14. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2014 | 7. Heshvan 5775

Die andere Seite des Globus

Jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland pflegten ihre Tradition in Südamerika weiter

Von Liliana Ruth Feierstein

Als Juden nach der Machtergreifung der Nazis versuchten, Europa zu verlassen, war Lateinamerika für sie nicht immer das Ziel erster Wahl. Letztendlich aber nahmen die südamerikanischen Länder Schätzungen zufolge zwischen 90.000 und 100.000 jüdische Flüchtlinge aus Zentraleuropa auf. Der Start ins neue Leben fiel dem Großteil der Emigranten schwer. Die ökonomische Integration war eine vordringliche Aufgabe, die den Neuankömmlingen viel Energie abverlangte.
Indessen wäre es falsch, die jüdische Zuwanderung nur unter dem sozioökonomischen Aspekt zu sehen. Vielmehr bereicherten deutschsprachige Juden auch das jüdische Leben in den neuen Heimatländern. Sie waren entscheidend an der Gründung eines Netzes religiöser, kultureller und sozialer Institutionen beteiligt, verteilt über den gesamten Subkontinent.
Kürzlich fand am Seminario Rabínico Latinoamericano in Buenos Aires ein Symposium über den Beitrag der deutschsprachigen Juden in Südamerika zum jüdischen Leben statt. Ein zentrales Thema war das Erbe der mitteleuropäischen Rabbiner. Nachforschungen im Vorfeld der Tagung ergaben, dass in Lateinamerika mehr als 20 deutschsprachige Rabbiner und Kantoren tätig waren, die in den renommiertesten Einrichtungen für jüdische Studien in Europa studiert hatten. Sie vertraten orthodoxe ebenso wie liberale Auffassungen und haben das lateinamerikanische Judentum tief verändert. Zwar existierten, als die „Jeckes“ ankamen, vor Ort bereits etablierte jüdische Gemeinden. Sie wurden im Cono Sur ("Südkegel", der südliche Teil Südamerikas) hauptsächlich von Juden osteuropäischer Herkunft und zum kleineren Teil von Sefarden gebildet. Allerdings unterschieden sie sich von dem religiösen Leben, das die Emigranten aus Deutschland gewohnt waren. Deswegen gründeten diese ihre eigenen Synagogen, die bis heute bestehen und sowohl in der liberalen als auch in der orthodoxen Ausrichtung einen zentraleuropäischen Akzent beibehalten haben.
Das lässt sich beispielhaft an der Arbeit von Dr. Fritz Leopold Steinthal zeigen. Vor der Emigration war er viele Jahre Rabbiner in Münster gewesen. Mit einer aus den Flammen geretteten Torarolle begründete er 1939 in Buenos Aires die deutschsprachige Gemeinde Benei Tikva. Da er seine Synagoge nach Leo Baeck benennen wollte, wandte er sich 1944 mit dem Anliegen an die Tochter des damals inhaftierten Rabbiners, die im Londoner Exil lebte. In ihrer Antwort schrieb Ruth Berlak-Baeck: „Ich weiß, mit welchem Interesse mein Vater die ersten Versuche der Entstehung ihrer Gemeinde beobachtet hat. Wenn wir aus unseren zerstörten Gemeinden aus in die Welt gegangen sind und in einem Land, das jüdische religiöse Betätigung in unserem Sinne bis dahin nicht gekannt hat, Pflanzstätten errichten, die das Erbe, das wir übernommen haben, fortpflanzen sollen, dann würde auch er, wenn er davon wüsste, es mit freudiger Zuversicht in die Hände von Männern legen, in die er namentlich auf dem Gebiete der Erziehung der kommenden Generationen stets so große Hoffnungen gesetzt hat.“ Mit diesen Worten war zugleich der Auftrag der exilierten Rabbiner umschrieben: die Beständigkeit ihrer Tradition zu wahren und die junge Generation zu erziehen.
Neue „Pflanzstätten“ wurden sowohl von liberalen als auch von orthodoxen Rabbinern errichtet. Dr. Hermann Klein geboren in Ungarn, 20 Jahre lang Rabbiner an der orthodoxen Addas Jisroel in Berlin, gründete 1939 in Buenos Aires die Gemeinde Achdut Israel. Sie ist bis heute eine der wichtigsten orthodoxen Zentren auf dem Subkontinent.
Deutschsprachigen Rabbinern war später auch die Gründung der Ausbildungsstätte Seminario Rabínico mit zu verdanken. Dort wurde 1994 auch die erste lateinamerikanische Rabbinerin ordiniert: Margit Baumatz. Wenn man bedenkt, dass sie 1938 in Breslau geboren wurde, das Jahr in dem die Nationalsozialisten das Jüdisch-Theologische Seminar gewaltsam schlossen, scheint ihre spätere Ordination über den Tod hinaus einen (Lebens-)Kreis zu schließen.
Im interreligiösen Dialog waren Juden aus Deutschland ebenfalls aktiv. Rabbiner Abraham Skorka, Rektor des Rabbinerseminars, betont, dass seine Freundschaft mit dem heutigen Papst Franziskus I. ohne das Engagement seiner Vorgänger im jüdisch-katholischen Dialog in den 50er-Jahren nicht möglich gewesen wäre.
Es waren freilich nicht nur Rabbiner, die die Tradition des deutschen Judentums bewahrten. So wurde auch Dr. Suse Hallenstein gewürdigt. Hallenstein, die ihren Doktortitel in Berlin erlangt und an der Bibliothek der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gearbeitet hatte, kam 1939 nach Buenos Aires. Später leitete sie die Bibliothek des Seminario Rabínico, heute mit über 50.000 Werken die größte Judaistik-Sammlung in Südamerika. Die von deutschen Juden damals eta­blierten Einrichtungen bilden ein festes Fundament, auf dem noch kommende Generationen aufbauen können. Das Symposium war zudem auch der Auftakt zur Gründung des Forschungszentrums „Félix José Weil“. Dort wird dieser Kulturtransfer erforscht und dokumentiert.
Die Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft kam auch auf andere Weise zum Ausdruck: Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschsprachigen Gemeinden in Lateinamerika wurden Zeitzeugen eingeladen, um ihre Erinnerungen zu erzählen. Für die zahlreichen Zuhörer war das eine bewegende Erfahrung. Ein weiteres Zeichen der historischen Kontinuität: An der Organisation der Tagung waren mit den Bibliothekarinnen Irene Münster (University of Maryland) und Rita Fleischer de Saccal (Seminario Rabínico) zwei Töchter deutscher Juden beteiligt. Als Kantor Gabriel Fleischer, Enkelkind von Einwanderern, zum Ende Kompositionen von Schubert und Louis Lewandowski vortrug, flossen im ganzen Saal Tränen voll Kindheitserinnerungen. Bald ist Schabbes: Die geretteten Torarollen werden wieder geöffnet.

Dr. phil. Liliana Ruth Feierstein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Argentinischen Nationalrats für Wissenschaftliche Forschung (CONICET).