14. Jahrgang Nr. 8 / 29. August 2014 | 3. Elul 5774

Stimmen des Glaubens

Die Kantorenausbildung in Deutschland hat sich fest etabliert, doch ist der Bedarf noch immer nicht gedeckt

Von Alice Lanzke

Wenn der Kantor in der Syna­goge die Stimme erhebt, bekommt das gemeinsame Gebet eine ganz besondere Atmosphäre, die viele Besucher den Gottesdienst intensiver erleben lässt. Den Wert eines guten Kantors erkennt man auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Deshalb bildet die jüdische Gemeinschaft hierzulande auch Kantoren aus. 2008 ist die Kantorenausbildung des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam angelaufen. Im vergangenen Jahr öffnete das Leipziger Institut für Traditionelle Jüdische Liturgie des Rabbinerseminars zu Berlin seine Pforten. Das sind wichtige Meilensteine in der Entwicklung des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik.
Das Aufgabengebiet eines Kantors umfasst allerdings viel mehr als musikalisches Vorbeten, wie Professor Jascha Nemtsov, akademischer Studienleiter des Kantorenseminars des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam, betont. Nemtsov führt aus: „Unsere Kantorenabsolventen können die ganze Palette von Tätigkeiten abdecken, die in einer Gemeinde notwendig sind: von der Jugendarbeit über die Seelsorge bis hin zur Organisation von Kulturveranstaltungen.“ Wichtig ist Nemtsov dabei, dass in der Ausbildung ein breites Spektrum vermittelt wird: von orthodox bis liberal.
Derzeit hat das Seminar acht Studenten, die innerhalb von vier Jahren nicht nur musikalisch intensiv und individuell in unterschiedlichen Traditionen geschult werden, sondern auch Fächer wie Hebräisch, Religionspädagogik und Jüdische Liturgie belegen. Renommierte Pädagogen aus den USA und Israel unterrichten zusätzlich per Skype-Video. Hinzu kommen umfangreiche Praktika in allen Arten von Gottesdiensten und bei anderen kantoralen Tätigkeiten in verschiedenen Gemeinden.
Zunächst muss allerdings die Aufnahmeprüfung bestanden werden. Dazu gehören neben dem Vorsingen mehrere Interviews mit Rabbinern, Kantoren, Psychologen und Universitätsdozenten. Bei der Auswahl, so Nemtsov, werde sehr auf die Qualität der Bewerber geachtet. Damit sei allerdings nicht nur deren musikalisches Können gemeint, auch wenn viele von ihnen ausgebildete Sänger seien. Auch die Integration ins jüdische Leben und die zwischenmenschlichen Fähigkeiten seien sehr wichtig. Hinzu kämen die akademischen Fähigkeiten der Bewerber und ihre Führungsqualitäten – wichtig für die spätere Berufsausübung. Da die Ausbildung ein Studiengang der Universität Potsdam ist, müssen auch die Voraussetzungen für ein deutsches Hochschulstudium erfüllt werden: Abi­tur und ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache. Das ist für ausländische Bewerber nicht immer einfach. Sie besuchen deshalb zu Beginn einen Intensiv-Sprachkurs. Die Berufsaussichten sind positiv: Alle bisherigen sechs Absolventen haben eine Stelle bekommen, entweder in Deutschland oder im Ausland.
Das Leipziger Institut für Traditionelle Jüdische Liturgie bietet einen ganz anderen Rahmen an: Die kostenlose Ausbildung findet im Rahmen von vier Blockseminaren innerhalb von zwei Jahren statt. Derzeit gebe es 16 Studierende, so Koordinatorin Velida Henn. Ein Schwerpunkt liege auf der Liturgie des Schabbat-Gottesdienstes, daher fänden die Blockseminare immer von Donnerstag bis Sonntag statt. „Vieles läuft allerdings auch über das Internet: Unsere Studenten bekommen ihre Hausaufgaben online und müssen dann selbstständig lernen“, sagt Henn. Besonders stolz ist das Institut darauf, dass Joseph Malovany, der weltweit bekannte Kantor der New Yorker Fifth Avenue Synagoge, jeweils zwei der Blockseminare gibt. „Unser ganz großes Ziel ist es, die traditionelle Liturgie wieder zu etablieren“, beschreibt Henn. Auch interessierte Gemeindemitglieder werden als Studenten aufgenommen, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen. „Sie sollen am Ende in der Lage sein, einen kompletten Gottesdienst zu leiten“, so Henn.
Dennoch haben längst nicht alle Gemeinden in Deutschland einen Kantor. „Oft ist dafür einfach kein Geld da“, weiß Israel Meller von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Gerade in kleineren Gemeinden übernehme daher der Rabbiner nicht selten beide Positionen. Daher sind es in Deutschland bislang vor allem die großen Gemeinden, die neben dem Rabbiner auch einen Kantor haben. Kleinere oder finanzschwächere Gemeinden, so Meller, hofften auf Besserung durch Absolventen aus Leipzig.
Mehr Kantoren in Deutschland sind allerdings nicht nur für die Gemeinden, sondern auch aus einer ganz anderen Perspektive ein Zugewinn. So führten etwa die Studenten des Abraham Geiger Kollegs ein reges Konzertleben, erzählt Professor Nemtsov – und brächten auf diese Weise Synagogenmusik auch einem nichtjüdischen Publikum nahe. „Das ist eine Bereicherung für das deutsche Kulturleben generell“, betont er. Dies sei nicht zuletzt eine Intention der Thüringer Tage der Synagogenmusik gewesen, die im Juli in Weimar, Erfurt und Berkach stattfanden. Die Konzerte und Gottesdienste seien voll gewesen, so Nemtsov: „Das war sehr ermutigend.“