Rede von Ronald S. Lauder Präsident des World Jewish Congress

(Deutsche Übersetzung) ES GILT DAS GESPROCHENE WORT! SPERRFRIST: 14. SEPTEMBER 2014, 15:00 Uhr MESZ

Die letzten 70 Jahre haben Juden und Deutsche friedlich zusammengelebt.
So wie es mit Deutschland bergauf ging, ging es auch für die Juden hier bergauf.
Juden sind wieder ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden. Wir sind wieder Nachbarn, ja Freunde.

Wir teilen die gleichen Grundwerte.
Vor 600 Jahre her lebten Vorfahren von mir in Mainz.

Ich erinnere mich noch, wie ich als junger Mann in den frühen sechziger Jahren zur Synagoge ging, um Blumen niederzulegen zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Ich erinnere mich, wie auch nichtjüdische Deutsche vorbei kamen, um das Gleiche zu tun. Sie brachten Blumen, um damit zu sagen: Wir erinnern uns an die Schrecken, und wir wollen, dass dies niemals wieder geschieht.

Seit 1945 ist Deutschland eines der verantwortungsvollsten Länder in der Welt. Heute schaut die Welt nach Deutschland, wenn sie nach politischer, wirtschaftlicher und auch moralischer Führung sucht.

Und doch, etwas hat sich verändert. Der ansteigende Antisemitismus hat einen Schatten geworfen auf die Fortschritte, die in den letzten 70 Jahren erreicht wurden.
Es gibt Länder, in denen man so etwas erwarten konnte, aber hier in Deutschland konnte man es nicht erwarten.
Es gibt Länder, wo sich Juden nicht öffentlich als solche zeigen können, sondern ihr Judentum verstecken müssen, aber nicht hier in Deutschland.

Es gibt sogar Länder, deren Regierungen den Judenhass schüren, aber ganz gewiss nicht hier Deutschland.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Deutschland die Wiedergeburt jüdischen Lebens unterstützt, und seit den Zeiten von Konrad Adenauer ist Deutschland ein enger Verbündeter und Freund Israels.

Warum also wird diese Erfolgsgeschichte nun durch mittelalterlich anmutenden Judenhass wieder in Frage gestellt?

Ich glaube, dafür gibt es drei Gründe:

Erstens: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, geht bei vielen Leuten die Angst um, und sie suchen nach Sündenböcken. In der Geschichte war es oft so, dass die Juden die Sündenböcke waren.
Zweitens erleben wir, wie übelste antisemitische Propaganda aus dem Nahen Osten auch hier nach Europa überschwappt. Man findet sie im Internet, und sie nistet sich mehr und mehr im Denken vieler Leute ein.
Und drittens gibt es Agitatoren, die gezielt Falschinformationen, ja Lügen verbreiten und zum Judenhass aufstacheln.

Lassen wir diese Scharlatane nicht 70 Jahre guter Arbeit einfach zunichte machen.

Wir wissen doch alle nur zu gut, wie schnell es gehen kann, dass aus einer Gruppe, die Hass predigt, eine große Bewegung wird.
Und am Ende haben es diese Leute nicht nur auf die Juden abgesehen, sondern auf die ganze freiheitliche Welt.

Lassen Sie uns zusammenstehen. Lassen Sie uns einig sein und stark.

Und lassen Sie uns klar machen, dass diese Form der Intoleranz keinen Platz hat in Deutschland, und auch nirgendwo sonst.

Die Tatsache, dass Sie alle, Herr Bundespräsident, Frau Bundeskanzlerin, Herr Regierender Bürgermeister, und die Führer der Kirchen, die heute hier sind, zeigt der Welt, dass wir zusammenstehen.

Und das ist unsere Botschaft: Niemals werden wir Judenhass akzeptieren, weder in Deutschland noch anderswo. Wir können es nicht akzeptieren, dass unsere Kinder aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit in Furcht leben.

Das muss die Botschaft dieses Tages sein: Alle, Juden und Nichtjuden, stehen als ein Volk zusammen. Wir stehen gemeinsam gegen Intoleranz, gegen Fanatismus, gegen Antisemitismus.
Vielen Dank, dass Sie alle gekommen sind!