14. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2014 | 2. Tischri 5775

Solidarität und Hoffnung

In Berlin folgten Tausende dem Aufruf „Steh auf! Nie wieder Judenhass“

Von Olaf Glöckner

Dieser 14. September 2014 war ein wichtiger Tag für alle. In seltener Einmütigkeit rückten 8000 Juden und Nichtjuden, Berliner und Auswärtige auf der vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisierten Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ am Brandenburger Tor zusammen. Sie schwenkten deutsche und israelische Fahnen, trugen Transparente mit „Schalom und Frieden“, „Der Judenhass bedroht uns alle!“ und „Wachsam gegen Menschenfeindlichkeit“. Aus verschiedensten Orten der Bundesrepublik waren die Menschen angereist. Auch jüdische Gemeinden hatten Busse in die Hauptstadt organisiert. Viele der auswärtigen Teilnehmer nahmen lange Reisen auf sich. Busse waren bis zu 14 Stunden auf der Hin- und Rückreise unterwegs.
Gründe für die ungewöhnliche Manifestation, an der auch die Spitzen der deutschen Politik und der Kirchen teilnahmen, gab es genug: Wochenlang hatte sich im Sommer antijüdische Hetze auf deutschen Straßen entladen. Die Meldungen von Überfällen auf Kippa-Träger, von Anschlägen auf Synagogen wie in Gelsenkirchen und Wuppertal, Mordaufrufen, Graffiti-Hetzparolen im Nazi-Jargon und offener Gewalt häuften sich in beängstigender Weise. Sicher, die Täter waren eine Minderheit, doch trafen sie auf wenig Widerstand oder durften sich sogar stiller Sympathien sicher sein.
Dass der Zentralrat selbst diese Kundgebung initiieren musste, wurde zu Recht kritisiert. An diesem Sonntagnachmittag aber bestimmten couragierte Menschen das Bild. Auf dem Pariser Platz und entlang der Straße des 17. Juni drängten sich Jung und Alt trotz eines trüben Regenhimmels. „Nun sind ja doch sehr viele Menschen gekommen“, freute sich Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann, „und das gibt uns das Gefühl, eben doch nicht allein dazustehen.“ Dann aber brachte Graumann die Probleme rasch auf den Punkt. „Wir haben in diesen Wochen wahrlich kein Sommermärchen erlebt“, sagte er. „Synagogen sind angegriffen, jüdische Menschen sind bedroht worden.“
Die Öffentlichkeit hat sich lange schwer getan, die Welle der Judenfeindschaft zu erkennen und wahrzunehmen. Es gab und gibt aber auch andere Stimmen, unter anderem von den beiden Großkirchen. „In den letzten Wochen haben wir die schlimmsten antisemitischen Slogans auf deutschen Straßen seit der Nazi-Zeit gehört“, erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, „und dagegen stehen wir auf!“ Schneider geißelte den Antisemitismus als „Sünde gegen den Heiligen Geist“ und als „Gotteslästerung“. Ähnlich formulierte es Kardinal Dr. Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz: „Wer im Namen Gottes Hass predigt, der missbraucht den Namen Gottes“, und er fügte hinzu: „Christen, Juden und Muslime müssen sich gemeinsam klarmachen, dass Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit einen direkten Angriff auf Gott bedeuten.“ Schließlich erklärte der Kardinal: „Die christlich-jüdische Geschichte war bisher sehr wechselhaft, aber jetzt sind wir Freunde. Für immer.“
Ganz besonderen Applaus erntete Bundeskanzlerin Angela Merkel, die keinen Augenblick gezögert hatte, der Einladung zur Kundgebung zu folgen. Wie so häufig in kritischen Situationen, fand sie persönliche und aufmunternde Worte: „Jüdisches Leben in Deutschland gehört zu uns, und es ist ein Teil unserer Identität. Dass Juden heute wieder angepöbelt und angegriffen werden, ist ein Skandal, den ich nicht hinnehme. Und das nehmen wir alle nicht hin, die wir heute hierhergekommen sind.“
Neben der Kanzlerin hatten sich weitere Kabinettsmitglieder auf den Weg zum Brandenburger Tor gemacht. Sämtliche demokratische Parteien schickten Repräsentanten. Bundespräsident Joachim Gauck war als Ehrengast dabei.
Aus Übersee angereist, fand auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, freundschaftliche, aber auch kritische Worte an die deutsche Gesellschaft. Lauder, dessen Familie vor langer Zeit auch Vorfahren in Mainz hatte, beschrieb die Bundesrepublik als ein Land, auf das die Welt heute schaue, „wenn sie nach politischer, wirtschaftlicher und auch moralischer Führung sucht“. Doch der angestiegene Antisemitismus habe nun einen Schatten auf die Fortschritte der vergangenen 70 Jahre geworfen. Lauders Botschaft an diesem Tag: „Alle, Juden und Nichtjuden, sollen stark und einig sein, als ein Volk zusammenstehen.“
Noch lange nach Ende der Veranstaltung wurde unter freiem Himmel weiter über Strategien gegen den neuen Judenhass diskutiert. „Ich bin als Christin hierhergekommen“, unterstrich Marion Philipp aus Berlin. „Ich halte die jüngsten antijüdischen Erscheinungen einfach für unerträglich. Die Kundgebung hat mir aber gezeigt, dass dies doch sehr viele Menschen bewegt.“ Claudia Schottlander, die selbst als Jüdin in Berlin lebt, hatte Sohn Leon und Tochter Liorah mit zum Brandenburger Tor gebracht. „Es ist schön zu sehen, dass viele diese jüngsten Entwicklungen nicht einfach so hinnehmen“, sagte sie.
Ole Sörud aus Dänemark meinte: „Es ist doch ganz klar, wir alle müssen jetzt zusammenstehen.“ Martin Emanuel Buchholz von der Berliner Linksjugend sprach vom Gaza-Konflikt als einer unglaublich komplizierten Auseinandersetzung. „Ich möchte mich da nicht einseitig positionieren, aber wenn der Konflikt für antisemitische Zwecke missbraucht wird, dann finde ich das schrecklich.“ Damit sprach er wohl auch dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit aus dem Herzen, der auf der Kundgebung klargemacht hatte: „Wir werden nicht zulassen, dass dieses Gift unsere Gesellschaft durchzieht.“