14. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2014 | 7. Heshvan 5775

Ein Zuhause

Die Jüdische Gemeinde Darmstadt bietet ihren Mitgliedern eine breite Palette von Aktivitäten an

Von Barbara Goldberg

„Gemeindearbeit hat bei uns Familientradition“, sagt Daniel Neumann. In der Tat: Während der 40-Jährige, im Hauptberuf Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, ehrenamtlich auch als Geschäftsführer der 650 Seelen zählenden Jüdischen Gemeinde Darmstadt fungiert, ist sein Vater Moritz Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, zugleich ehrenamtlicher Vorsitzender des Gemeindevorstands in Darmstadt. Das und mehr: Daniel Neumanns Großeltern haben nach dem Krieg die jüdische Gemeinde in Fulda mit aufgebaut.
Mit dem Gemeindeleben ist der Geschäftsführer durchaus zufrieden. „Eigentlich“, sagt er, „ist bei uns alles so, wie es sein sollte.“ Und zwar auch ohne Rabbiner, auf den die Darmstädter schon seit einigen Jahren verzichten müssen. Als „Einheitsgemeinde mit orthodoxem Ritus“ lässt sich nach Neumanns Einschätzung die Ausrichtung der Darmstädter Gemeinde am besten charakterisieren. Man vermittele den Mitgliedern die Grundlagen des Judentums und die Vorstellung eines „toratreuen, idealtypischen jüdischen Lebens“. „Wir versuchen, für die Menschen ein jüdisches Zuhause zu schaffen. Und wenn sie die Synagoge nach den Gottesdiensten oder anderen Veranstaltungen mit einem Lächeln verlassen, haben wir das geschafft.“
Dieser Aufgabe nehmen sich neben dem Vorstand und dem Geschäftsführer vor allem der Kantor Yachin Nahmany und Religionslehrerin Aviva Steinitz an. Es gibt in Darmstadt keinen jüdischen Kindergarten, was vor allem an dem großen Einzugsgebiet der Gemeinde über die Landkreise und Städte Viernheim, Dieburg, Starkenburg und den Odenwald bis zur Landesgrenze nach Baden-Württemberg liegt. Und wer wäre schon bereit, sein Kind jeden Morgen 40 oder 50 Kilometer weit in den Kindergarten zu bringen? In der Darmstädter Innenstadt selbst aber leben nicht genügend jüdische Familien.
Mit einem umfangreichen Angebot an Aktivitäten versucht die Gemeinde, dem Nachwuchs dennoch ein intensives Erleben des jüdischen Jahreskreises mit seinen Festen und Feiertagen zu ermöglichen. Alle zwei bis drei Monate finden Familiengottesdienste statt, mit denen vor allem die Kleinen angesprochen werden sollen. Außerdem versucht man, Heranwachsende nach ihrer Bar Mitzwa in die Verantwortung für die Gestaltung der Gottesdienste einzubeziehen. Dank des Engagements der Religionslehrerin, die zugleich den Gemeindechor leitet, wird fast jeder Feiertag durch eine Aufführung der Kinder mit Musik, Tanz, Kostümen und Schauspiel mitgestaltet, begleitet von Chor und Tanzgruppe. Jugendliche können bis zum Schulabschluss den jüdischen Religionsunterricht der Gemeinde besuchen und in diesem Fach ihre Abiturprüfung ablegen. Von diesem Angebot haben in diesem Jahr zehn Oberschüler – so viele wie nie zuvor – Gebrauch gemacht. In Darmstadt finden zusätzlich an manchem Samstagabend Hawdala-Treffen für junge Erwachsene statt. Für Senioren bietet die Gemeinde ebenfalls zahlreiche Aktivitäten an. Unter anderem gibt es einen Schachclub, eine Tanzgruppe, Deutschkurse und PC-Unterricht.
Wie aber bindet man die Gruppe der jüngeren Erwachsenen ein? Ein Problem, vor das sich fast jede jüdische Gemeinde gestellt sieht. Denn meist verschwindet der Nachwuchs mit dem Schulabschluss aus dem Gemeindealltag. „Erst mit der Heirat kommen sie – so G’tt will – wieder“, meint Daniel Neumann, bei dem es ähnlich war. Mit ihren drei Kindern zählen er und seine Frau zu den aktiven Gemeindemitgliedern.
2013 konnte die Darmstädter Synagoge ihr 25-jähriges Bestehen feiern: Sie war am 9. November 1988, genau 50 Jahre nach der „Reichskristallnacht“, eingeweiht worden. Bei den Feierlichkeiten anlässlich des Jubiläums im vergangenen Jahr bezeichnete Darmstadts Oberbürgermeister den freundlichen, lichten Bau in der Wilhelm-Glässing-Straße als „Zeichen des Glaubens, der Versöhnung und der Zuversicht“.
Die Gemeinde verfügt, in Kooperation mit dem Landesverband, über eine Chewra Kadischa, die auch die Nachbargemeinden betreut. Und es gibt in Darmstadt ein kleines jüdisches Museum, dessen Innenleben vor kurzem komplett erneuert und in ein zeitgemäßes optisches und pädagogisches Gewand gekleidet wurde. Herzstück wird demnächst ein multimedialer Tisch sein mit Video- und Audioclips, mit deren Hilfe ein Teil der Exponate aus Vitrinen, Regalen und Bucheinbänden befreit und, zumindest virtuell, zum Leben erweckt wird.
Fehlt also wirklich nur noch ein Rabbiner? „Es funktioniert bei uns erstaunlich gut auch ohne ihn“, meint Neumann. Langfristig wünsche er sich aber doch ein geistliches Oberhaupt, das mit halachischem Sachverstand an Fragen aller Art herangehe und den Mitgliedern ein tieferes Verständnis der heiligen Schriften vermittle. Noch dauert die Suche nach einem geeigneten Kandidaten aber an.