14. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2014 | 2. Tischri 5775

An der Quelle

Das Abraham Geiger Kolleg feierte Rabbiner- und Kantorenordination in Breslau

Von Heinz-Peter Katlewski

Am 2. September feierte das Abraham Geiger Kolleg seine sechste Rabbinerordination seit 2006. Zugleich wurden bereits zum dritten Mal Kantoren in ihr Amt eingeführt. Allerdings fand das Ereignis zum ersten Mal außerhalb der Grenzen Deutschlands statt – und zwar im polnischen Breslau.
In der restaurierten historischen Synagoge „Zum weißen Storch“ überreichte der Präsident des Rabbiner- und Kantorenseminars, Rabbiner Dr. Walter Jacob, den drei Rabbinern, einer Rabbinerin, zwei Kantorinnen und einem Kantor im Rahmen eines festlichen Ordinationsgottesdienstes ihre Abschlussdiplome und gab ihnen den Segen für ihre künftigen Aufgaben in den jüdischen Gemeinden. Für den Zentralrat der Juden in Deutschland nahmen an dem Ereignis Präsidiumsmitglied Mark Dainow und, als Vertreter des Direktoriums, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Prof. Dr. Reinhard Schramm, teil.
Im damals deutschen Breslau wurde 1854 das Jüdisch-Theologische Seminar gegründet (siehe Zukunft 9/2013). Der frühere Breslauer Gemeinderabbiner Abraham Geiger (1810–1874) hatte diesen ersten Schritt zu einem von ihm geforderten universitären Studium für Rabbiner forciert. Er wirkte von 1838 bis 1863 als Gemeinderabbiner in der Stadt, davon 20 Jahre als Oberrabbiner. Grund genug für das Potsdamer Kolleg, im Gedenken an den vor 140 Jahren verstorbenen Geiger und das vor 160 Jahren gegründete Seminar die Ordinationsfeier im heutigen Wroclaw durchzuführen.
Die polnische Seite reagierte zunächst verwundert, war schließlich aber doch angetan von der Idee, und das Projekt bekam von deutscher wie polnischer Seite höchste Weihen. Der Rektor des Kollegs, Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka, konnte neben Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier den polnischen Staatssekretär Stanislaw Huskowski zum Festgottesdienst begrüßen. Außerdem waren hochrangige Repräsentanten der jüdischen Gemeinden Polens und Deutschlands anwesend, darunter der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Dr. h. c. Henry G. Brandt, und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h. c. Charlotte Knobloch, sowie hohe Amtsträger polnischer Kirchen. Der große Saal war randvoll gefüllt, das Publikum neugierig und voller Erwartung.
Die Grußworte zur Ordination würdigten nicht nur die herausragende Bedeutung Breslaus für die deutsch-jüdische Geschichte. Die Redner erinnerten ebenso an den deutschen Überfall auf Polen vor 75 Jahren und den Beginn des Zweiten Weltkrieges, betonten aber auch die neue deutsch-polnische Freundschaft und die Bedeutung des interreligiösen Dialogs.
Steinmeier erwähnte in seiner Rede den Begründer der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle (1825–1864). Dieser ist auf dem jüdischen Friedhof in Breslau begraben. Huskowski hob die symbolische Bedeutung hervor, die die Ordination in der wiedererstandenen Synagoge „Zum weißen Storch“ habe, die einst von den Nazis zerstört worden sei. Sie ist heute auch ein jüdisches Kulturzentrum.
Mit dem Grußwort des Zentralrats überraschte Professor Dr. Reinhard Schramm das Auditorium, weil er es in fließendem Polnisch vortrug. Er würdigte die Bedeutung der Solidarnosc-Bewegung und des polnischen Papstes Johannes Paul II. für den neuen europäischen Geist, der die Ordinationsfeier eines deutschen Rabbinerseminars in Polen überhaupt erst möglich gemacht habe. Ferner wies er darauf hin, dass ein Zeitgenosse Abraham Geigers, der Direktor des Warschauer Rabbinerseminars Antoni Eisenbaum (1791–1852), das Judentum in Polen in ähnlicher Weise zu reformieren gedacht hatte, wie es Geiger in Deutschland anstrebt hatte.
Der Vorsitzende der Jüdischen Religionsgemeinden in Polen, Piotr Kadlcik, brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass künftig einige Absolventen des Abraham Geiger Kollegs auch in Polen tätig werden. Einen Studenten aus Breslau hat das Rabbinerseminar schon. Ein weiterer Studierender aus Polen werde demnächst hinzukommen, wusste Rabbiner Dr. Jacob zu berichten.
Von den nun ins Amt berufenen Rabbinern wird nur Nils Ederberg in Berlin bleiben. Er wird an der Universität Potsdam unterrichten. Jonas Jacquelin wird in Paris tätig, während die Israelin Julia Margolis eine Stelle an einer Reformsynagoge in Johannesburg erhalten hat und Fabian Sborovsky mit einer Gemeinde im Ausland in Verhandlungen steht. Von den Kantoren bleiben der aus Sibirien stammende Alexander Zakharenko und die Israelin Aviv Weinberg in Deutschland. Zakharenko wird Kantor der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, während Aviv Weinberg noch in Vertragsverhandlungen ist. Die in Moskau und Berlin aufgewachsene Sofia Falkovitch wird die erste Kantorin der Luxemburger jüdischen Gemeinde in Esch-sur-Alzette.