14. Jahrgang Nr. 8 / 29. August 2014 | 3. Elul 5774

Zwischen Sefarad und Aschkenas

Mehr als drei Jahrhunderte lang gab es in Hamburg eine blühende jüdisch-portugiesische Gemeinde

Von Michael Studemund-Halévy

Vor einigen Monaten machte eine Ankündigung der spanischen Regierung Schlagzeilen. Das iberische Land, so Ministerpräsident Mariano Rajoy, habe vor, den Nachkommen der vor einem halben Jahrtausend aus Spanien vertriebenen Juden die Einbürgerung zu ermöglichen. Dies sei ein Akt der historischen Gerechtigkeit. Wann und in welcher Form das Gesetz tatsächlich Wirklichkeit wird, ist heute noch unklar. Ein ähnliches Gesetz gab es schon einmal in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu Zeiten der spanischen Republik, doch entfaltete es keine Breitenwirkung. Indessen rückte das neue Versprechen des spanischen Kabinetts die Spanienvertriebenen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.
1492 erließ Spanien ein Edikt, das Juden, die einen Übertritt zum Katholizismus verweigerten, das Verlassen des spanischen Königreichs befahl, 1497 wurden alle portugiesischen Juden zwangsgetauft (Marranen), 1531 führte das benachbarte Portugal ebenfalls die Inquisition ein. Die Zahl der Juden, die damals Spanien verließen, und die Zahl der Marranen, die hundert Jahre später Portugal verließen, lässt sich nur ungenau schätzen. In jedem Fall sind früher genannte Zahlen jüdisch-iberischer Flüchtlinge beziehungsweise Vertriebener inzwischen als überhöht erkannt worden. Modernere Schätzungen gehen von 80.000 Personen aus. Für damalige Verhältnisse war freilich auch das eine massive Migrationsbewegung, die rund acht Prozent aller damals weltweit lebenden Juden erfasste.
Die vertriebenen Sefarden – nach dem hebräischen Namen für die Iberische Halbinsel „Sefarad“ benannt – ließen sich in zahlreichen Ländern nieder. Ein großer Teil von ihnen fand eine neue Heimat im Osmanischen Reich und in Nordafrika. Die bedeutendsten Zentren der Sefarden beziehungsweise Marranen waren unter anderem Saloniki, Istanbul, Kairo, Venedig, Amsterdam, Hamburg und London. Viele machten sich in die Kolonien in der Neuen Welt nach Südamerika und Nordamerika auf.
Die iberischen Sefarden pflegten ihre aus Spanien und Portugal mitgebrachte Religiosität und Hochkultur und entwickelten in den Ländern des Exils eine eigene Sprache, das Judezmo oder Judenspanische, das bis vor einigen Generationen eine wichtige Umgangssprache war. Sie brachten zahlreiche wichtige Rabbiner hervor, darunter Rabbiner Joseph Karo, den Verfasser des Rechtskodexes „Schulchan Aruch“. David Ricardo, einer der Väter der modernen Volkswirtschaftslehre, und der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti waren Sefarden. Die Beispiele ließen sich lange mehren.
Während der Schoa wurden 90 Prozent der auf dem Balkan lebenden Sefarden ermordet, nur die bulgarischen Juden entkamen wie durch ein Wunder der Vernichtung. Seit der Staatsgründung sind zahlreiche türkische und bulgarische Sefarden nach Israel ausgewandert. Mitunter werden auch andere orientalisch-jüdische Bevölkerungsgruppen wie die irakischen oder die persischen Juden als Sefarden bezeichnet, doch ist dies, genau genommen, nicht korrekt.
Auch in Deutschland gab es mehr als drei Jahrhunderte lang eine blühende sefardische Gemeinde. Ihre Anfänge reichen ins späte 16. Jahrhundert zurück. Wie auch in anderen Ländern Nordeuropas ging die Gründung der sefardischen Gemeinde in Deutschland – genauer gesagt in Hamburg, wo 99 Prozent der deutschen Sefarden lebten – mit der Verlagerung des internationalen Handels von den Häfen des Mittelmeers zu den Hafenstädten des Atlantiks einher. Da viele sefardische Juden international tätige Kaufleute waren oder mit dem Handel zusammenhängende Berufe ausübten, bot ihnen diese Entwicklung Chancen, im protestantischen Norden des europäischen Kontinents eine neue Existenz aufzubauen.
Die ersten Sefarden ließen sich in Hamburg Ende des 16. Jahrhunderts nieder. Zum Teil handelte es sich um Zwangsgetaufte, die dann aber zum Judentum zurückkehrten. Die meisten waren portugiesischer Herkunft, sie nannten sich die „Portugiesen“ oder Mitglieder der „portugiesischen Nation“, und ihre Umgangssprache war Portugiesisch. Auf ihre Herkunft waren die „Portugiesen“ sehr stolz. Sie verstanden sich als eine Art jüdische Aristokratie und als Abkömmlinge des königlichen Stammes Juda. Die Hamburger Bürger machten mit Juden Bekanntschaft, die den ihnen aus Büchern, aus Karikaturen, vor allem aber aus den Hetzpredigten der lutherischen Geistlichkeit bekannten Stereotypen gar nicht entsprachen. Die Hamburger sahen mit großen Augen den offen zur Schau gestellten Luxus der „Portugiesen“ und standen mit weit aufgesperrten Mündern vor den prunkvollen Wohnungen der portugiesischen Großkaufleute und Residenten, die die Bewunderung der Besucher hervorriefen. Sie lösten aber auch den Neid der Hamburger aus, die von ihren Geistlichen mit dem Argument aufgehetzt wurden, dass Juden „ihre Häuser wie Paläste bauen“ würden.
Für die Hamburger Lutheraner war die Tatsache, dass die „Portugiesen“ Kutschen besaßen und christliche Dienstboten beschäftigten, schwer mit ihrem Glauben zu vereinbaren, nach dem die Juden in einer christlichen Gesellschaft nur Fremde sein können, den Christen unterworfen sind und nur den Stand der Knechtschaft innehaben dürfen. So protestierte die Geistlichkeit immer wieder gegen die sonn- und festtäglichen Kutschfahrten und Ausritte der wohlhabenden Juden.
Für aschkenasische Juden war die Begegnung mit den „Portugiesen“, die weitgehend auf Abstand zu den Aschkenasen gingen, nicht problemfrei. Mehrere Jahrzehnte nach der Ankunft der ersten Migranten stellten die Sefarden die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Hamburgs dar. So notierte der schwedische Offizier Galeazzo Gualdo Priorato, der im Auftrag des schwedischen Königshauses 1663 in Hamburg weilte: „Es gibt in Hamburg etwa 120 portugiesische und 40 bis 50 deutsche jüdische Häuser.“
Eine einschneidende Wende in der Geschichte der Hamburger „Portugiesen“ war das Erscheinen des selbst ernannten Messias Schabtai Zwi, eines Rabbiners und Kabbalisten aus der türkischen Stadt Smyrna, der sich zum Messias erklären ließ. Unzähligen Juden der Welt schien es, dass das messianische Zeitalter zum Greifen nahe war. Binnen weniger Monate schwoll die sabbatianische Bewegung zu einer Massenbewegung an.
Der messianische Rausch machte auch vor den „Portugiesen“ nicht Halt. Dank ihrer guten Kontakte zur aschkenasischen, aber auch zur christlichen Welt und eines dichten Netzes von Emissären, Reisenden und Pilgern waren die Hamburger Sefarden über die Ereignisse in Smyrna umfassend informiert. Umfassend und vor allem auch schnell, denn die Eintragungen in ihren Protokollbüchern sind exakter und früher als die Berichte der Zeitungen.
Anfang 1666 beschloss der Gemeindevorstand, Sendboten zum vermeintlichen Messias nach Konstantinopel zu schicken. In Erwartung der kommenden Erlösung verkauften sowohl Sefarden als auch Aschkenasen ihr Hab und Gut, was die jüdische Chronistin Glikl Hameln in einer häufig zitierten Passage mit folgenden Worten schilderte: „Einige haben nebbich all das Ihrige verkauft, Haus und Hof, und haben gehofft, dass sie jeden Tag sollen erlöst werden. Mein Schwiegervater – er ruhe in Frieden – hat zu Hameln gewohnt. Also hat er dort seine Wohnung aufgegeben und seinen Hof und sein Haus und seine Möbel, gefüllt mit allem Guten, alles stehen lassen und ist in die Stadt Hildesheim zu wohnen gezogen.“ Als aber am 16. September 1666 Schabtai Zwi gezwungen wurde, zum Islam überzutreten, wurden fast alle Zeugnisse der messianischen Hoffnung vernichtet, umfangreiche Korrespondenzen verbrannt, Eintragungen in den Gemeindebüchern getilgt oder die entsprechenden Seiten herausgerissen.
Mit der Konversion des falschen Messias zum Islam fand die glanzvolle Zeit der „Portugiesen“ in Hamburg ein frühes Ende, doch ging die Geschichte der Gemeinde dennoch weiter. Ende des 17. Jahrhunderts lebten in Hamburg 300 bis 400 „Portugiesen“. Im 19. Jahrhundert kam es zum Zuzug von „Portugiesen“ aus Amsterdam, aber auch aus dem Osmanischen Reich. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts, also gut drei Jahrhunderte nach der Vertreibung von der Iberischen Halbinsel, wurde in der Gemeinde noch immer Portugiesisch gesprochen. Anschließend wurde die Sprache der Vorfahren durch Deutsch verdrängt, doch blieb die jüdisch-iberische Identität den Gemeindemitgliedern wichtig. In der Synagoge folgte man dem alten sefardischen Ritus, der auch viele aschkenasische Glaubensgenossen faszinierte. Noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kamen Aschkenasen in die portugiesische Synagoge, die „Esnoga“. Ein Zeitgenosse schilderte das wie folgt: „Der Hazan (Kantor) und der Samas (Synagogendiener) trugen statt des Baretts Dreimasterhüte, dazu einen Frack, Kniehosen und weiße Strümpfe, während die Füße mit schwarzen Halbschuhen versehen waren. Das alles gab dem Ganzen ein echt mittelalterliches Aussehen, das vielfach an die bekannten Rembrandtbilder erinnerte. An Simchat Tora war es für die aschkenasische Jugend ‚Ehrensache‘, für wenigstens eine halbe Stunde auch ‚Portugiesen‘ zu sein.“
Aus der Hamburger Gemeinde gingen im Laufe der Zeit zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten hervor. Einer von ihnen war der Gemeinderabbiner und Philologe David Cohen de Lara (geb. um 1602, gest. 1674). Ebenfalls im 17. Jahrhundert wirkten die weit über Hamburg hinaus bekannten Ärzte Rodrigo und Baruch de Castro. Von 1919 bis 1931 war der Jurist und mehrfache Vorsitzende der portugiesischen Gemeinde Herbert Pardo Mitglied der Hamburger Bürgerschaft. Pardo, der die Zeit der Schoa in Israel überlebt hatte, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hamburg zurück und war Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde. Der israelische General David Sealtiel (1903 bis 1969) wiederum, der während des Unabhängigkeitskrieges von 1948/49 Jerusalem verteidigte, war ein Sohn des Hamburger Kaufmanns Benjamin Sealtiel.
Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, lebten in Hamburg noch circa 200 „Portugiesen“. Ihnen erging es nicht anders als anderen deutschen Juden: Wer vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht emigrieren konnte oder wollte, wurde während der Schoa ermordet. Dieses Schicksal ereilte rund 80 Hamburger „Portugiesen“.
Heute lassen sich in Hamburg nur wenige Spuren der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde nachweisen. Allerdings wurde der Hamburger Portugiesenfriedhof im Juli 2014 von der Kultusministerkonferenz der Länder der UNESCO als eine Stätte des Weltkulturerbes vorgeschlagen. Über den Antrag wird wahrscheinlich 2017 entschieden. Auf dem Friedhof berichten prunkvolle Marmorgräber mit den Darstellungen biblischer Legenden sowie kunstvolle Grabgedichte in hebräischer, portugiesischer und spanischer Sprache von der Zeit des alten Glanzes.

Michael Studemund-Halévy, docteur ès-lettres, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg