14. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2014 | 7. Heshvan 5775

Erfolg

Seit 20 Jahren bietet die Uni Potsdam jüdische Studien an – jetzt denkt man an der Alma Mater über die nächsten Jahrzehnte nach

Von Olaf Glöckner

Zwei Tage bevor Deutschland ein Vierteljahrhundert seit seiner Wiedervereinigung feierte, beschäftigte man sich an der Universität Potsdam mit einem anderen Jahrestag: dem zwanzigjährigen Jubiläum der Jüdischen Studien an der brandenburgischen Alma Mater. Es war nämlich der 1. Oktober 1994 gewesen, als sich erstmals an einer ostdeutschen Uni junge Menschen für ein Studium der Jüdischen Studien einschrieben: Natürlich hing auch das mit der deutschen Einheit zusammen.
Das Unterfangen galt vielen als ein Projekt mit Risiko, wenn nicht sogar als ein bloßer Versuch. Dennoch avancierte die Potsdamer Einrichtung binnen weniger Jahre zum Erfolgsmodell, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Heute vertiefen sich rund 200 Studiosi in Tanach und Talmud, Hebräisch und Jiddisch, Kaschrut und Kishon, Synagogenkunst, antike Mythen und jüdischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Natürlich auch Zionismus, Israel und Nahost. Auslandsaufenthalte an israelischen Unis, aber auch in den USA, Frankreich, England und Italien werden ausdrücklich empfohlen. Praktika führen nach Yad Vashem in Jerusalem, ans Leo Baeck Institut in London oder auch an die Jüdische Universität in St. Petersburg.
Der Erfolg hatte viel mit den günstigen Rahmenbedingungen der 1990er-Jahre, vor allem aber mit harter Arbeit zu tun. Tragende Säulen des Studiengangs waren zunächst der Lehrstuhl für jüdische Religion, geleitet von Professor Karl E. Grözinger, und der Lehrstuhl für deutsch-jüdische Geschichte unter der Leitung von Professor Julius H. Schoeps. Nach und nach schlossen sich auch Pädagogen, Kultur- und Politikwissenschaftler, Soziologen, Philosophen und Slawisten dem Projekt an. „Die Gründungsphase der Jüdischen Studien war ein akademisches Erlebnis ohnegleichen“, erinnert sich Professor Christoph Schulte, der seinerzeit Curriculum und Studienordnung entwickelte und heute als Geschäftsführender Direktor für die Jüdischen Studien fungiert. Der Kreis der Studierenden wurde immer bunter: Juden und Nichtjuden, Religiöse und Atheisten, Deutsche, Amerikaner, Italiener, Spanier und mittlerweile eine spürbar steigende Zahl jüdischer Studenten mit osteuropäischem und israelischem Hintergrund.
Thomas Brechenmacher, Professor für deutsch-jüdische Geschichte und Dekan der Philosophischen Fakultät, schätzt an dem „kleinen Orchideenfach“, dass es sich nicht mit einer Außenseiterposition abfindet, sondern sich immer bemüht, Kenntnisse aus der „Wissenschaft des Judentums“ an angrenzende Disziplinen weiterzuvermitteln. Germanisten entdecken jüdische Motive bei Kafka, Soziologen die Netzwerke der Diaspora, Philosophen die Abhandlungen von Maimonides. Viele Studenten schätzen auch die gemeinsam mit dem Abraham Geiger Kolleg und der 2013 gegründeten „School of Jewish Theology“ angebotenen Kurse und Seminare sowie die Lehrveranstaltungen des seit 1992 in Potsdam ansässigen Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien.
Allerdings hat die Universität nicht vor, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. So beging man den 20. Gründungstag mit einem ganztätigen Workshop, bei dem es – so das Thema – um „Jüdische Studien für das 21. Jahrhundert“ ging. Wie lassen sich jüdische Geschichte, Religion und Kultur durch Wissenschaft besser verstehen und besser verständlich machen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die von zahlreichen Teilnehmern aus dem In- und Ausland besuchte Veranstaltung.
Gastredner wie Dr. Francois Guesnet (University College London), Dr. Cathy Gelbin (University of Manchester) und Professor Vivian Liska (Universität Antwerpen) beglückwünschten die Potsdamer zu ihren Meriten, ließen aber auch wohlmeinende Kritik durchscheinen und unterbreiteten ihre Vorschläge für die Zukunft. Die Jüdischen Studien, so schließlich der Konsens, werden sich bald intensiver als bisher mit sephardischem Judentum, osteuropäisch-jüdischer Geschichte, dem Verhältnis von Literatur und Religion sowie mit den Perspektiven interreligiöser Studien beschäftigen.
Für Studenten hochrelevant war das Podiumsgespräch zum Thema „Gibt es ein Leben nach den Jüdischen Studien?“. Der Bachelor- und der Masterabschluss in diesem Studiengang sichern nämlich kein fest umrissenes Berufsbild, eröffnen aber durchaus Berufsmöglichkeiten, beispielsweise in Museen, Bibliotheken, Verlagen, Zeitungsredaktionen und Archiven. „Das Podiumsgespräch mit Absolventen hat gezeigt, dass sich berufliche Perspektiven vor allem dann eröffnen, wenn man zeitig seine spezifischen Interessen erkennt, Netzwerke aufbaut und sich engagiert“, resümierte Christin Löchner vom Fachschaftsrat Jüdische Studien der UP. Ihre Mitstudentin Anne Weberling ergänzte: „Die Bandbreite und Vielfalt der Jüdischen Studien wurde gut ersichtlich. Es wurde viel nach vorn gedacht, und für uns bleibt das beruhigende, aber auch anspornende Gefühl: Das war’s noch nicht, es gibt noch viel zu tun!“