14. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2014 | 2. Tischri 5775

Eine verwirrende Begegnung

Wie Juden in der deutsch-kaiserlichen Armee die jüdische Welt Osteuropas im Ersten Weltkrieg erlebten

Von Carsten Dippel

Zu den prägenden Merkmalen des Ersten Weltkriegs gehörte der sogenannte Stellungskrieg: Entlang der Front saßen Soldaten der feindlichen Armeen einander in endlos langen Schützengräben gegenüber und versuchten den Gegner zu zermürben. Indessen gab es im Ersten Weltkrieg durchaus auch den Kampf aus der Bewegung heraus. So konnte die deutsche Armee 1915 an der Ostfront tief ins Feindesland vordringen und Gebiete in Polen, im Baltikum, in Weißrussland und in der Ukraine erobern. Dadurch gerieten auch Millionen osteuropäische Juden unter deutsche Besatzung. Die Begegnung mit ihren osteuropäischen Glaubensbrüdern wurde für viele jüdische Soldaten der deutsch-kaiserlichen Streitkräfte zu einem Schlüsselerlebnis.
Mit Mitleid und Schrecken erlebten viele deutsche Juden an der Ostfront die Not und das Elend, die Juden in Osteuropa – bereits vor dem Krieg nicht gerade eine privilegierte Bevölkerungsgruppe – durch die Kriegshandlungen zu erleiden hatten. Aron Tänzer, ein Rabbiner aus Göppingen, der freiwillig in den Krieg gezogen war und als Feld­rabbiner einen großen Teil des Krieges im Osten verbrachte, war durch das sich ihm in Brest-Litowsk im Jahr 1915 bietende Bild zutiefst schockiert. In seinen Aufzeichnungen notierte er: „Zusammengesunkene Häuserleichen, (...) ein Anblick, der wahnsinnig machen könnte. (...) Und eine Spezialität dieses ungeheuren Trümmermeeres bilden die allenthalben herumliegenden Bücher und Blätter. (...) Welches man dann auch aufheben mag, fast immer zeigt es hebräischen Druck.“
Bei jüdischen Soldaten aus Deutschland stand Russland wegen des im Zarenreich wütenden Antisemitismus in schlechtem Ruf. Da lag es nahe, dass manch ein jüdischer Soldat im Feldzug gegen Russland einen Befreiungskrieg sah. „Er bekämpft im Russenheere nicht nur den Feind des Deutschtums, sondern auch des Judentums. Und zwar den grausamsten, rohesten, den das Judentum jemals gehabt hat.“ So drückte es Aron Tänzer aus.
Die deutsche Armeeführung hat diese Erwartung zunächst geschürt. So wurden jüdische Organisationen in den Plan zur Gewinnung der ortsansässigen Bevölkerung eingebunden. Bereits vor dem Krieg hatten deutsche Zionisten ein „Komitee zur Befreiung der russischen Juden“ gegründet. In einer Denkschrift forderte es eine erfolgreiche Durchsetzung des „Deutschtums in der Ostmark“ und setzte dabei auf die jüdische Bevölkerung als Träger der deutschen Kultur. Die Oberste Heeresleitung nahm das wohlwollend zu Kenntnis, seien die Juden dort doch die einzigen, denen man trauen könne.
Gleichzeitig wurde die Begegnung mit der Stettl-Welt im Osten für jüdische Soldaten aus Deutschland zu einer zwiespältigen Erfahrung. Sie trafen auf ihre Glaubensbrüder, doch es war eine fremde Welt, der sie mit einer Mischung aus Faszination, Mitleid und Abscheu entgegenblickten. Der Schriftsteller Arnold Zweig war als junger Soldat in Wilna stationiert, zugeordnet dem Pressedienst des Hauptquartiers Ober Ost. Jahre später zeigte sich Zweig in der jüdischen Kulturzeitschrift Menorah beeindruckt vom „wilden und großartigen“ Wilna mit seiner „verwirrenden und erregenden Altstadt“. Präsentiert hatte sich ihm das Gesicht einer Vielvölkerstadt, das neben Polen, Litauern und Weißrussen vor allem von Juden geprägt wurde. Doch sah auch Zweig das Elend und die Not. Später würde sich Zweig in seinen Werken mit dem Erlebten auseinandersetzen. Auch ein anderer jüdischer Schriftsteller, José Orabuena, ursprünglich Hans Sochaczewer, griff in seinem Werk „Groß ist deine Treue – Roman des jüdischen Wilna“ das ostjüdische Motiv auf.
Vielfach gab es jüdisches Engagement. So gründete etwa der deutsche Feldrabbiner Leopold Rosenack 1916 im litauischen Kowna eine Volksküche. Später half er beim Aufbau einer Talmudschule und eines Gymnasiums. Die Oberste Heeresleitung billigte die Arbeit Rosenacks. Man gestand den Juden anfangs eine freie Entfaltung des kulturellen Lebens zu.
Allerdings änderte sich die anfänglich positive Haltung der deutschen Heeresleitung gegenüber den Juden im Osten schon bald. Mit der Schaffung des Generalgouvernements rund um Warschau und einer Militärverwaltung im sogenannten Obergebiet Ost – das nordöstliche Polen, Kurland und einige Gebiete Weißrusslands – schufen die Deutschen ein mitunter brutales Besatzungsregime. Es zielte darauf, alle Ressourcen des Landes für die deutschen Kriegsziele zu nutzen. Dazu zählten auch umfangreiche Requirierungsmaßnahmen, von denen Juden besonders betroffen waren, da sie viele Handwerker und Kleinhändler stellten, aber auch ganze Fabriken den Deutschen überlassen mussten. Juden wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet, etwa zum Straßenbau. Bei den Rekrutierungen gingen die Besatzer rigoros vor. Da wurden Synagogen beschlagnahmt oder Juden am Schabbat gezwungen, die Straße zu reinigen.
Von den drakonischen Maßnahmen berichteten bald auch jüdische Soldaten, wie etwa Sammy Gronemann, der als Dolmetscher im Gebiet Ober Ost eingesetzt war, in seinen Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1915–1918. Die Ernährung in den Zwangsarbeitslagern war extrem schlecht, die medizinische Versorgung kaum vorhanden. Julius Berger, Leiter der jüdischen Abteilung bei der deutschen Arbeiterzentrale in Warschau, beschrieb die unmenschlichen Zustände: „Wenn jemand sich beklagte, dass er krank sei, bekam er statt Arznei Prügel.“ In der Art und Weise, wie sich die Besatzer dabei aufführten, traten offen antisemitische Vorurteile zutage. Arnold Zweig musste den Antisemitismus unter den Offizieren erleben, unter denen bereits die Idee zur Vernichtung gedieh. Es hieß, am besten solle man die Juden in Boote setzen und in der Ostsee versenken. Das Vorgehen der deutschen Besatzer warf bereits im ersten großen Krieg düstre Schatten auf das, was nach 1939 kommen sollte.