14. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2014 | 2. Tischri 5775

Chronist mit Kamera

Bilder des berühmten jüdischen Fotografen Roman Vishniac sind jetzt im Internet aufrufbar

Roman Vishniac war ein berühmter Fotograf. Vor allem seine Fotos, die das Leben osteuropäischer Juden vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren, halfen seinen weltweiten Ruf zu begründen. Allerdings griff der geniale Chronist mit seiner Kamera im Laufe der Jahrzehnte – konkret: seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – auch andere Motive auf. Seine Fotos wurden in mehreren Büchern veröffentlicht und dienten zudem zur Illustration des Buches „Eine Kindheit in Warschau“, so der Titel der deutschen Übersetzung, von Jitzchok (Isaac) Bashevis Singer.
Und doch sind die bisher veröffentlichten Bilder nur Ausschnitte von Vish­niacs Arbeit. Jetzt aber wird sein umfangreiches Werk im Zeichen des elektronischen Zeitalters für jedermann verfügbar: Im August hat das New Yorker International Center of Photography (ICP) rund 10.000 Bilder Roman Vishniacs ins Internet gestellt. Das digitalisierte Archiv bietet faszinierende Einblicke in die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts, dokumentiert aber auch das Berlin der Vorkriegszeit. Die Fotos Vishniacs zeichnen zugleich dessen eigenen Werdegang und Leben nach.
Roman Vishniac wurde 1897 in Pawlowsk bei Sankt Petersburg geboren und wuchs in Moskau auf. 1920 siedelte er – von klein auf ein begeisterter Fotograf – nach Berlin über. Seine Familie war bereits vorher in die deutsche Hauptstadt gezogen.
In Wilmersdorf richtete er ein Fotografie-Studio ein und spezialisierte sich auf die Straßenfotografie, ohne aber seine Arbeit im Bereich der mi­kroskopischen Aufnahmen aufzugeben. Aus dieser ersten Zeit stammen noch unbeschwerte Szenen aus Berlin, etwa das Bild einer Dame, die ihren widerspenstigen Hund an der Leine hinter sich herzieht. Nach der Machtergreifung durch die Nazis dokumentierte der jüdische Fotograf die Nazifizierung Berlins, auch in scheinbar banalen Szenen: eine Mutter schiebt den Kinderwagen über die Straße; Berliner Kinder spielen ausgelassen mitten auf der Fahrbahn. Nur: Im Hintergrund ist jeweils eine Hakenkreuzfahne zu sehen, die ein eifriger Ladenbesitzer oder ein Mieter an der Hausfassade angebracht hat. Vishniac selbst wurde als Jude mit einem Berufsverbot belegt, fotografierte aber dennoch weiter.
In den Jahren 1935 bis 1938 bereiste er im Auftrag der jüdisch-amerikanischen Wohlfahrtsorganisation JDC (Joint) jüdische Gemeinden in Osteuropa und bannte das materiell karge, geistig aber reiche Leben osteuropäischer Juden auf Zelluloid. Ein jüdisches Mädchen in Warschau, dessen Familie zu arm war, um im Winter zu heizen, sodass es die kalte Jahreszeit zumeist unter den Decken im Bett verbringen musste. Jüdische Straßenhändler, die sich mehr schlecht als recht über Wasser zu halten versuchten. Ein Jeschiwa-Student bürstete vor Vishniaks Linse seine Alltagsjacke für den Schabbat, für eine besondere Jacke, die er nur am heiligen Tag der Woche hätte tragen können, fehlte offenbar das Geld.
Vishniac fotografierte aber auch Rabbiner und jüdische Jungen, die im Chejder mit ihrem Lehrer die Tora studierten. Ein Bücherschrank im Lehrhaus, der Hof einer Synagoge – auch das waren seine Motive. Wunderschöne Porträts von Erwachsenen wie von Kindern, die Vishniac aufnahm – die Gesichter oft traurig, seltener freudig, im Tora-Studium aber wissbegierig – haben bis heute nichts von ihrer Wirkung auf den Zuschauer verloren. Nach der Schoa blieben die Bilder das fotografische Denkmal einer untergegangenen Welt.
Vishniac selbst konnte sich im letzten Augenblick retten. Am Neujahrstag 1941 kam er per Schiff aus Lissabon in New York an. In der Metropole am Hudson konnte er sich als erfolgreicher Fotograf etablieren. Er nahm zahlreiche Szenen aus dem jüdischen Leben auf, fotografierte aber auch prominente Zeitgenossen, darunter Albert Einstein. Seine Bilder wurden ausgestellt und als Bücher veröffentlicht. Auch in der neuen Welt blieb er der wissenschaftlichen Fotografie treu und veröffentlichte ein Buch zur Fotomikroskopie. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg reiste er aber nach Europa zurück und dokumentierte unter anderem das Leben der Überlebenden in DP-Lagern.
Vishniac starb als 92-Jähriger im Jahr 1990, sein Werk aber blieb auch über seinen Tod hinaus bekannt, nicht zuletzt dank seiner Tochter Mara Vish­niac Kohn, die die Nachlassverwaltung übernahm. 2005 stellte das Jüdische Museum Berlin Vishniacs Berliner Vorkriegsfotos aus. 2007 gründete das International Center of Photography in Zusammenarbeit mit dem United States Holocaust Memorial Museum ein Roman-Vishniac-Archiv. Fünf Jahre später wurde die Digitalisierung von Vishniacs Gesamtwerk abgeschlossen. Im August dieses Jahres wurden die Fotos in den Internetauftritt des ICP eingebunden (http://vishniac.icp.org). Dort sind sie für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Zugleich wandte sich das ICP an virtuelle Besucher mit einer Bitte: Wer auf den Fotos abgebildete Personen identifizieren kann, wird gebeten, die Kuratoren zu benachrichtigen.

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