die Filmindustrie. An der Bevölkerungszahl von gerade mal 8,2 Millionen gemessen gehört Israel zu den produktivsten und erfolgreichsten Filmländern der Welt.
Um interessiertem Publikum einen Einblick in die israelische Filmszene zu bieten, veranstaltete die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland im September das Filmseminar „Zwischen Krieg, Alltag und Liebe. Perspektiven des israelischen Gegenwartsfilms“. „Die Filme“, erklärte Professor Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, „bilden eine Einflugschneise, um die israelische Gesellschaft annäherungsweise verstehen zu lernen.“
Fast einhundert Teilnehmer kamen nach Berlin, um bei der dreitägigen Veranstaltung dabei zu sein. Die Themenpalette der präsentierten Leinwandwerke war groß. So etwa zeichnet „Youth“, das Debut des Regisseurs Tom Shoval, ein schonungsloses Bild der israelischen Gesellschaft mit einer Mittelschicht, die von Abstiegsangst befallen ist. In dem Film greifen zwei Brüder zu rabiaten Mitteln, um zu Geld zu kommen. Shoval bedient sich auch bizarrer und bedrohlicher Szenen, um seine Botschaft zu verdeutlichen. „Youth“ gehört zu Filmen, die sich gesellschaftlicher Probleme mit der heutigen Filmsprache annehmen“, sagte in Berlin Noemi Schory. Schory, Leiterin der Filmabteilung des Beit Berl College bei Kfar Saba, führte durch das Seminar.
Gezeigt wurde auch „Bethlehem“ von Yuval Adler – ein Film zum Nahost-Konflikt und damit zu einem relativ häufigen, aber auch wichtigen Thema. Dagegen erzählt die Dokumentation „Schnee von gestern“ die Geschichte dreier Generationen einer jüdischen Familie nach dem Holocaust. „An ihrer Stelle“ wiederum führt die Zuschauer in die Welt der Ultraorthodoxie – ein Thema, das unter israelischen Filmemachern stark an Bedeutung gewinnt.
Neben den Filmen prägten Fachvorträge und vor allem die lebhaften Diskussionen unter den Teilnehmenden das Seminar der Bildungsabteilung. Besonders heftig wurde über „Alles für meinen Vater“ debattiert. Darin will der Araber Tarek aus dem palästinensischen Tulkarm die Ehre seines Vaters wiederherstellen, indem er auf einem Markt in Tel Aviv ein Selbstmordattentat begeht. Doch der Zünder streikt, Tarek muss auf ein Ersatzteil warten und verliebt sich in der Zwischenzeit in eine junge Israelin, während er gleichzeitig Freundschaft mit einem älteren jüdischen Ehepaar schließt. „Furchtbares Kindertheater!“ und „Unlogischer Kitsch“ waren keineswegs die härtesten Urteile der Zuschauer; „kitschiges Märchen“ gehörte noch zu den freundlichsten Bewertungen.
Wie auch immer: Die Themen boten ein Spiegelbild des heutigen Israels. „Sie zeigen, dass der Gesellschaftswandel auch auf der Leinwand angekommen ist“, so Schory dazu. So habe es in den vergangenen Jahrzehnten in Israel eine Bewegung vom „Wir“ zu einer stärkeren Individualisierung gegeben. „Und das merkt man auch den Filmen an: Statt der großen allgemeinen Fragen werden individuelle Probleme und Traumata behandelt“, führte die Filmwissenschaftlerin aus. Mit der Individualisierung gehe auch ein Reifeprozess der Gesellschaft einher: Die Akzeptanz anderer Kulturen wachse, was nicht zuletzt darin Ausdruck finde, dass immer mehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen ihre Geschichten filmisch erzählen wollten. Schory fasste zusammen: „Im israelischen Film werden Fenster aufgemacht und Einblicke in ganz unterschiedliche Milieus erlaubt.“
Groß war nicht nur die Vielfalt der Filme, sondern auch die Bandbreite der Teilnehmer, unter denen sich Studierende des Begabtenförderungswerks ELES genauso befanden wie in Berlin lebende Israelis und ältere Gemeindemitglieder. Ihre verschiedenen Perspektiven machten die Spannung des Seminars aus. „Die unterschiedliche Rezeption durch die Teilnehmenden finde ich faszinierend“, zog Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung, Bilanz. Wegen der überaus positiven Resonanz der Teilnehmenden – viele wollen nach dem Seminar in ihren Gemeinden eigene Filmabende anbieten – will Donath auch in Zukunft Filmseminare konzipieren.