14. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2014 | 7. Heshvan 5775

Kontinuität im Umbruch

Was Sukkot uns auch heute zu sagen hat / Interview mit Prof. Dr. Yizhak Ahren

Am Abend nach Ausgang von Jom Kippur wird traditionell mit dem Bau der Sukka begonnen. Sukkot, das Laubhüttenfest, erinnert an die 40 Jahre, die die Kinder Israel nach dem Auszug aus Ägypten in der Wüste verbringen mussten. Rein physisch verbrachte die damals im Entstehen begriffene jüdische Nation einen großen Teil der Wüsten-Zeit allerdings nicht auf der Wanderschaft, sondern an ein- und demselben Ort: Kadesch Barnea. Die große Umwälzung, die das Volk erlebte, war innerer Natur: Erst nachdem die Generation des Exo­dus von den Nachgeborenen abgelöst wurde, konnte das Land Kanaan eingenommen werden.
Über die Lehren von Sukkot, das Verhältnis zwischen den Generationen und die Notwendigkeit, eine kontinuierliche Identität auch in Zeiten des Umbruchs zu wahren, sprach die „Zukunft“ mit Professor Yizhak Ahren. Dr. Ahren, Psychologe und Professor der Universität zu Köln, ist zugleich Verfasser zahlreicher Schriften zur jüdischen Religion. In dem Gespräch betont er die Notwendigkeit einer Balance zwischen Alt und Jung sowie zwischen Wandel und Kontinuität. Die Botschaft von Sukkot, so Professor Ahren, habe in den letzten dreieinhalbtausend Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.


Zukunft: Herr Professor Ahren, die Tora berichtet, dass die Kinder Israel 40 Jahre brauchten, um ins Verheißene Land zu kommen. War das der ursprüngliche Plan, als sie Ägypten verlassen hatten?
Prof. Dr. Yizhak Ahren: Nein, Gottes ursprünglicher Plan besagte, dass die Israeliten nach dem Exodus ohne allzu große Umwege nach Kanaan gelangen sollten. Zwar sollten sie dabei die von Philistern besiedelten Gebiete umgehen, sonst aber keine unnötigen Pausen einlegen. Dann aber machte der Vorfall mit den Kundschaftern dieses Ansinnen zunichte. Bekanntlich sandte Moses zwölf Kundschafter aus, damit sie dem Volk von ihrer neuen Heimat erzählen konnten. Eigentlich glaubte er, dass die Spione nur Gutes von dem Land zu sagen hätten. Indessen kamen die meisten von ihnen so verängstigt zurück, dass sie Kanaan für uneinnehmbar erklärten. Ihnen und der Masse des Volkes fehlte das Vertrauen in Gott, der dem Volk Israel das Land versprochen hatte. Daraufhin verfügte Gott, dass die Generation des Exodus erst aussterben müsse, bevor das Volk Kanaan betreten dürfe.
Die Erzählung der Tora bezieht sich vor allem auf das erste Jahr nach dem Auszug aus Ägypten und das letzte Jahr vor der Eroberung des Landes Israel. Tatsächlich aber verbrachten unsere Vorfahren einen großen Teil ihrer Wüsten-Zeit in Kadesch Barnea. Das war die eigentliche Übergangszeit.

Als Strafe für den Kleinmut?
Ja. Aber nicht nur. Die Schwäche des Volkes zeigte, dass die Generation, die in Ägypten in der Sklaverei gelebt hatte, der Aufgabe, das Land einzunehmen, nicht wirklich gewachsen war. Dafür war die nächste Generation nötig, eine Generation, die in der Wüste zwar unter großen Entbehrungen aufwachsen musste, die die Sklaverei und die Mentalität von Sklaven aber nicht kannte.
Das ist ein wichtiger psychologischer Aspekt. Mangelndes Vertrauen in Gott hatten die ehemaligen Sklaven übrigens schon beim Vorfall mit dem Goldenen Kalb gezeigt. Ihnen war Moses, der auf dem Berg Chorew die zehn Gebote empfing, zu lange fort geblieben. Nach 40 Tagen war ihr Vertrauen aufgebraucht, vermochten sie an den abstrakten, unsichtbaren Gott nicht mehr zu glauben. Sie brauchten etwas Konkretes, einen Götzen.

Damit hätte sich die ältere Generation in beiden Fällen kindlich benommen. Sie legte mangelndes Vertrauen in die eigenen Kräfte und ebenso das Bedürfnis nach einem sofortigen und sichtbaren Glaubenserlebnis an den Tag – also mangelnde Fähigkeit zum Warten. Ist das so?
Durchaus. Gleichzeitig fiel der jüngeren Generation die Aufgabe zu, an Gott und in diesem Gottvertrauen an die eigenen Kräfte zu glauben. Sie fühlte sich befähigt, das ihr versprochene Land einzunehmen. Eine solche Umkehr der herkömmlichen Rollen ist für Zeiten des Umbruchs typisch. In unserer Geschichte bleibt ein solcher Rollentausch nicht auf den Auszug aus Ägypten beschränkt. Eine deutliche Parallele findet sich bei der zionistischen Einwanderung nach Israel Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Es waren vor allem junge Menschen, die den Traum von einer Rückkehr in das Land unserer Väter damals in die Tat umsetzten.
Das ist natürlich keine ausschließlich jüdische Eigenschaft, doch haben wir häufiger als andere Völker Umbruchsituationen erlebt. Zumeist, versteht sich, unfreiwillig oder zumindest nicht ganz freiwillig. Man denke nur an die Massenauswanderung aus dem zaristischen Russland nach Übersee – rund zwei Millionen Menschen.
In gewissem Maße gehört auch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland nach dem Mauerfall in diese Kategorie. Die Jungen haben sich sprachlich und kulturell schneller integriert. Kinder helfen ihren Eltern bei Amtsgängen, beim Ausfüllen von Formularen und dergleichen mehr. Das ist natürlich noch lange keine Eroberung des Verheißenen Landes, eine gewisse Umkehr der traditionellen Rollen der Generationen ist es aber schon.

Also gehört die Zukunft der Jugend?
Die Jugend ist meistens eher fähig, sich auf veränderte Umstände einzustellen. Das bedeutet aber nicht, dass die alte Generation in Zeiten des Umbruchs überflüssig wäre. Auch während der Zeit in der Wüste war die ältere Generation nicht verschwunden. Bei allen Mängeln zog sie die Nachgeborenen groß. Diese wuchsen nicht im Vakuum auf. Trotz der mentalen Bruchstelle zwischen den ehemaligen Sklaven und der ersten in der Freiheit geborenen Generation galt es, die Kontinuität des Volkes zu bewahren. Dafür brauchten die Jungen ihre Eltern und Großeltern. Das wusste auch Moses. In seiner letzten Rede an die Kinder Israel mahnte er: „Gedenke der alten Tage, lerne aus den Jahren einer jeden Generation.“ Moses wusste, dass auch den Eroberern des Landes Israel, das er selbst ja nicht mehr betreten würde, eine Schwächung ihres Glaubens und auch ihrer Identität drohte, und er warnte davor. Genauso kam es dann auch.
Das ist eine bis heute gültige Lehre: Das Verhältnis der Generationen muss sorgfältig austariert werden. Die Kontinuität ist auch in Zeiten des Umbruchs zu wahren. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe die unsere bewusste Hinwendung und Mühe verlangt.

Das gilt wohl nicht nur zu Sukkot.
Diese Botschaft gilt nicht nur zu Sukkot und nicht nur in Zeiten von Flucht, Auswanderung und Verfolgung. In einer gewissen Weise befindet sich die Welt in einem ständigen Umbruch, auch wenn Veränderungen sich natürlich nicht immer gleich schnell vollziehen. Es gilt stets, das richtige Verhältnis zwischen den Generationen zu finden, aber auch zwischen dem Wandel auf der einen und einer drohenden Erstarrung auf der anderen Seite. Dazu brauchen wir immer etwas Zeit, so wie unsere Vorfahren die Zeit in der Wüste nicht nur als Strafe empfinden mussten, sondern auch als eine Chance zur Weiterentwicklung durchleben konnten.
Das erinnert übrigens an ein wichtiges Ziel einer psychologischen Behandlung. Psychotherapeuten wollen ihren Klienten helfen, weder in den Strudel unkontrollierbarer Veränderungen, die in eine Art Psychose führen, zu verfallen, noch in die Starre und Unbeweglichkeit einer Neurose. Der Mensch soll nicht zwanghaft handeln müssen, sondern als freies Wesen zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen können. Die Willensfreiheit des Menschen, die ihn in die Lage versetzt, richtige Entscheidungen zu treffen, ist eine der Kernthesen des Judentums.

Welche Bedeutung kommt der Sukka selbst zu, in der wir im Lauf von sieben Tagen Juden zumindest einen Teil unserer Zeit verbringen müssen?
Die Sukka erinnert uns an den Wandel in der Geschichte. Sie lehrt uns, die physische und materielle Sicherheit, die wir im Augenblick genießen, nicht als etwas Selbstverständliches, für immer Gegebenes zu betrachten. Es ist ja keine gemütliche sommerliche Laubhütte, in der wir Schatten, Schutz vor der sengenden Sonne suchen, um uns wohlzuführen. Im Gegenteil, Sukkot fällt in eine Jahreszeit, in der wir nicht mehr so gern draußen sitzen. Selbst in Israel kann es um diese Jahreszeit schon recht kühl werden. Es kann regnen. Das ist zumindest eine leise Andeutung der Bedrängnis. Ich finde, dass uns die Sukka hilft, das Leben in den richtigen Proportionen zu sehen. Sie hilft uns, auf das Unvorhergesehene vorbereitet zu sein. Das ist eine Botschaft dieses Festes, die auch nach 3500 Jahren unverändert aktuell bleibt.